Die Niagara-Fälle: ein eisiges Kunstwerk

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Kältewelle in den USA : Frieren im "Land of the Freeze"
Die Kälte forderte schon einige Todesopfer. Obdachlose sind besonders gefährdet.
Die Kälte forderte schon einige Todesopfer. Obdachlose sind besonders gefährdet.Foto: dpa

Wunderschöne Bilder dagegen liefert der Polarwirbel von der Grenze zu Kanada. Die bis zu 50 Meter hohen Niagara-Fälle sind zu einem Kunstwerk aus Eis erstarrt. Das sonst wild schäumende Wasser ist wie in einer Momentaufnahme gebannt. Im ganzen Land experimentieren die Menschen mit dem eisigen Windchill. Kunstwerke entstehen im Flug, wenn verschüttetes oder hochgeworfenes Wasser noch in der Bewegung erstarrt. Drei Brüder in Minnesota schufen die Skulptur eines fünf Meter langen Hais im Vorgarten ihrer Eltern. Im kältesten Bundesstaat der USA ist der Hai ein Kunstwerk von einiger, eisiger Dauer.

Und dem Polar-Vortex ist kein Entkommen. Das hat Robert Vick schmerzlich erfahren. Der 42-jährige Häftling war am Sonntag aus einem nur leicht gesicherten Gefängnis, dem Blackburn Correctional Complex, in Kentucky entkommen, wo er eine sechsjährige Strafe für einen Überfall abzusitzen hat. Bei minus 16 Grad mit einem Windchill-Faktor von minus 27 kehrte Vick indes schon am Montag wieder zurück und stellte sich im Sunset-Motel in Lexington, nur wenige Meilen vom Gefängnis entfernt, den Behörden. Er habe ausgesehen, als hätte er absolut genug, berichtete der Manager des Motels später auf dem Fernseh-Sender NBC. „Er war gefroren.“ Bevor Vick ins Gefängnis zurück musste, wurde er zunächst im Krankenhaus behandelt, wegen Unterkühlung und einer Lungenentzündung. Seine Strafe könnte nun nach dem Fluchtversuch um fünf Jahre länger ausfallen.

Vögel sind durcheinander

Nicht nur das Leben der Menschen hat der Polarwirbel durcheinandergebracht. Experten sagen ungewohnte Vogelvorkommen im Süden voraus. Für einige Vogelarten, die normalerweise nicht in den Süden ziehen, sei es einfach zu kalt gewesen. Gefrorene Seen machen es manchen Tieren unmöglich, in ihrem Quartier zu bleiben. Und andere konnten unter den Schneemassen und dem allgegenwärtigen Eis kein Futter mehr finden. „Wenn du eine Ente bist und dein See beginnt zuzufrieren, dann musst du eben nach Süden ziehen“, sagt Brian Sullivan, ein Ornithologe, der den Vogelflug beobachtet. Im nächsten Jahr könnten Menschen im Süden ganz unerwartete Vogeljunge zu sehen bekommen.

Überraschende Bilder erreichen die Menschen aber auch jetzt schon aus dem Süden. Bei vergleichsweise milden fünf Grad Celsius unter dem Gefrierpunkt haben die Zitrus-Farmer in Louisiana Anfang der Woche all ihre Erntehelfer zusammengezogen. Eingepackt in warme Pullover und dicke Jacken pflückten und sammelten Arbeiter unter Hochdruck Orangen. Aus Florida gibt es ähnlich ungewohnte Bilder von Erntehelfern mit dicken Handschuhen. Dort pflücken Farmer und ihre Landarbeiter Grapefruits, Orangen und Zitronen im noch nicht ganz reifen Zustand. Die Früchte werden den Markt in den nächsten Tagen überschwemmen. Aber immer noch besser, als die Ernte verkommen zu lassen.

Windchill-Temperaturen von minus 50 Grad

Anna Mertins ursprünglicher Reiseplan hätte sie von New York zunächst nach Montana und dann erst nach Washington geführt. Jetzt ist sie froh, diesen Teil ausgelassen zu haben. „Mit Windchill-Temperaturen von minus 50 Grad“, beschreibt ein Mann aus Montana im Netz die Situation in den nördlichen Rocky Mountains, „frieren die Gedanken in deinem Gehirn ein, sobald du die Mütze vom Kopf nimmst“.

Ohnehin nehmen viele Amerikaner die Eiszeit wie jede Kältewelle und jeden Schneesturm mit Humor. Unter der Rubrik „polar vortex“ werden Sprüche gesammelt. „Ich habe mir einen Zahn an meiner Suppe ausgebissen.“ „In Maine haben sich Hummer selbst in die Kochtöpfe geworfen.“ „Es ist so kalt, ich habe gerade einen Teenager gesehen, der seine Hose tatsächlich hochgezogen hatte.“ Amerika, das sich stolz „Land of the Free“ nennt, heißt hier jetzt „Land of the Freeze“.

Aus dem gewohnten Rhythmus

Die arktische Kälte hat in den Vereinigten Staaten das Leben von etwa 200 Millionen Menschen erstarren lassen oder aus dem gewohnten Rhythmus gebracht. Die Bevölkerung der betroffenen Bundesstaaten war zu Vorsorgemaßnahmen aufgerufen worden. Wasserhähne sollten tröpfeln, um ein Einfrieren zu verhindern, Badewannen und Gefäße mit Wasser gefüllt werden, Trinkwasser gekauft. Lebensmittelvorräte und mechanische Dosenöffner gehörten ins Haus, ebenso wie potenziell notwendige Medizin und Batterien. Zudem sollte man ständig das Radio laufen lassen, für mögliche Notdurchsagen.

Am Donnerstag wollte sich Anna Mertin am Abend wieder aus dem Haus wagen, um ins Kino zu gehen. Das muss jetzt wohl ausfallen. Zumindest im Kino auf der Connecticut Avenue in Cleveland Park, nord-westliches Washington, läuft „American Hustle“ nicht. Das Management entschuldigt sich: „Heizungsprobleme machen einen Betrieb leider unmöglich.“

* Name geändert

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