Panorama : Kleine Vögel stampfen nicht

Nelly Furtado ist erfolgreicher denn je – aber aus der verträumten Sängerin ist eine Disco-Diva geworden

Sassan Niasseri

Sie ist eine der schönsten Sängerinnen, und sie sang eines der schönsten Lieder überhaupt. „I’m like a Bird“ war wie geschaffen für die zierliche Nelly Furtado. Ein Song, so erhebend, optimistisch und leicht, als könnte Furtado wirklich davonfliegen. Sie hatte eine alles einnehmende Verträumtheit, die, wie Nick Hornby schrieb, den Hörer in wohltuenden Schwachsinn versetzen konnte. Sechs Jahre ist das her, der Song fliegt noch immer um uns herum.

Ihr neues Album „Loose“ ist wieder ein Hit. Die 29-Jährige ist noch erfolgreicher als früher. Doch mit der aktuellen Nelly Furtado scheint etwas anders zu sein. Wer sie jüngst gesehen hat, zuletzt bei „Wetten, dass …?“, der konnte den Eindruck gewinnen, Furtado wirke ein wenig unnatürlich. So, als müsste sie die neuen Lieder, die nicht mehr melodisch sind, sondern rapunterstützte, rhythmisch harte Discosongs, irgendwie bewältigen. Furtado stand auf einer Empore, fast teilnahmslos, mit kaum bewegter Miene und seltsam schaukelnden, zeitlupenhaften Bewegungen. Wollte sie etwa cool aussehen? „Say it Right“ klingt zwar modern, aber auch so künstlich wie die meisten neueren R&B-Stücke, in denen es fast immer um die gleiche Geschichte geht: Ein Machoboy kriegt von einem cleveren Girl den Kopf gewaschen. Umso verblüffender ist es, wie Furtado dann wieder umschalten kann: Kaum ist der Song vorbei, zeigt sie ihr breites Lächeln, schüttelt das Haar, winkt wie erstaunt ins Publikum und lacht. Furtado ist da wieder ganz bei sich. Es ist nicht so, dass die neuen Stücke eine Nummer zu groß für sie sind. Aber die Musik unterstützt ein Image, das nicht zu Furtado passt. Ihr Album hört sich aufgesetzt an, ihre Videos sehen unfreiwillig komisch aus: Weder ist Furtado der Vamp, der Clubs unsicher macht, noch das Girl, das Rappern kontra gibt. Zu allem Überfluss deutet sie in Interviews neuerdings ungefragt auch noch an, sie sei bisexuell.

Warum ist Furtado trotz alledem so erfolgreich? Weil der neue Sound so sehr gefragt ist, dass es egal ist, wer die Songs singt. Furtado hat das gemacht, was krisengefährdete Kollegen vor ihr schon getan hatten. Sie engagierte den besten Produzenten mit dem elegantesten Sound. In diesem Fall Timbaland. Arrangeure und Komponisten wie er, nicht deren Sänger, sind die neuen Stars des R&B.

Im Falle Furtados ist der Imagewechsel so schade, weil es eine Pop-Sängerin wie sie lange nicht gab. Die Kanadierin, Tochter portugiesischer Einwanderer, ist zwar kein Stimmwunder, sang aber schon als Kind in vier Sprachen, erlernte acht Instrumente, spielte danach in einer Trip-HopBand und in einer portugiesischen Blaskapelle. Die Experimentierfreude behielt sie bei. Ihr zweites Album „Folklore“ klang ähnlich melancholisch-verspielt wie ihr Debüt. Es war aber auch ihr erster Flop. In den meisten Ländern kam ihr Pop nicht mehr an. Mit „Forca“, dem Song zur Europameisterschaft 2004 in Portugal, gelang ihr damals ein letzter Erfolg. Es wurde still um sie. Bis sie sich zur Disco-Diva ummodeln ließ. Die Zeit des verträumten Fliegens aber, die ist vorbei.

Montag, 20 Uhr in der Arena Berlin in Treptow. Karten nur noch auf telefonische Anfrage: 611 01 313

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