Bei "Pseudologen" ist das Lügen krankhaft

Seite 2 von 3
Krankhaftes Lügen : Meister der Inszenierung

Silke will mehr über Franks Kindheit im sozialistischen Deutschland erfahren. Er erfindet immer neue Details. Bis es aus der erlogenen Identität scheinbar kein Zurück mehr gibt. Aus ihrem ersten gemeinsamen Mallorca-Urlaub schicken sie Postkarten, auch an seine Eltern und seine Schwester. Sie unterschreibt. Wie sie in den folgenden Monaten und Jahren noch viele Geburtstags- und Weihnachtskarten unterschreiben und auch erhalten wird, ohne je ein Gesicht dazu zu sehen.

Das Hochzeitsfoto, Trauung im kleinen Kreis: Sie im schulterfreien Kleid, er im dunkelblauen Anzug. Seine Schwester kann ihre Farm in Neuseeland nicht allein lassen, heißt es. Die Eltern bleiben mit Bronchitis zu Hause. „Ich habe all das nicht hinterfragt“, sagt Silke Schulz. Auch, weil ihr Bräutigam ein Meister der Inszenierung ist. Auf dem Geschenketisch steht am Morgen eine teure Blumenvase, Meissner Porzellan. Mit Glückwünschen seiner Eltern.

„Pseudologen“ werden unter Fachleuten Menschen genannt, bei denen das Lügen zwanghaft ist. Es ist noch nicht lange so, dass die Krankheit als solche anerkannt wird. Wesentlich dazu beigetragen hat der Berliner Psychiater Hans Stoffels. Er beschäftigt sich seit Jahren mit dem Phänomen. „Vielleicht tausend Fälle gibt es in Deutschland“, sagt er.

Vor einigen Wochen ist in Norddeutschland die Geschichte eines 77-Jährigen bekannt geworden, der sich jahrelang fälschlicherweise als Überlebender des KZs Buchenwald ausgegeben hat. Hans Stoffels hatte schon mit Menschen zu tun, die von sich behaupteten, am 11. September im World Trade Center gewesen zu sein. Fälle schwerer narzisstischer Persönlichkeitsstörung, aber nicht im eigentlichen Sinn Pseudologie, sagt er. Auf die ganz großen Lügen, Lebenslügen und Doppelleben, zielten echte Pseudologen gar nicht ab. Pseudologen sind keine Hochstapler, handeln nicht aus Geltungssucht. Sondern wie aus einem inneren Zwang. Sie sagen sehr oft, auch in ganz banalen Situationen, die Unwahrheit, und das „ohne nachvollziehbare Motivation“.

Die Lüge ist wie ein Schneeball: Je länger man ihn wälzt, desto größer wird er. Die großen Lügen übersieht Silke Schulz erstaunlich lange. Die kleinen Schwindeleien bemerkt sie wohl. Freunden gegenüber schwärmt Frank von Städten und Restaurants, in denen er nie gewesen sein kann. Mal sagt er „Deine Cousine lässt schön grüßen“, obwohl er nicht mit ihr gesprochen hat. Oder er berichtet von Einbrüchen und Begegnungen in der Nachbarschaft, die nicht stattgefunden haben. „Ich habe alles eingekauft“, sagt er, wenn sie von unterwegs anruft. Als sie nach Hause kommt, ist der Kühlschrank leer.

„Das macht einen wahnsinnig.“

Wie reagiert sie in solchen Situationen? Sie schreit ihn an. „Willst du mich verarschen?“ Er ist dann zahm wie ein Lamm, beschämt, manchmal aber auch aufbrausend, flüchtet sich in weitere Ausreden, Lügen.

Spannungen und Konflikte auszuhalten, das liege diesen Menschen nicht, sagt Hans Stoffels. Als Silke Schulz ihren Mann mit dem früheren Kind konfrontiert, sie hat feuchte Augen, als sie es berichtet, da habe er gesagt, „dass er den Moment verpasst habe, mir davon zu erzählen“. Tränenüberströmt packt sie ihre Koffer, weiß aber nicht, wohin. Es ist ihr zu peinlich, anderen davon zu erzählen.

Das zweite Mal, dass sie „an ihre Leidensgrenze kommt“, ist ein Valentinstag. „Er ist so wunderbar in solchen Dingen.“ Hat sie mit einem Strauß roter Rosen geweckt. „Und ich hatte den Tag ganz vergessen, Mäxchen hatte die Windpocken.“ Um sich zu revanchieren, organisiert sie einen Babysitter und kauft Kinokarten, will ihn direkt auf dem Amt überraschen. Doch als sie seinen Namen nennt, sagt der freundliche Herr am Empfang: „So einen haben wir hier nicht.“ Ihr Mann hat nie in der Behörde gearbeitet, verdient sein Geld als Kundenbetreuer in einem Vertriebsunternehmen. „Dabei haben wir uns zweimal in der Mittagspause vor dem Amt getroffen“, sagt sie. Er stand dann immer schon draußen und wartete.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

8 Kommentare

Neuester Kommentar