Panorama : Kater inklusive

Alle reden ständig von Saufpartys. Aber was geht da ab? Unser Autor hat im „Q-Dorf“ mitgefeiert

Hannes Heine

Das geht ja gut los, hier wird nicht lange gefackelt. Ein kleines Glas Tequila steht auf dem Tisch. Die Größe: 4 cl. Der Preis: 1 Euro. Der Name: „Kurzer Prozess“.

Willkommen im „Q-Dorf“, der größten Disko der Stadt. Es ist Mittwochabend, kurz nach Mitternacht. Auf gut 2000 Quadratmetern drängeln sich in einem riesengroßen Kellergewölbe in der Joachimstaler Straße am Zoo 600 Leute. Die Luft ist mies, verraucht. An sieben verschiedenen Bars wird das ausgeschenkt, was für gute Stimmung sorgen soll – und auch sorgt. Aus den Boxen scheppert Wolfgang Petry seinen Klassiker: „Das ist Waaahnsinn, warum schickst du mich in die Hölle?“ Normalerweise läuft Petry nur, wenn Mutter mal im eigenen Wohnzimmer das Radio aufdrehen darf, hier aber grölen alle mit: „Hölle, Hölle, Hölle!“

Robert, 20, aus Teltow, ist häufiger im Q-Dorf. Groß, breite Schultern, Jeans, ein eng anliegendes, hellblaues Oberteil und Goldkette. Seine blonden Haare hat er mit viel Gel nach oben gestylt, allerdings hat Robert noch sehr viel mehr Selbstvertrauen als Gel in den Haaren. Vorbeigehenden Mädchen pfeift er offensichtlich hinterher – und siehe da: Zwei Blondinen bleiben stehen. Und nun? So schnell kann sich Robert nicht entscheiden, also erinnert er sich an seinen Tequila und macht kurzen Prozess: Er lädt einfach beide zum Drink ein. „Bacardi Massacre oder No Driving?“, fragt er. So heißen die meisten Getränke hier. Auf der Karte steht in fetten Buchstaben: „Die nachfolgenden Getränke sind nur etwas für ganz Harte. Achtung!!“ Und: „Ausgabe nur ab 18 Jahren!“

Die zwei 19-Jährigen aus Schöneberg – stark gebräunte Haut, ganz in Weiß gekleidet – haben offenbar nicht vor, sich heute Abend noch hinters Steuer zu setzen. Sie entscheiden sich für „No Driving“ – einen Cocktail, der zwar nach Früchten schmeckt, aber doch intensiver wirkt als ein Multivitaminsaft. Der Preis: 3,75 Euro. Das ist kein „Flatrate-Saufen“, wie es die Politiker gerade nennen, zumindest heißt es nicht so. Aber der Preis ist niedrig. Verdammt niedrig.

Zum Runterstürzen gibt es Schnäpse, beliebt ist auch ein Sambuca-Drink – fast 40 Prozent Alkohol – mit dem Namen „Orgasmus“. Wer es konventionell mag, bestellt lieber vier Liter Bier für 13 Euro. Das ist zwar teurer als an der Tankstelle, aber immer noch billig. Im Q-Dorf werden vor allem diejenigen belohnt, die viel vertragen, der Eintritt ist mit fünf Euro gut, gemessen an anderen Diskos.

Die Diskussion um billigen Alkohol, um „Flatrate-Partys“ und „All-You-Can- Drink“-Angebote interessieren niemanden, heute soll ja auch gefeiert werden. Es sind zwei Welten: Die hier unten – und die da draußen. Draußen fordern Politiker, den Alkoholausschank an Jugendliche komplett zu verbieten, weil immer mehr Berliner unter 21 Jahren nach einem Saufabend in der Notaufnahme aufwachen. Im Q-Dorf haben sie Türsteher, wer zu jung ist, kommt nicht rein, man will die Gäste warnen, deshalb der kernige Hinweis auf der Karte: „Nur für ganz Harte“, ab 18 Jahre und pro Person nicht mehr als zwei Cocktails. Offenbar pro Bestellung.

