Investigativ-Journalist in Ghana : "Es ist normal, dass sie dich jagen"

Ein Kollege wurde jüngst auf offener Straße erschossen: Trotzdem macht Journalist Anas mit seinen Recherchen zu Menschenrechtsverletzungen und Korruption weiter.

Gelbe Perlenschnüre verbergen Anas´ Gesicht vor der Öffentlichkeit.
Gelbe Perlenschnüre verbergen Anas´ Gesicht vor der Öffentlichkeit.Foto: Francis Kokoroko/Reuters

Gelbe Perlenschnüre verbergen sein Gesicht vollständig. Sie reichen ihm von der roten Hutkrempe bis auf die Brust hinunter. Nur ein paar schwarze Locken erahnt man im Nacken. Anas Aremeyaw Anas muss sich verhüllen. „Journalismus ist eine gefährliche Profession“, sagt er. Zumindest die Art von Journalismus, die er macht. Mit der er unbequem ist und den Mächtigen in seinem Land immer wieder das Leben schwer macht. Dafür trachten sie ihm nach seinem Leben. Am Montag ist Anas Aremeyaw Anas aus Ghana ausgezeichnet worden. Er hat vom Weltverband der Sportjournalisten den Award für Investigative Reporting bekommen.

Tags darauf sitzt er in einem Hotelzimmer in Lausanne. Sein Gesicht zeigt er auch jetzt nicht. Er verhüllt sich bei öffentlichen Auftritten stets mit dem Hut und den Perlen, die zu seinem Markenzeichen geworden sind. Und auch sonst verrät seine Verkleidung wenig. Seine Identität ist rätselhaft – und soll es bleiben. Bekannt ist über ihn nur, dass er aus dem Norden Ghanas stammen soll und in Accra aufgewachsen ist. Dort hat er auch Journalismus studiert. Geboren ist er, nach eigener Aussage, Ende der Siebziger Jahre.

Die Menschen lieben ihn für das, was er tut. Die Mächtigen hassen ihn dafür

Seit mehr als zehn Jahren erregen seine Dokumentationen immer wieder Aufsehen. Seine Recherchen beschäftigen sich dabei vor allem mit der Verletzung von Menschenrechten und Korruption. Dafür ist er in Ghana und anderen Ländern Afrikas auf Reisen. Die Menschen lieben ihn für das, was er tut. Die Mächtigen hassen ihn dafür. Für seine Enthüllungen wurde Anas vielfach ausgezeichnet. Nun also auch für seine Recherchen zu Spielmanipulation im Fußball.

Sogar der ehemalige US-Präsident Barack Obama hat seine Arbeit einmal gewürdigt. 2009 sagte er auf einer Reise: „Unabhängige Medien, ein beschwingter privater Sektor, eine zivile Gesellschaft. Das sind die Dinge, die eine Demokratie lebendig machen. Wir sehen diesen Geist in mutigen Journalisten wie Anas, der sein Leben riskiert hat, um die Wahrheit zu berichten.“

Anas spricht von guten Mächten und von bösen. „Wenn du versuchst, zu Gutes zu tun, versuchen dich die Bösen zu stoppen. Für mich ist es das Signal: Wir tun etwas, das sie nicht mögen.“

Immer wieder nimmt Anas in seiner Arbeit die Mächtigen ins Visier. Auch Regierungen und deren Mitarbeiter. Davon zeugen seine Dokumentationen. In „Ghana in the Eyes of God“ hat er 2015 über Bestechung der höchsten Richter des Landes berichtet; in „Spirit Child“ legte er Kindstötungen in seiner Heimat und Burkina Faso offen. Und in „Spell of the Albino“ dokumentierte er Morde an Albino-Menschen in Tansania.

Morddrohungen gehören für den Undercover-Journalisten zum Alltag

Anas arbeitet undercover. Er filmt mit verdeckter Kamera. Auch die Geldübergaben, die er mitunter selbst über Agenten initiiert hat. Das hat ihm auch schon Kritik eingebracht. Er nennt seine Methoden „unkonventionell“. Er tut das, was in seinen Augen nötig ist, um die Wahrheit offenzulegen. „Name, shame and jail“, sagt er, sei sein Motto – benennen, bloßstellen, ins Gefängnis bringen. „Es ist normal, dass du dafür Morddrohungen bekommst. Es ist normal, dass dich die Leute jagen. Dass traurige Dinge passieren.“

Traurige Dinge wie die Drohungen, Verschleppungen oder Ermordungen, die Journalisten weltweit erfahren. Dem Bericht der Organisation „Reporter ohne Grenzen“ zufolge sind allein im vergangenen Jahr 63 professionelle Journalisten, 13 Bürgerjournalisten und vier Medienmitarbeiter bei ihrer Arbeit ums Leben gekommen.

