{Was damals geschah, ist Ewert heute ziemlich egal}

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Hitlergruß : Wofür schämt sich Harald Ewert?
Torsten Hampel

Er erzählt davon, dass das alles lange vorher absehbar war, berichtet von den Gesprächen mit Rostockern damals, die sich lange vorher bei ihm wegen der Zigeuner beschwert hätten, die tagelang vor dem Heim lagern mussten, weil ihre Asylanträge viel zu langsam bearbeitet wurden. Nicht wegen der Vietnamesen, die schon lange in Lichtenhagen lebten.



1200 Flüchtlinge sind an einem einzigen Sommerwochenende damals in Lichtenhagen angekommen, die Beamten in der Ausländerbehörde waren nicht da. Schon ein paar Monate zuvor, zu Ostern, hatten die einmal ein Schild vor die Tür gehängt, über die Feiertage könnten keine Menschen aufgenommen werden, stand drauf. 1200 Menschen ohne Geld, die auf der Wiese vor dem Asylbewerberheim campierten. Mobile Toiletten sind ihnen von der Behörde verweigert worden, man dürfe da keine "Tatsachen schaffen", hieß es.

Gegen die Vietnamesen hatten sie nichts in Lichtenhagen. Die bekamen sie ja nicht zu Gesicht, die waren immer im Haus. Das alles erzählt Richter, und dann sagt er seinen Satz: "Wenn der Deutsche wählen kann zwischen Unordnung und Unrecht, dann wählt er Unrecht." Seine deutlichste Erinnerung an damals, sagt er, ist "die schreiende grölende Menge, dieser Jubel". Wir kriegen euch alle. "Es gab einen regelrechten Besucherstrom nach Lichtenhagen", sagt er, die meisten Zuschauer waren nicht von da, reisten extra an. Wie Ewert.

20 Jahre danach - das geschah in Rostock-Lichtenhagen:

20 Jahre Pogrom von Rostock-Lichtenhagen
Feuer in der Stadt. Nach zweitägigen rassistischen Exzessen warfen in Rostock-Lichtenhagen Jugendliche Molotowcocktails in ein Wohnheim, in dem Vietnamesen lebten.Weitere Bilder anzeigen
1 von 32Foto: Frieder Blickle/laif
22.08.2012 13:14Feuer in der Stadt. Nach zweitägigen rassistischen Exzessen warfen in Rostock-Lichtenhagen Jugendliche Molotowcocktails in ein...


Und der hat jetzt aber wirklich genug. Ob das Glühweinglas in seiner Hand deshalb zittert, weil er zu betrunken ist oder noch nicht betrunken genug, wer weiß. Vielleicht auch deshalb, weil er eben am Schwanenteich, auf dem Weg hierher, hingefallen ist. Er kam nur schwer wieder hoch, immer noch das Bier in der Hand, hat gekeucht, musste erstmal stehen bleiben und durchatmen.

Er fängt jetzt an zu meckern, über eine Frau, hinten in der Ecke des Lokals, die kenne er, die habe ihn einmal schlecht gemacht im Viertel. Die habe rumerzählt, dass er keine Fahrerlaubnis hat. Dabei hat er doch den Gabelstaplerschein. Und fährt einen Motorroller. Er will nicht mehr aufhören zu fluchen, die Kellnerin schaut herüber.



Der Führerschein. Harald Ewert hat Angst um seinen Ruf. Lichtenhagen ist für ihn weit weg. Sein Foto in den Zeitungen auch. Was damals geschah, ist ihm heute ziemlich egal. In seinem Viertel aber, in Reutershagen, muss er leben.

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