Robert will vergangenen Mittwoch vier „No Driving“ getrunken haben. Zweimal die Woche sei er betrunken, also ziemlich gut, naja, im Training. Bald hat er seine Lehre zum Koch abgeschlossen, krachende Partys kann er offenbar trotz des Jobs und Schichtarbeit gut verkraften. Und morgen kann er sowieso später aufstehen: „An Berufsschultagen darf man auch mal durchhängen“, sagt Robert. Heute hat er mit fünf Tequila angefangen, inzwischen ist es kurz nach 2 Uhr und in den letzten Stunden sind noch zwei Longdrinks hinzugekommen. An Aufhören denkt Robert nicht, noch nicht.

Seit drei Wochen liegt ein 16-jähriger Zehlendorfer im Koma, ihn haben 50 Tequila umgehauen, zumindest hat er damit geprahlt. Bleibende Schäden sind zu erwarten, sagen Mediziner. Robert ist das egal. „Man muss eben seine Grenzen kennen“, sagt er und spannt dabei die Brustmuskeln. Alkohol gehöre beim Ausgehen dazu, und Julia – eines der beiden blonden Mädchen– pflichtet ihm bei und ruft: „Trinken verbindet!“

Tausende Kneipen gibt es in Berlin, hunderte Tankstellen, unzählige Clubs und Diskotheken und noch viel mehr Orte, wo man Alkohol bekommt. Das war früher nicht anders, das muss allerdings nicht gleich heißen, dass es damals besser war.

Eine Umfrage hat ergeben: 40 Prozent der Jugendlichen setzen heute auf Bier, Wodka & Co., um in die richtige Stimmung zu kommen. Mehr als 20 Prozent können so den Ärger über Schule und Arbeit besser herunterspülen. 15 Prozent wollen sich einfach nur die Langeweile vertreiben. Der Jugendforscher Klaus Hurrelmann sagt: „Fest steht, dass sich die meisten 17-Jährigen regelmäßig betrinken – und vor allem gezielt.“ Ja, und es gebe sogar einige, denen Hochprozentiges gar nicht schmeckt und die trotzdem mittrinken. Was aus Spaß beginnt, führt in immerhin drei Prozent in die Sucht.

Gut, man mag meinen: saufen? Das tun nur die anderen. Forscher sagen, dass insbesondere Gymnasiasten Alkohol trinken, um die Erwartungen im Elternhaus und in der Schule mal kurz vergessen zu können. „Wir sind ein Volk von Trinkern!“, hat der Suchtforscher Karl Mann mal gesagt. Und wer nicht mitmache, der gelte schnell als Spaßbremse.

So wie Ersan. Der 19-jährige Schüler aus Wilmersdorf glaubt, dass heutzutage mehr gesoffen wird als früher. „Dass alle nur noch möglichst schnell dicht sein wollen, war vor fünf Jahren nicht so“, sagt er. Ersan selber trinkt nicht. Er ist Moslem, wenn auch mit einer moderaten Auslegung der Glaubensgrundsätze. „Mit dem Sex vor der Ehe, das sehe ich ein bisschen anders“, sagt er. Doch leider fänden die Mädchen ihn meistens „nur komisch“ – Typen wie Robert hätten es da leichter.

Ersan ist schlank und durchtrainiert, nach dem Abi will er Ingenieur werden. Trotzdem komme er mit Frauen nicht so richtig ins Gespräch. Wer keine Flasche in der Hand halte und außerdem noch kerzengerade stehen kann, ist als Gesprächspartner nicht so gefragt. Ersan spricht leiser als die anderen Jungs im Q-Dorf, er ist nicht so aufdringlich, eher kontrolliert.

Die zwei Mädchen, die sich zu Robert und seinen Freunden gesellt haben, sind fertig, der „No Driving“ ist leer. Eine zieht sich aus Spaß für einen Moment das T-Shirt hoch. Robert ist sichtlich zufrieden, der Abend läuft prima. Für Ersan nicht. „Dafür habe ich morgen keinen Kater“, sagt der und trinkt Cola.

Pah, was ist schon ein fetter Kater am Morgen!, sagt Robert, er habe da ein gutes Rezept. Es lautet: „Am besten, man trinkt morgens noch mal ein paar Schluck vom letzten Getränk des Abends.“ Bitte? Robert sagt: Einfach am nächsten Morgen kurzen Prozess machen und sich zum Frühstück einen allerallerletzten Tequila gönnen, okay? Zumindest bis zum Wochenende.

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