Scholl-Latour über Gebrechlichkeit im Alter, Opium und politische Prognosen

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Interview mit Peter Scholl-Latour : "Ich verstehe mich gut mit Ganoven"
Peter Scholl-Latour.
Peter Scholl-Latour.Foto: Imago

Haben Sie sich eine Tropenkrankheit eingefangen?

In der Armee haben wir dauernd Fieber gehabt. Vor allem Amöbenruhr und solches Zeugs. Am Ende war die Mannschaft auf ein Drittel reduziert. Ich habe Gott sei Dank nie eine richtige Malaria gehabt, nur sehr schwere Anfälle bis 1968, so, dass ich die Matratzen durchgeschwitzt habe. Das muss irgendein Denguefieber gewesen sein.

Die beste Hotelbar?

Die vom Oriental in Bangkok. Als ich Reporter war, hatten wir dort unser Hauptquartier. Wenn wir aus Vietnam oder Kambodscha zurückkamen, war das die große Entspannung. Wenn es kalt ist, trinke ich mehr Wodka, wenn es warm ist, Whisky. Und Martini Dry, den gibt es im Berliner Kempinski sehr gut.

Herr Scholl-Latour, Sie leben unglaublich aktiv. Haben Sie Angst, eines Tages gebrechlich zu sein?

Ich habe keine Angst, ich weiß, dass es passieren wird. Ich kann morgen einen Schlaganfall bekommen, oder man kann bei mir in einer Woche Demenz diagnostizieren.

Gunter Sachs hat sich beim ersten Anzeichen von Alzheimer erschossen.

Ich verstehe das. Ich möchte auch gern in Würde sterben. Aber wenn es nicht sein soll: Ich bin sehr katholisch erzogen, Selbstmord würde mir schwerfallen. Ich habe eine Patientenverfügung. Jahrelang an Schläuchen zu hängen, das ist auch nicht der Wille Gottes, das kann man mir nicht einreden.

Wir treffen uns in Ihrer Wohnung über den Dächern Charlottenburgs. Ikonen an der Wand, orientalische Teppiche, chinesische Möbel – alles Souvenirs?

Ja. Meine schönste Ikone liegt in Moskau, die habe ich noch nicht rausbekommen. Zwei Drittel, von dem, was Sie hier sehen, müsste weggeschmissen werden. Ich will Ihnen zeigen, woran ich hänge. Die Kalligrafie hinten an der Wand stammt vom Bruder des letzten Kaisers von China, Pujie. Da steht mein Name drauf, auf Chinesisch, das kann ich natürlich nicht lesen. Chinesen, die hier waren, haben das Gedicht sofort erkannt. Es stammt aus der Tang-Zeit, also der Zeit Karls des Großen.

Die Seidentücher, die Sie um den Hals tragen, sind ein Markenzeichen von Ihnen. Woher haben Sie die?

Die holt meine Frau irgendwo. Krawatten zu tragen, ist ja spießig geworden. Außerdem hat der Hals, wenn man 90 ist, nicht mehr die gleiche Glätte wie mit 30. Im Grunde gibt es zwei Leute, die die heutige Männermode geprägt haben. Der eine ist Arafat mit seinem Bart – es muss ja jeder heute mit so einem Bart rumlaufen. Der andere ist Ben Gurion, der trug diesen offenen Kragen.

Und was ist das für ein Armreif, den Sie da haben?

Das ist eine Art Ehering. Den habe ich von meiner Frau geschenkt bekommen. Ein Meo-Ring. Er stammt von einem schamanistischen Gebirgsstamm in Laos. Sie haben aufseiten der Franzosen gekämpft, deshalb kenne ich sie gut. Später waren sie mit den Amerikanern verbündet und jetzt, nach dem Sieg der Kommunisten, leben sie über die ganze Welt verstreut. Ein unglückliches, wackeres Volk. Opiumproduzenten.

Haben Sie Opium geraucht?

Ich habe es ein paar Mal versucht, ohne große Wirkung. Vielleicht habe ich es nicht richtig gemacht. Es ist nicht so, dass da erotische Zauberwelten entstehen. Man entspannt sich. Auch ganz schön.

Ihre politischen Prognosen wirken sehr düster.

Geben Sie mir einen Grund zu großer Heiterkeit, ich will gerne einstimmen.

Sehen Sie eine positive Entwicklung?

Was in China passiert ist, ist ein Wunder. Das ärmste Land der Welt ist zu einer wirtschaftlichen Macht herangewachsen. Den Leuten geht es besser und besser, entgegen den Behauptungen unserer Medien. Verglichen mit der Industrialisierung Großbritanniens, die grauenhaft war, ging die in China sehr human vonstatten.

Was war Ihr größter politischer Irrtum?

Ich habe gedacht, dass die Fußball-WM in Südafrika im Chaos enden würde. Und die verlief fabelhaft. Sonst erkenne ich keinen Irrtum an.

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