Klimawandel : Noch wärmer, noch trockener

Der Deutsche Wetterdienst hat erstmals eine Klimavorhersage für zehn Jahre entwickelt. Sie prognostiziert steigende Temperaturen und weniger Regen.

Heiß, immer heißer. Das Jahr 2019 war das zweitwärmste seit Beginn der Temperaturaufzeichnung vor 139 Jahren.
Heiß, immer heißer. Das Jahr 2019 war das zweitwärmste seit Beginn der Temperaturaufzeichnung vor 139 Jahren.Foto: picture alliance/dpa

Berlin - In Deutschland könnte es bis 2029 um 1,5 bis zwei Grad wärmer werden als im Durchschnitt der vergangenen drei Jahrzehnte. Das hat der Deutsche Wetterdienst (DWD) auf Grundlage einer neuen Klimavorhersage für die kommenden zehn Jahre ermittelt. Bis zu zwei Grad wärmer könnte es in der Mitte Deutschlands werden. Für den Norden und den Süden rechnet der DWD bis 2029 mit einer Erwärmung von einem bis 1,5 Grad.

Mit den neuen Berechnungen will der DWD eine Lücke zwischen kurzfristigen Wettervorhersagen und langfristigen Klimaprojektionen schließen, die bis zum Jahr 2100 reichen. Die Klimavorhersagen für die kommenden zehn Jahre könnten Entscheidern in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft helfen, Investitionsentscheidungen schon jetzt an den Klimawandel anzupassen, sagte Tobias Fuchs, Leiter der Klimatologie des DWD.

Die Klimavorhersage für zehn Jahre beruht auf einer statistischen Abschätzung von einer Vielzahl an Vorhersagen, die jeweils mit leicht veränderten Bedingungen durchgerechnet werden. Die so entstehende Lösungsvielfalt dient dazu, die Unsicherheiten zu bewerten, die durch die natürlichen Schwankungen des Klimasystems bedingt sind, so der DWD.

Zweitwärmstes Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen

Das Jahr 2019 war mit einer Mitteltemperatur von 10,3 Grad in Deutschland zusammen mit 2014 das zweitwärmste Jahr seit Beginn der 139-jährigen Temperaturzeitreihe. Elf der zwölf Monate des Jahres 2019 waren zu warm. Es war verglichen mit dem Mittelwert der Referenzperiode von 1961 bis 1990 von 8,2 Grad um 2,1 Grad zu warm. Neun der zehn wärmsten Jahre in Deutschland traten in den vergangenen 20 Jahren auf. Seit Beginn der Aufzeichnungen 1881 beträgt der Erwärmungstrend hierzulande plus 1,6 Grad oder 0,11 Grad pro Jahrzehnt. Die verstärkte Temperaturzunahme der jüngeren Vergangenheit vermittelt eine weitere Statistik: Seit 1970 wurde es 0,37 Grad pro Dekade wärmer.

Enthalten in der Klimavorhersage sind auch Berechnungen für die Niederschläge in den kommenden zehn Jahren. Demnach wird der Zeitraum von 2020 bis 2024 wohl zu trocken ausfallen. Für das laufende Jahr rechnet der Wetterdienst mit durchschnittlichen Regenfällen.

Noch kein einheitliches Bild hat der DWD für Starkregen ermittelt. Der Beobachtungszeitraum beträgt bisher nur 18 Jahre. Erst seitdem kann Starkregen mittels Radar beobachtet werden. Daraus lässt sich noch keine Aussage zum Klima ableiten, denn das ist als Durchschnitt des Wetters über mindestens 30 Jahre definiert.

„Dann regnet es junge Hunde“

2018 hat es aber erstmals in diesem Jahrhundert überdurchschnittlich viele Starkniederschlagsereignisse in einem zu warmen und gleichzeitig zu trockenen Sommer gegeben. Klimaforscher erwarten, dass die Sommer in Deutschland künftig von Tagen mit extremen Niederschlägen und dann wieder von Trockenphasen mit Dürregefahr geprägt sind. Darauf haben sich die Berliner Wasserbetriebe eingestellt, berichtete deren Sprecher Stephan Natz: „Wir sehen das genauso wie der Deutsche Wetterdienst. Eine Zunahme von Starkregenereignissen lässt sich aus den Daten unseres dichten Messnetzes noch nicht ablesen“, sagte er. „Aber langfristig werden wir stabile Wetterlagen mit langen Schönwetterperioden sehen, und dann regnet es junge Hunde – und zwar heftig.“

Natz erinnert an den 29. Juni 2017, als in Berlin bis zu 200 Liter Regen auf den Quadratmeter fielen – ein Drittel des gesamten Jahresniederschlags. Die Wasserbetriebe haben nun eigens eine Regenwasseragentur gegründet, um Starkregen möglichst aufzufangen und ihn später verdunsten zu lassen, damit er die Stadt kühlen kann.

Das wird künftig bitter nötig sein. Denn selbst wenn Deutschland seine Emissionen im vergangenen Jahr stark gesenkt hat, wie Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) berichtete, steigen die Emissionen weltweit nach wie vor an: „Alle wichtigen Stellschrauben drehen sich unverändert in die falsche Richtung“, sagte Gerhard Adrian, Präsident der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) und des DWD. Die Treibhausgaskonzentration in der Atmosphäre nehme immer noch zu, die Mitteltemperaturen weltweit und die Mitteltemperaturen der globalen Meeresspiegel würden immer noch ansteigen.

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Eigentlich hat sich die Weltgemeinschaft das Ziel gesetzt, bis 2100 eine Erderwärmung von mehr als zwei Grad zu verhindern – besser sogar von mehr als 1,5 Grad. In Deutschland könnte das jedoch schon viel früher passieren, weil die Temperatur über Landmassen schneller steigt als im globalen Mittel.

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