Panorama : Marine ohne Meer

Bolivien gedenkt heute seiner einstigen Pazifikküste – eine Mini-Armada trainiert auf dem Titicacasee

Michael Schmidt

Heute werden sie in La Paz wieder alle auf den Beinen sein. Schüler und Studenten, Mütter mit ihren Babys auf dem Arm, Männer, die selbst gebastelte Schiffe aus Pappmaché ausstellen und Soldaten. Sie werden, wenn die Asche Eduardo Avaroas aus ihrer Gruft geholt und die Urne in großer Parade auf den Heldenplatz im Zentrum des bolivianischen Regierungssitzes gebracht wird, dem feierlichen Zug folgen, begleitet von Trommeln und Trompeten. Werden im flackernden Schein unzähliger Kerzen der Rede des Präsidenten Evo Morales lauschen – und schließlich den Marsch des verlorenen Meeres singen: „Voran, Bolivianer, voran, auf zum Meer. Das Vaterland verlangt zurück, die in Ketten gelegte Küste.“

Der 23. März ist ein Feiertag in dem Neun-Millionen-Einwohner-Staat, der Dia del Mar, der Tag des Meeres. Es ist ein Tag der Trauer und des Trotzes. Ein Tag der Erinnerung an das verlorene Meer – und an die alte Feindschaft mit dem Nachbarn Chile. Die Wirtschafts- und Handelsbeziehungen sind gut, die politischen auf einem guten Wege – unter den neuen Staatschefs Morales und Michelle Bachelet hat sich das Verhältnis jüngst zu entspannen begonnen – aber: Bolivien und Chile sind nach wie vor die einzigen Länder des Südkontinents, die keine diplomatischen Beziehungen unterhalten.

Schuld ist die Geschichte. Einst besaß Bolivien einen 400 Kilometer langen Küstenstreifen am Pazifik, 120 000 Quadratkilometer kargen, aber an Bodenschätzen reichen Landes. 1879 stritten Bolivien und Chile sich darum. Bolivien verlor. Mehr als nur die Vorkommen an Kupfer und Salpeter. Bolivien habe in Kriegen gegen Argentinien, Brasilien, Peru, Paraguay immer wieder Land verloren, sagt Patricia Leslie Cuarita Cuenca, Kulturattaché der bolivianischen Botschaft in Berlin: „Aber kein Verlust ist so schmerzreich wie dieser.“ Denn seit dem ist Bolivien ein Binnenstaat, ohne Zugang zum Meer, zur Seefahrt, zu Handel und Reichtum. Das wiegt schwer in einem Land, das als Armenhaus des ohnehin gebeutelten südamerikanischen Kontinents gilt.

Seit 128 Jahren leidet der Andenstaat unter Phantomschmerzen. Und schwört an jedem 23. März, an den Pazifik zurückzukehren. Vom Meer verspricht man sich Freiheit und Wohlstand. Bis es so weit ist, übt die Marine auf dem Titicacasee. Ja, der Binnenstaat unterhält eine 1 800 Mann starke Marine, die Fuerza Naval Boliviana. Das größte Schiff ist der Hochseefrachter „Libertador Bolívar“. Hinzu kommen 60 Patrouillenboote und ein Flugzeug. Das Herz der Marine schlägt in San Pedro de Tiquina. Hier, am Ufer des größten Sees Südamerikas – der Titicaca ist 13 Mal so groß wie der Bodensee –, 3810 Meter über dem Meeresspiegel, liegt ihr wichtigster Stützpunkt: mit 20 Schiffen plus Kampfschwimmern der größte Kriegshafen des Landes.

Aber die Tatsache bleibt: Die Armada Boliviana ist eine Marine ohne Meer. Unter den Kadetten zur See gilt auch als was Besonderes, wer das Meer schon einmal gesehen hat. Was Wunder also, dass Spötter die „Spielzeugmarine“ verhöhnen und Marinesoldaten als „Süßwassermatrosen“ belächeln. Die brauchen ein dickes Fell, Selbstvertrauen, Mut. Eben dafür steht Eduardo Avaroa, Boliviens „Held der Helden“. Avaroa, heißt es, habe am 23. März 1879 mit alten Waffen und wenig Kampfgefährten gegen eine chilenische Übermacht gekämpft, die ihn zur Aufgabe zwingen wollte. Avaroa aber soll es vorgezogen haben zu sterben, mit einem Satz auf den Lippen, der ihn unsterblich machte: „Mich ergeben? Soll sich doch eure Großmutter ergeben!“

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