Kunst oder Kommerz bei der Fashion Week : Berlins Modebranche weiß nicht, was sie will

Berlin bietet neuerdings Fashion Week für alle. Das Konzept geht nicht auf: Wenn alle kommen können, kommt keiner. Ein Kommentar.

Models warten backstage auf den Beginn der Modenschau der Designerin Hoermanseder.
Models warten backstage auf den Beginn der Modenschau der Designerin Hoermanseder.Foto: dpa

So nah war die Fashion Week den Berlinern noch nie. Es gab große Bildschirme mit Liveübertragung auf dem Vorplatz des E-Werks, wo die meisten Modenschauen gezeigt wurden, dazu 55 Outfits unter freien Himmel von Berliner Designern. Aber warum war in der Stadt so wenig davon zu spüren wie noch nie? Keine langen Schlangen an Taxiständen, keine Models in der U-Bahn auf dem Weg von einem Casting zum nächsten, keine überfüllten Lokale in Mitte. Am aufgeregtesten waren die britischen kreischenden Teenager, die Hugo Boss extra zum Bejubeln des Auftritts eines einstigen Boygroup-Sängers nach Berlin eingeflogen hatte.

Und zum Ende der Fashion Week geht dieser Werbeabklatsch jetzt erst richtig los: Fashion Week für alle. Für 15 Euro kann sich jeder ein Ticket kaufen für Modenschauen von Adidas, Lena Gercke (Gewinnerin von Germany´s Next Topmodel) oder Bill Kaulitz (neuerdings Schwager von Heidi Klum). Wer das VIP-Ticket kauft, bekommt noch Werbegeschenke dazu.

Anstatt aber Mode wirklich zu demokratisieren, schaffen die großen Onlinehändler wie About You und Zalando eine Zwei-Klassen-Gesellschaft: Die einen bekommen die Werbegeschenke von den Modefirmen hinterhergetragen, die anderen zahlen, um dabei zu sein. Diejenigen, die alles geschenkt bekommen, verlieren zusehends das Interesse. Gleich mehrere wichtige Pressevertreter und Designer machen um Berlin einen Bogen und sind nur nach Mailand und Paris gefahren. Dort werden zeitgleich die Männermodenschauen und die Haute Couture gezeigt. Berlin hat inhaltlich einfach zu wenig zu bieten.

Berlin wird als Modestadt nicht ernstgenommen

Im Gegensatz zu Paris, London oder New York gibt es in Berlin auch nach zwölf Jahren Fashion Week keinerlei tragfähiges Konzept. Zwar hat der Senat auch diese Saison 200000 Euro lockergemacht, aber ohne einen Plan, wie sie sich als moderner Standort für Mode weiterentwickeln will. Die Idee zu den 55 Outfits wurde erst drei Wochen vorher entwickelt, um den wichtigen Branchentreff „Berliner Salon“ zu ersetzen, bei dem sich mehr als 40 deutsche Designerlabels präsentiert haben. Herausgekommen ist der hilflose Versuch, Berliner Mode auf dem Parkplatz vor dem E-Werk sichtbar zu machen. Aber wenn alle kommen können, kommt keiner.

Die Modebranche ist notorisch volatil und reagiert entsprechend gelangweilt auf die langatmigen Versuche der Berliner, sich als Modestadt zu etablieren. Das liegt vielleicht auch an der Haltung, die die deutsche Modebranche Berlin entgegenbringt. Zu viele von ihnen führen sich auf als Unterstützer einer Stadt auf dem Weg zur Modemetropole, die sie im Grunde aber nicht ernstnehmen. Und es geschieht, was oft passiert, wenn man sich zu gönnerhaft gibt: Auch von Seiten der Stadt fehlen nun Konzepte und vor allem eine langfristige Planung, wie man Mode in dieser Stadt weiterentwickeln will.

Wären da nicht die internationalen Aussteller und deutschen Händler, die die Messen brauchen, die Fashion Week stünde bald vor dem Aus. Stilistisch konnte sich bisher nichts durchsetzen, was man als prägend für sie bezeichnen könnte. Da hilft es auch überhaupt nicht, dass alle in den Abgesang auf feste Kleidervorgaben und verbindende Trends einstimmen und damit die Mode verwässern und stilistische Vorbilder verloren gehen. Influencer posten bereitwillig, was Modefirmen ihnen anbieten. Das nutzt kommerziellen Marken, die über ein Budget für Spaßveranstaltungen zu ihren nichtssagenden Kollektionen verfügen wie Sportalm, für die Oliver Pocher auf dem Laufsteg den Baywatch-Verschnitt gibt.

All das entwickelt sich konträr zu einer Modeszene in Berlin, die zwar lebendig ist, aber gleichzeitig ums Überleben kämpft – weil sie nicht weiß, ob sie Kunst oder Kommerz sein will. Darum geht es jetzt: sich für eine Sache zu entscheiden. Am besten für die Kunst.

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