Jeffrey Epsteins Tod in der Gefängniszelle : Die Stunde der Verschwörungstheoretiker

Jeffrey Epstein soll Minderjährige missbraucht und einen Prostitutionsring betrieben haben. Jetzt untersucht das FBI den mysteriösen Tod des Milliardärs.

Joana Nietfeld
US-Unternehmer Jeffrey Epstein nimmt an einer Gerichtsverhandlung teil.
US-Unternehmer Jeffrey Epstein nimmt an einer Gerichtsverhandlung teil.Foto: Uma Sanghvi/dpa

Nach dem Tod des Sexualstraftäters und Investmentbankers Jeffrey Epstein in seiner Gefängniszelle im Metropolitan Correctional Center in Manhattan werden Anschuldigungen gegen die Gefängniswärter laut. Justizminister William Barr teilte sein Entsetzen über den „offenkundigen Suizid“ mit und kündigte an, interne Ermittlungen in die Wege zu leiten. „Herrn Epsteins Tod wirft ernste Fragen auf, die beantwortet werden müssen“, sagt er.

Dabei geht es unter anderem um Verschwörungstheorien, nach denen hochstehende Persönlichkeiten befürchten mussten, durch Epsteins Aussagen belastet zu werden.

Am 6. Juli war der US-Unternehmer Epstein am Flughafen Teterboro verhaftet worden, als er in seinem Privatjet aus Paris in die Vereinigten Staaten zurückkehrte. Ihm wurde vorgeworfen, zwischen 2002 und 2005 mehr als 80 minderjährige Mädchen missbraucht und einen illegalen Sexhandelsring aufgebaut zu haben.

Bereits drei Wochen nach seiner Verhaftung war der 66-Jährige bewusstlos in seiner Zelle aufgefunden worden, Spuren an seinem Hals deuteten auf einen möglichen Selbstmordversuch hin – seither galt er als suizidgefährdet und stand unter vorgeschriebenen Überwachungsmaßnahmen. Nachdem Epsteins Mithäftling am Tag zuvor verlegt worden war, hätten Gefängnisaufseher in der Nacht zum Samstag alle 30 Minuten in die Zelle schauen sollen. Das sei so allerdings nicht geschehen. Erst um 6.30 Uhr war Epstein entdeckt worden. Nach Wiederbelebungsversuchen wurde er in ein Krankenhaus gebracht und dort für tot erklärt.

Königin Elizabeth II. deckt ihren Sohn Andrew

Nicht nur wie es zum Tod des Multimillionärs kam, ist strittig, auch die Verstrickungen hinter dem von ihm betriebenen Prostitutionsnetzwerk werfen Fragen auf: Am Tag vor Epsteins Tod waren Gerichtsdokumente öffentlich geworden, die Prominente belasten, an seinem Sexring beteiligt zu sein. Darunter Prinz Andrew, Sohn von Königin Elizabeth II., dem sexuelle Handlungen mit einer 17-Jährigen vorgeworfen werden. Ein Foto zeigt Andrews Hände auf der nackten Hüfte der jungen Frau. Queen Elizabeth II. zeigte sich am Wochenende demonstrativ an der Seite ihres zweitältesten Sohns auf dem Weg zum Kirchenbesuch in Schottland. Die Royals verbringen dort traditionell die Sommerferien.

Epstein gehörte einst zur High Society der Vereinigten Staaten und empfing auf seinen Partys einflussreiche Kontakte: mittendrin der ehemalige US-Präsident Bill Clinton sowie der amtierende US-Präsident Donald Trump. In einem „New York Magazine“-Interview aus dem Jahr 2002 hatte Trump den Sexualstraftäter als „großartigen Mann“ bezeichnet. Und außerdem: „Es wird sogar erzählt, dass er schöne Frauen genauso mag wie ich. Und viele von denen sind eher von der jüngeren Sorte.“

US-Justizminister Alexander Acosta musste wegen Epstein zurücktreten

Im Juli hatte sich Trump vorsorglich von Epstein distanziert. Er habe vor langer Zeit einen Streit mit ihm gehabt und sei kein Fan von ihm. Auf Twitter verbreitete der US-Präsident am Samstag einen Post, darin steht: „Gestorben, während er wegen Selbstmordgefahr unter Beobachtung stand? Wie kann das passieren – Jeffrey Epstein hatte Informationen über Bill Clinton, und jetzt ist er tot.“ Auch Clinton dementierte im Juli eine nähere Verbindung zu Epstein. Er habe ihn seit einem Jahrzehnt nicht mehr gesprochen und keine Kenntnis von den „schrecklichen Straftaten“. Ghislaine Maxwell, eine der engsten Vertrauten Epsteins, war jedoch noch 2010 zu Gast bei der Hochzeit von Clintons Tochter Chelsea.

2005 hatten die Eltern eines Mädchens Anzeige gegen Epstein erstattet, weil er die 14-Jährige in seiner Villa in Palm Beach missbraucht haben soll. In den darauffolgenden Ermittlungen meldeten sich über 50 mutmaßliche Opfer bei der Polizei. In Durchsuchungen seiner Villa wurden zahlreiche Nacktfotos von Minderjährigen gefunden. 2006 hatte Epstein sich zunächst nur in einem einzigen Fall, wegen Zwang einer Minderjährigen zur Prostitution vor einem Gericht in Palm Beach County zu verantworten.

Zwei Jahre später vereinbarte Epstein mit dem damaligen Staatsanwalt in Florida, Alexander Acosta, einen Deal, der ihm ein Verfahren auf Bundesebene ersparte: Epstein bekannte sich schuldig, minderjährige Prostituierte an seine Klienten vermittelt zu haben. Dafür musste er eine Gefängnisstrafe von 13 Monaten absitzen – unter lockeren Bedingungen, denn er genoss Ausgang sechs Tage die Woche. Acosta, der unter Donald Trump 2017 zum Arbeitsminister ernannt worden war, musste im Juli sein Amt niederlegen, nachdem die New Yorker Staatsanwaltschaft Anklage gegen Epstein erhoben hatte.

Brad Edwards, der Anwalt von knapp zwei Dutzend mutmaßlichen Missbrauchsopfern, teilte mit, die Opfer verdienten es zu sehen, dass Epstein zur Rechenschaft gezogen wird. (mit dpa)

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