Der Staatsanwalt will drei Männer wegen versuchten Mordes ins Gefängnis bringen.

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Hitlergruß : Wofür schämt sich Harald Ewert?
Torsten Hampel

Hundert Kilometer entfernt, in Schwerin, sind drei Männer zu Hause, die damals auch dabei waren. Sie sind viel jünger als Ewert, und sie sollen zu denen gehören, denen er, der Zuseher, und Tausende andere damals Rückendeckung gaben. Sie sind angeklagt in einem Prozess, der sich mit der schlimmsten Krawallnacht von Lichtenhagen beschäftigt. Er läuft seit November, und es ist der letzte. Die drei Männer sollen nicht bloß rumgestanden und "Heil Hitler" gebrüllt haben wie Ewert, das Gericht versucht ihnen nachzuweisen, dass sie Mecklenburg-Vorpommerns Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber, nachdem sie nächtelang belagert worden war, am Montag, den 24. August 1992, mit Brandsätzen ansteckten. Mittäter von damals haben das früher einmal bezeugt.



Der Staatsanwalt will die drei wegen versuchten Mordes ins Gefängnis bringen. Bisher sind alle Lichtenhagener Haupttäter, so nennt sie die Justiz, wegen Landfriedensbruchs und Brandstiftung vor Gericht gekommen. Die Staatsanwaltschaft Rostock hat von insgesamt 400 Angeklagten 40 verurteilt. Viele zu Jugendarrest, die Höchststrafe betrug drei Jahre Gefängnis. Es ist die erste Mordanklage. Dabei wirft der Schweriner Staatsanwalt den drei Männern genau dasselbe vor wie seine Rostocker Kollegen den anderen Angeklagten vorher. Sie sollen Brandsätze geworfen haben. Doch man kann das verschieden interpretieren. Brandstiftung ist, wenn man ein Haus anzündet, sind Menschen darin, ist es versuchter Mord.



Aber es ist neun Jahre her. Die Anklageerhebung stammt von 1995. Einige der Vorwürfe, der Landfriedensbruch zum Beispiel, sind inzwischen verjährt. Der Schweriner Landgerichtspräsident sagt, sein Haus sei überlastet.



Harald Ewerthat sein Verfahren lange hinter sich. Die Staatsanwälte in Rostock arbeiteten schneller als die in Schwerin, bereits ein Jahr nach Lichtenhagen hat es in Rostock Prozesse gegeben. Auch Ewert bekam einen Strafbefehl. Wegen welcher Straftat, das weiß er nicht mehr. Das hat er schon geschafft zu vergessen. Wegen Hausfriedensbruch, sagt er. Das klingt nicht so schlimm. In den Akten steht es anders. Gefährdung des demokratischen Rechtsstaates, genauer: wegen Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen, Paragraf 86a.



Ein halbes Jahr war vergangen seit Lichtenhagen. Es war der Tag vor dem Osterwochenende und Ewert hat gerade spazieren gehen wollen, wieder runter zum Schwanenteich, dahin, wo er auch seine Freundin kennen gelernt hat und wo er heute immer mit ihrem Hund spazieren geht, wo er sich mit seinen Freunden unterhalten kann, die bei schönem Wetter immer auf der Bank am Ufer sitzen. Er war schon angezogen, als Zivilpolizisten bei ihm klingelten. Die haben ihn ins Auto gesetzt und ins Gefängnis gefahren, weil er seine Geldstrafe von 300 Mark nicht bezahlt hat. 30 Tage Ersatzhaftstrafe in Bützow bei Rostock. Darüber habe er sich geärgert, sagt er. Dass es einen Tag vor Ostern war. "Ja, einen Tag vor Ostern sind die gekommen, wer ärgert sich da nicht?", sagt er.



Ronny S., einer der drei Angeklagten von Schwerin, lebt heute auch im Gefängnis in Bützow. Er wird zur Verhandlung stets in Handschellen gebracht. Alle drei sind stadtbekannte Schläger in Schwerin und haben sich nach 1992 nicht zurückgehalten, Menschen zu verprügeln. Sie haben gestohlen und betrogen. Ihnen kann das Gericht bis heute nur nachweisen, dass sie in Lichtenhagen waren, dass sie hingefahren sind. Mehr herauszubekommen ist nicht einfach, denn die Zeugen und die Angeklagten sagen, sie könnten sich kaum noch an etwas erinnern. Das sagen auch die, die die Angeklagten früher noch belastet haben, als sie selbst vor Gericht standen.



Das kann man ihnen glauben, neun Jahre sind eine lange Zeit, manchmal ist das Beharren auf dem Vergessen aber auch absurd. Der Nebenklage-Anwalt fragt den Zeugen R.: "Herr R., wer ist eigentlich Maja Bergholz?"



"Den Namen habe ich schon mal gehört, aber ich weiß jetzt nicht, wo ich ihn einordnen soll."



"Herr Ritter, das war mal Ihre Freundin. Das haben Sie selbst mal ausgesagt."

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