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Im Gewaltrausch : Jenaer Neonazi-Trio plante Propagandaoffensive

Es ist der 7. September 2011, die beiden Männer berauben die Sparkassenfiliale im thüringischen Arnstadt. Die Überwachungskamera zeigt Uwe M. und Uwe B., komplett vermummt und gekleidet mit Kapuzenjacken, Jogginghosen und Handschuhen. Einer der beiden hält den linken Arm hoch, die Hand mit der Pistole zeigt leicht abgeknickt nach unten. So wie es coole Killer heute in Filmen tun. Thüringer Neonazis mit dem Habitus von Video-Clip-Heroes.

Zeugen der mindestens 14 Banküberfälle berichten der Polizei, die Täter seien „äußerst brutal“ aufgetreten. Der Ausdruck ist vermutlich noch milde, wenn man auf die Morde an den Migranten und die Heilbronner Polizistin schaut. Der türkische Blumenhändler Enver Simsek wird am 9. September an seinem Blumenstand in Nürnberg von acht Schüssen getroffen. Die Täter ballern aus zwei Pistolen. Eine ist die Ceska, die vor wenigen Tagen in der Zwickauer Brandruine gefunden wurde und von Spezialisten des Bundeskriminalamts als Tatwaffe bei allen Döner-Morden identifiziert wurde.

Am 13. Juni 2001 wird, ebenfalls in Nürnberg, der türkische Schneider Abdurrahim Özüdogru mit zwei Kopfschüssen hingerichtet. Das nächste Opfer wird mit drei Kopfschüssen getötet. Bei Mord Nummer 4 sind es wieder zwei Schüsse in den Kopf des Opfers. Mord Nummer 5: drei Kopfschüsse. Und so ähnlich geht es weiter, über die Döner-Morde hinaus. Das zehnte Opfer, die Heilbronner Polizistin Michèle Kiesewetter, stirbt auf einem Parkplatz. Durch einen Kopfschuss. Ihr Kollege wird durch weitere Schüsse schwer verletzt. Warum die Beamtin sterben musste, bleibt unklar. Weil die Neonazis Polizisten hassten, wie es in der Szene üblich ist? Oder weil die aus Thüringen stammende Kiesewetter Uwe M., Uwe B. und Beate Z. erkannt hat und deshalb zum Schweigen gebracht werden sollte? Jedenfalls hielten Uwe M. und Uwe B. die Methode der Kopfschüsse bis zum bizarren Finale durch. Die Männer töteten sich offenbar, gegenseitig oder jeder selbst, am 4. November mit Schüssen in den Schädel – in einem brennenden Wohnmobil in Eisenach.

Hinweise auf Komplizen haben die Behörden offenbar nicht. „Es gibt bislang keine weiteren konkreten Tatverdächtigen“, sagt ein Sprecher der Bundesanwaltschaft. Dennoch bleibt offen, ob das Trio tatsächlich in der Lage war, sich mehr als 13 Jahre ohne Hilfe von rechten Kameraden oder anderen Leuten durchzuschlagen. Auch das wäre kaum fassbar.

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