Auch Anas ist sich der permanenten Bedrohung bewusst. „Die Gefahr ist für uns nicht größer als in anderen afrikanischen Ländern. Oder Ländern in Osteuropa“, sagt Anas. „Wenn du bestimmten Leuten permanent auf die Füße trittst, kommen sie irgendwann, um dich zu holen.“

Sie sind ihm zuletzt sehr nahe gekommen. Sein Kollege Ahmed Hussein-Suale wurde vergangene Woche ermordet. Hussein war für Anas einer der engsten Vertrauten, wie ein Bruder, wie er sagt. Mit ihm hat er gemeinsam den großen Skandal im afrikanischen Fußball enthüllt, für den Anas nun in Lausanne ausgezeichnet wurde. „Ich widme diesen Preis meinem Freund. Ich weiß, er hätte ihn mit mir entgegengenommen, hätte es diesen Vorfall nicht gegeben.“

Anas nennt es einen Vorfall. Von einer Hinrichtung zu sprechen, ist wohl treffender. Es war am Mittwochmorgen vergangener Woche. Ahmed Hussein fuhr im Auto nach Hause. In Madina, einem Vorort Accras, stoppten zwei Männer auf Motorrädern seinen Wagen. Sie schossen aus nächster Nähe. Zwei Mal trafen die Kugeln, in Brust und Genick. Ahmed Hussein hinterließ Frau und Tochter.

"Wir werden nie aufgeben. Denn Journalismus ist kein Verbrechen."

Anas erzählt davon langsam und leise mit monotoner Stimme, wie eigentlich die ganze Zeit im Gespräch. Es soll wohl auch zeigen: So sehr er betroffen ist von diesem Verlust, vom Schicksal seines Freundes, beeindrucken, gar einschüchtern oder stoppen in seiner Arbeit wird ihn das nicht. „Es gibt viele Länder, in denen Journalisten für ihre Arbeit sterben oder im Gefängnis sitzen. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um ihnen zu gratulieren: Weil sie dafür kämpfen, die Demokratie zu verbessern“, sagt er. „Wir werden nie aufgeben. Denn Journalismus ist kein Verbrechen.“

An „Number 12“ haben Anas und sein Team über zwei Jahre gearbeitet. Am Ende ist eine Kooperation mit der britischen BBC entstanden. Es geht um Spielmanipulation im Fußball, in Ghana und verteilt über ganz Afrika. Betroffen sind nationale und internationale Spiele. Die Dokumentation zeigt immer wieder auch Spielszenen. Der Schiedsrichter pfeift Elfmeter und einfach niemand weiß, warum. Später sieht man den Unparteiischen in einem Büro sitzen. Eine Handvoll Dollar wechselt den Besitzer. Mehr als 100 Schiedsrichter und andere Offizielle haben Anas und sein Team in ähnlichen Situationen gefilmt.

Die aufgedeckte Korruption im Fußball hat in Afrika viel Wirbel ausgelöst. In Anas' Heimat Ghana ist die Leidenschaft für den Sport sehr ausgeprägt. Die Menschen fühlen sich um ihre Emotionen betrogen. Dabei ist das noch eine der vergleichsweise wenig schockierenden Recherchen.

Anas und sein Team treffen mit ihren Geschichten den Nerv der Menschen. Genau das will er auch. So versteht er Journalismus. „Unser Job ist doch ganz einfach: Wir müssen die Menschen antworten lassen auf den Missbrauch von Macht.“ Es sei die Wahl zwischen Demokratie und Chaos, sagt er. Und wenn er sich entscheiden muss, dann wird er, trotz der Bedrohung, immer die Demokratie wählen. Das Risiko sei es wert und notwendig, sagt er.

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen 4 Wochen Tagesspiegel Plus!