Infrastruktur im Himalaya : Wie der Straßenbau Nepal für immer verändert

Im Hochland Nepals werden die letzten Winkel erschlossen - oft mit Geld aus China. Die Menschen fürchten um ihre Lebensweise.

Bald überflüssig? Bislang schleppen Esel Nahrungsmittel und Kerosin zu den Siedlungen hinauf.
Bald überflüssig? Bislang schleppen Esel Nahrungsmittel und Kerosin zu den Siedlungen hinauf.Foto: Felix Hackenbruch

Lange bevor die Bagger in der saftig-grünen Landschaft zu sehen sind, hört man sie. Es rattert, es kracht, dann ein dumpfer Aufschlag. Die Erde wackelt. Felsen werden aufgebrochen, Gestein abgebaggert und den Hang hinabgeschüttet. Krachen, Aufschlag, Erschütterung. Immer wieder, von Sonnenaufgang bis zum Anbruch der Dunkelheit. Es ist keine normale Baustelle, sondern Straßenbau fast 3000 Meter über dem Meeresspiegel. Hier im Solukhumbo, der Region unterhalb des Mount Everest, werden die letzten Winkel des Himalayas erschlossen – und Nepal für immer verändert.

Nur ein paar Meter vom Bagger entfernt steht ein etwa vierzigjähriger Mann vor seinem Haus. Direkt unter seinem Grundstück, neben einer Koppel, auf der zwei Dutzend Maulesel stehen, wird der Fels aufgebohrt und abgetragen. Nur wenig Englisch spricht der Mann, doch dass ihn die Baustelle bewegt, ist schon an seiner Mimik und Gestik zu sehen. Schon seine Eltern haben in dem Haus im verzweigten Dorf Bupsa am und vom alten Pfad gelebt, sagt er.

Bald sind die Esel überflüßig

Jahrhunderte führte die einzige Handels- und Versorgungsroute aus dem Tal zu den Sherpa-Dörfern weiter oben durch Bupsa. Bald werden die ausgetretenen Steinstufen hinauf zu den höchsten Bergen der Welt wohl nur noch von ein paar Trekking-Touristen genutzt. Der Mann schaut skeptisch auf die Bagger, zeigt dann auf seine Esel. Bislang schleppen sie Kerosin, Lebensmittel, Getränke und Hygieneartikel. Bald sind sie überflüssig.

Schwieriges Gelände. Eine Eselkarawane auf dem Weg ins Tal.
Schwieriges Gelände. Eine Eselkarawane auf dem Weg ins Tal.Foto: Felix Hackenbruch

So wie weiter unten, denn längst durchziehen Schotterstraßen die Hänge wie Adern. Wo Jeeps und Lastwagen Staub aufwirbeln, braucht es keine Esel-Karawanen und menschlichen Träger mehr. Der süßliche Geruch von Eseldung, die strengen Rufe der Eseltreiber – mit jedem Meter Straßenbau verschwinden sie.

China baggert in 20 Tälern

Nicht nur im Solukhumbo rücken in Nepal die Bagger an. Stück für Stück werden die entlegenen Himalaya-Dörfer erschlossen, erst mit Straßen, dann mit Funkmasten. Das bergige Land wächst zusammen. Finanziert werden die Infrastrukturprojekte nicht selten aus China. Die Regierung in Peking sieht in Nepal ein strategisches Transitland für sein Projekt der „Neuen Seidenstraße“. Der schnellste Weg zu den wichtigen Märkten Indiens führt direkt über das Dach der Welt. Zu den ehrgeizigen Infrastrukturprojekten, die Peking verwirklichen will, gehören ein Tunnel und eine Bahnstrecke zwischen Kathmandu und Tibet, das die Volksrepublik 1950 annektiert hat und für sich beansprucht. Auch zahlreiche Straßen entstehen. Vor allem Nord-Süd-Verbindungen sind für China interessant. Aktuell wird in rund 20 Tälern gebaggert.

Namche Bazar erreicht man nur zu Fuß. Zum nächsten Flughafen ist es ein langer Tagesmarsch, zur nächsten Straße (noch) eine knappe Woche.
Namche Bazar erreicht man nur zu Fuß. Zum nächsten Flughafen ist es ein langer Tagesmarsch, zur nächsten Straße (noch) eine knappe...Foto: Felix Hackenbruch

„Mit ihren massiven Investitionen verfolgen die Chinesen vorrangig ein Eigeninteresse und definitiv nicht die Strategie einer wirtschaftlichen Verbesserung im Nachbarland Nepal“, sagt Peter Hinze. Der Journalist bereist Nepal seit mehr als 30 Jahren, hat zahlreiche Bücher und Berichte über das Land verfasst. Die Auswirkung der Bauaktivitäten der Chinesen hat er vielerorts schon erlebt. „Noch ist es nur eine schmale Piste, doch es wird nicht lange dauern, dann werden die ersten Autos dort rollen.“ Hinze fürchtet um das kulturelle Erbe Nepals. Vor Ort hält sich die Kritik an Chinas Expansionsplänen jedoch in Grenzen. Denn auch ohne guten Willen bringen die neuen Straßen Fortschritt für viele Einheimische. „Die medizinische Versorgung profitiert ebenso wie der Handel und Schul- und Ausbildungsmöglichkeiten“, sagt Hinze.

