Kältewelle in Deutschland : Bibbern vor „Brigida“

Zum ersten Mal in diesem Winter werden in Berlin und Brandenburg anhaltende Minustemperaturen erwartet. Besonders Kinder und Obdachlose sind gefährdet.

Idyllischer Frost. Auf einem Feld in der Nähe von Hannover war am Montag eine malerische Winterlandschaft zu sehen.
Idyllischer Frost. Auf einem Feld in der Nähe von Hannover war am Montag eine malerische Winterlandschaft zu sehen.Foto: S. Wurtscheid/AFP

In Marienberg-Kühnheide direkt an der sächsisch-tschechischen Grenze müssen sich die Bewohner am Montagmorgen wie in Sibirien gefühlt haben. Minus 27,2 Grad zeigte dort das Thermometer – bundesweiter Kälterekord. Ursache für die Kälteperiode ist Hoch „Brigida“. Es sorgt laut dem Deutschen Wetterdienst dafür, dass sich die nach Deutschland eingeströmte Polarluft kaum noch bewegt. Die Folge: Sie kühlt nachts durch den meist klaren Himmel immer weiter ab.

In Berlin und Brandenburg ist es zwar auch kalt, aber laut Oliver Klein, Meteorologe beim Wetterdienst MeteoGroup, ist die Lage nicht ungewöhnlich. „Wir erleben zur Zeit mäßig kalte Temperaturen mit bis zu Minus sieben Grad in der Nacht und tagsüber Werte um den Gefrierpunkt.“ Zweistellige Minustemperaturen, wie im vergangenen Februar als sogar Teile des Müggelsees, des Wannsees und der Spree zugefroren waren, erwartet der Wetterexperte nicht. „Die eisige Luft, die momentan über Russland liegt, wird uns wohl nicht erreichen“, sagt er und verweist auf die Gegend östlich von Moskau, wo das Thermometer aktuell Minus 20 Grad anzeigt.

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Kälte ist primär nicht gefährlich

Doch auch ohne sibirische Kälte staut es sich derzeit im Wartezimmer von Stephan Bernhardt. „Vor einer Woche fing die Erkältungswelle an“, sagt der Allgemeinmediziner aus Friedenau. Dabei sei Kälte primär nicht gefährlich. „Wir wissen gar nicht, warum in Erkältung das Wort Kälte steckt“, sagt er, schiebt aber eine Theorie hinterher: Die weniger feuchte Luft im Winter trockne die Schleimhäute aus, was wiederum den Körper anfälliger für grippale Infekte mache.

Bernhardt sieht oft Leichtsinn als Ursache für Erkrankungen: „Der Trend, zerissene Hosen und freie Knöchel zu tragen, ist nicht sonderlich gesundheitsfördernd.“ Er rät zum Zwiebelprinzip, also viele Schichten Klamotten, um die Körperwärme zu regulieren. Besonders bei Kindern mahnt der Mediziner zur Vorsicht. Weil zum Beispiel der Kopf von Kindern überproportional groß sei, ginge dadurch viel Wärme verloren. „Wenn die Kinder in der Kita und der Schule dann noch die ganze Zeit mit den Bakterien anderer Kinder in Kontakt sind, werden sie oft krank.“ Dann, so der Mediziner, sollten Eltern ihre Kinder sofort ins Bett stecken. Ein Tipp, der auch für Erwachsene gilt. „Man schützt seine Kollegen, wenn man nicht halb krank arbeiten geht.“

Schon elf Kälte-Tote in diesem Winter

Akuter ist die Situation für Menschen, die die Nächte auf der Straße verbringen müssen. Auf bundesweit rund 50 000 schätzt Werena Rosenke, Geschäftsführerin der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe, deren Zahl. Allein in diesem Winter habe es bereits elf mutmaßliche Kältetote auf den Straßen Deutschlands gegeben. „Auch tagsüber erfrieren Menschen“, sagt sie und mahnt zur Wachsamkeit. Im Zweifel solle man immer den Notruf oder die Nummer des Kältebusses (030/810560425) wählen. Immerhin: Die Aufmerksamkeit für Obdachlose sei in den letzten Jahren gestiegen, findet Rosenke. Sie kritisiert jedoch, dass es in Deutschland noch immer keine Standards für Notunterkünfte gibt. Sie plädiert für ganztägige, dezentrale und sichere Angebote. „Auch Notunterkünfte müssen menschenwürdig sein.“

Auch Rad- und Autofahrer müssen sich auf die Dauerkälte einstellen. Eiskratzer, Scheibenenteisungsspray, Abdeckfolie für die Windschutzscheibe und Türenteiser sollten Autobesitzer dabei haben, rät eine Sprecherin des ADAC. Außerdem solle man sich die Zeit nehmen, die Scheibe komplett frei zu kratzen und nicht nur ein kleines Guckloch. „Das ist gefährlich, weil man zu wenig sieht und es kostet ein Bußgeld wenn die Polizei einen erwischt“, sagt die Sprecherin.

"Fahrradfahren geht bei jedem Wetter"

Für Radfahrer gibt Lara Eckstein vom ADFC Berlin Entwarnung. „Fahrradfahren geht bei jedem Wetter. Die größte Gefahr geht gerade nicht von Schnee und Eis aus, sondern wie zu jeder Jahreszeit von der mangelhaften Infrastruktur und Autofahrern.“ Generell gelte aber, dass man im Winter auf dem Rad etwas langsamer machen und sich gut einpacken sollte. Sie rät zu Spezialmützen unterm Helm und regelmäßiger Wartung der Bremsen. Eckstein kann der kalten Jahreszeit auch Positives abgewinnen. „Den Ampelstau, den wir im Sommer beispielsweise am Alex erleben, gibt es momentan nicht“, sagt sie.

Wetterexperte Klein rechnet damit, dass die eisigen Temperaturen bis mindestens Ende des Monats anhalten werden. Für Wintersportfans keine schlechte Nachricht. „Auf dem Fichtelberg liegen weit über einem Meter Schnee. Der wird jetzt durch die Kälte griffig und bietet perfekte Bedingungen“, sagt er. Darüber könnten sich auch die Bewohner von Marienberg-Kühnheide freuen. Sie wohnen nur 40 Kilometer entfernt.

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