Ewert schämt sich wegen seiner nassen Hose auf dem Foto

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Hitlergruß : Wofür schämt sich Harald Ewert?
Torsten Hampel

So geht das die ganze Zeit. Die Belastungszeugen sagen, sie können sich nicht erinnern, manche werden auch von Freunden der Angeklagten bedroht, und sagen deshalb nichts. Und die Nebenklage versucht, sie und ihr Vergessen unglaubwürdig zu machen.



Auch am Tatort in der Mecklenburger Allee in Lichtenhagen erinnert wenig an die Angriffe von 1992, warum sollte es auch nach so langer Zeit. Die Wiese, auf der sich die jungen Gewalttäter und die Tausenden Schaulustigen versammelt hatten, ist zugebaut. Ein Einrichtungshaus steht jetzt darauf, neben der alten Spar-Kaufhalle, auf der sich die Fernsehteams postiert hatten, stehen zwei neue Supermärkte, Textilreinigung, Frisör. Das ehemalige Asylbewerberheim ist wieder hergerichtet.



Wolfgang Richters Satz von der Entscheidung zwischen Unrecht und der Unordnung ist im Prozess gefallen. Richter sitzt als Nebenkläger mit im Saal. "Der Prozessverlauf ist deprimierend", sagt er. Beweismittel wie zum Beispiel Videobänder fehlen, obwohl das Gericht sie leicht hätte beschaffen können - es gibt stundenlange Aufzeichnungen aller großen Fernsehsender von den Brandnächten. Und sein Anwalt, sagt Wolfgang Richter, habe noch nie so einen lethargischen Richter wie hier in Schwerin erlebt.



Wolfgang Richters Gesicht ist zur selben Zeit bekannt geworden wie das von Harald Ewert, die, die 1992 fernsahen, kennen es gut. Richter war in der Nacht vom 24.August, wie in allen anderen Krawallnächten zuvor, bei den eingeschlossenen Menschen im Heim dabei.



Er kennt das alles von innen, und am letzten Tag, eben dem 24.August, war ein Kamerateam des ZDF mit dabei. Es hat Menschen in Todesangst gefilmt. Wolfgang Richter, schwarze Locken, Vollbart, verschwitzt. Er sagt ein paar Sätze in die Kamera, jemand hält eine Taschenlampe auf sein Gesicht, das Treppenhaus ist dunkel, der Strom im Haus ist ausgefallen. Da brannte es schon unten im Parterre, die Angreifer waren ins Haus gelangt, kamen Etage um Etage näher. Fluchttüren in die Nachbaraufgänge waren verschlossen, die Dachluke ging nicht auf. Polizei war keine mehr da, weil statt der 200 zusätzlich angeforderten Beamten 200 abgezogen worden waren. 74 Polizisten waren verletzt, 50 noch im Einsatz. Die hatten genauso Angst wie die Menschen im Heim und sind weggerannt. Die Feuerwehr kam nicht durch, die Randalierer stellten sich ihr in den Weg.



Die Feuerwehr hebt alle Anrufe auf, die bei ihr eingehen. Auch das Tonband, auf dem Wolfgang Richters Stimme zu hören ist. Es ist sein zweiter Anruf in dieser Nacht, zur Polizei kommt er nicht durch, der Notruf ist seit einer halben Stunde besetzt. Wo bleibt die Feuerwehr, fragt er. Hier seien 115 Menschen, das Haus voller Qualm. Er schluchzt, er redet hastig, die Stimme kippt, der Feuerwehrmann am anderen Ende der Leitung ist hilflos, er versucht, Richter zu beruhigen, wir sind ja ganz in der Nähe, wir kommen, verlassen Sie sich drauf. Da weiß er schon, dass die Randalierer seine Löschwagen nicht durchlassen.



Und Ewert schämt sich wegen seiner nassen Hose auf dem Foto. Dafür, dass er nicht beweisen kann, bloß Bier draufgekippt zu haben. Kein bisschen wegen dem erhobenen Arm? Oder wegen des T-Shirts der Fußballnationalmannschaft, schwarzrotgold auf weiß, mit dem er den Ausländern gegenüber gezeigt hat, wer der Herr im Hause ist? Kein bisschen dafür, dass die Feuerwehr auch wegen Leuten wie ihm, dem Zuschauer, nicht durchkam?



"Ich will, dass sowas wie in Lichtenhagen nicht mehr passiert", sagt er. Das sei einer seiner Wünsche für die Zukunft. Vorher kommen noch Arbeit und Frieden. Das hat er auf dem Weg in das Lokal, in dem er sitzt, schon einmal so gesagt. Arbeit, kein Krieg, nie mehr Lichtenhagen. Und dass ihm die kurzhaarigen Jungs, die hier herumlaufen, "auf den Sack gehen". Die sollten sich am besten selbst die Köpfe einschlagen und die anderen in Ruhe lassen.



Er hat auch darüber geredet, dass er eigentlich nie ins Lokal gehe. Das könne er sich nicht leisten bei 800Mark im Monat. Früher war er einmal Baumaschinist, alle Rostocker Platten-Viertel habe er mit aufgebaut, sagt er, "Evershagen, Lichtenhagen, Lütten Klein und zum Schluss Schmarl". Seit zehn Jahren ist er arbeitslos.



Ein Foto kann man benutzen. Der hässliche Deutsche. Den gibt es. Und er hatte 1992 das Gesicht von Harald Ewert. Und man kann Randale benutzen. In einer Verhandlungspause, auf dem Gang im Landgericht sagt Richter, "Rostock wurde hoch gekocht als Argument für den Asylkompromiss". Er meint damit, man habe ganz viele Flüchtlinge nach Rostock geschickt, die Einheimischen überfordert, ein bisschen Ärger provoziert. "Und dann ist es ihnen entglitten", sagt Richter, "wurde zu groß." Ob er das belegen könne, fragt ihn später der Staatsanwalt. Oder war es vielleicht doch nur ein unglückliches Versagen der Polizei, ganz ohne Hintergedanken? Nein, beweisen könne er das nicht, sagt Richter, aber die Wahrheit liege wie immer in der Mitte.

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