Zum nächsten Mark sind es zwei Tagesmärsche

Die Veränderung bietet Chancen, findet auch Passang Gelje. „Durch die Straße können die Menschen hier hoffentlich ihre Waren nach Kathmandu oder den Rest Nepals verkaufen.“ Der 35-Jährige vom Volk der Sherpa hat sein ganzes Leben im Solukhumbo verbracht, kommt aus einem kleinen Dorf unterhalb von Bubsa. „Es ist nicht einfach, hier zu wohnen“, sagt Gelje. Die meisten Bewohner der Dörfer arbeiten in der Landwirtschaft. Viele besitzen nur ihre einfachen Holzhütten, etwas Vieh und ein paar Meter Ackerfläche. „Bislang können die Bauern ihre Waren nur auf den Märkten in Lukla oder Namche Bazar verkaufen.“ Eineinhalb bis zwei Tagesmärsche entfernt. Gelje hofft, dass die Straße neue Absatzmärkte erschließt. Schließlich wachsen auf den terrassierten Hängen Gemüse und Früchte aller Art: Hirse, Reis, Mais, aber auch Mandarinen, Äpfel, Kartoffeln, Kohl und sogar Kiwis.

Sein Vater lebe noch im Dorf, doch viele der anderen Häuser stünden leer, sagt er und deutet auf Hütten am gegenüberliegenden Hang. „Wer nicht im Tourismus arbeitet, hat große Wettbewerbsnachteile“, sagt Gelje. Dass die Straße mehr Touristen in die Region bringe, glaubt er nicht, trotz der Ankündigung der Regierung, die Besuche im Land 2020 auf zwei Millionen zu verdoppeln. „Die Regierung redet viel, tut aber wenig“, sagt Gelje. Er hat nicht auf neue Straßen gewartet. Vor zehn Jahren verließ er seinen Heimatort, betreibt nun einen kleinen Imbiss in der Touristenstadt Namche Bazar.

Bagger erschließen den Himalaya.
Bagger erschließen den Himalaya.Foto: Felix Hackenbruch

Mehr als 30 000 Wanderer aus der ganzen Welt kommen hier jährlich durch. Wer zum Base Camp des Mount Everest will, muss durch das kesselförmige Namche Bazar. Das Geld der Touristen hat für einigen Wohlstand bei vielen Sherpa-Familien geführt. Doch die Trecking-Saison von September bis Dezember ist kurz und schon jetzt überfliegen viele Ausländer die unteren Dörfer des Solukhumbo und landen auf der spektakulären Landebahn im höher gelegen Lukla. Der Weg nach oben verkürzt sich so von drei Wochen auf zehn Tage.

Und so geht weiter unten bei denen, die vom Tourismus profitieren, die Angst vor der Straße um. „Wer soll hier noch übernachten, wenn direkt vor dem Haus die Jeeps und Lkws vorbeifahren“, fragt Pramina Khaling. Es ist ein regnerischer Dezembertag, als sie am Küchenfenster der Gorkhali Lodge in Jubing steht. Vor ihrem Grundstück sind am Vortag gelbe Bagger aufgetaucht, haben Steinplatten abgebaggert, Bäume und Sträucher aus dem Boden gerissen und alles platt planiert. Wo gerade noch ein jahrhundertealter Pfad war, liegt nun eine lehmige Matschpiste. Für die 25-jährige Khaling und ihre Familie der Beginn einer ungewissen Zukunft. Ihre Eltern haben es mit der kleinen Unterkunft zu etwas Wohlstand gebracht. Als das Erdbeben das Gasthaus zerstörte, bauten sie es umgehend wieder auf. Ohne Hilfe der Regierung, betonen sie stolz. Kahling hilft ihren Eltern in der Hauptsaison aus, den Großteil des Jahres verbringt sie in Kathmandu.

Nepals Städte wachsen rasant

Wie Passang Gelje und Pramina Khaling verlassen viele junge Menschen ihre Heimat und strömen in die Städte. In der Hauptstadt Kathmandu hat sich die Bevölkerung in den vergangenen 30 Jahren verdreifacht. In Pokhara, der zweitgrößten Stadt Nepals, wuchs sie um ein Vierfaches. Können neue Straßen der Landflucht entgegenwirken?

„Die Straße bringt ihr Gutes und ihr Schlechtes.“ Der Transport werde einfacher, die medizinische Versorgung bestimmt auch, glaubt Pramina Khaling. Ihre Mutter hinkt. „Touristen werden hier im Dorf aber wohl keine mehr anhalten“, vermutet sie. Ihre Familie hat schon überlegt, wie man das Geschäft umbaut. Vielleicht ein Restaurant oder eine Tankstelle. Durch das Küchenfenster blickt sie nachdenklich auf den Bagger. Ein paar Esel mit nassem Fell und Kerosinflaschen auf dem Rücken trotten durch den Matsch. „Wenn sich die Zeiten verändern, müssen wir uns eben auch verändern.“

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