Mindestens 32 tote Säuglinge : Hat Fisher-Price Warnungen ignoriert?

Immer wieder erstickten Babys in Wiegen des Spielzeugherstellers. Trotz Hinweisen und juristischen Ermittlungen reagierte das Unternehmen erst jetzt.

Markus Lücker Antonia Mayer
Verbraucherschützer warnten vor Wiegen mit geneigter Schlaffläche.
Verbraucherschützer warnten vor Wiegen mit geneigter Schlaffläche.Foto: dpa

Die Baby-Wiege mit dem fünf Monate alten Jungen Ezra stand im Wohnzimmer als sein Vater Keenan Overton direkt daneben auf dem Sofa schlief. „Als ich aufwachte, hatte er sich schon in dem Sitz umgedreht und war tot." Der Junge war im Dezember 2017 erstickt. Sein Gesicht war blau. Ein weiterer trauriger Fall in einer Reihe von mindestens 32 Kleinkindern, die in einer Baby-Wiege der Firma Fisher-Price erstickten.

Am Freitag rief der hinter dem Unternehmen stehende Mattel-Konzern weltweit 4,7 Millionen Exemplare des „Rock’n Play Sleepers“ zurück. Der großangelegten Rückrufaktion war eine Untersuchung der amerikanischen Verbraucherorganisation Consumer Reports (CR) vorausgegangen. Die frühesten bekannten Todesfällen gingen demnach bereits auf das Jahr 2011 zurück.

Alle Todesfälle haben sich in den USA ereignet

In Deutschland seien lediglich knapp hundert Wiegen von dem Rückruf betroffen, gab Mattel am Montag bekannt. „Das sind alle Modelle, die in Deutschland im Umlauf sind“, sagte Anne Polsak, deutsche Mattel-Sprecherin, dem Tagesspiegel. 95 Prozent der weltweit verkauften Wiegen seien in die Vereinigten Staaten ausgeliefert worden. Alle bekannten Todesfälle hätten sich dort ereignet.

Dennoch stellt sich die Frage, wie das Produkt all die Jahre auf dem Markt bleiben konnte – obwohl mehrere Betroffene juristische Schritte einleiteten. Wie CR berichtet, verklagte im Jahr 2014 die Familie eines verstorbenen, sieben Wochen alten Jungen den Spielzeughersteller. Die Klage sei jedoch abgewiesen worden.

Wie viel Aussagekraft hat ein Toter unter Millionen von Kunden?

Welche Konsequenzen Mattel aus den Klagen zog und ob es innerhalb des Unternehmens danach zu zusätzlichen Sicherheitsprüfungen kam, konnte die Konzernsprecherin nicht sagen. Solche Prüfungen – selbst nach Todesfällen – seien kein Standard bei Herstellern, bestätigt Tobias Bleyer. Er leitet die Gruppe „Grundsatzfragen Produktsicherheit“ bei der Bundesanstalt für Arbeitschutz und Arbeitsmedizin. Wenn bei einem Artikel mechanische Risiken – wie bei der Wiege von Fisher-Price auftreten – fällt das in seinen Zuständigkeitsbereich. Ein weltweit agierendes Unternehmen „hat theoretisch Raum zum Relativieren: Wie viel Aussagekraft hat ein Toter unter Millionen von Kunden?“, sagt Bleyer. In Deutschland seien Unternehmen verpflichtet, Produkte bevor sie auf den Markt kommen auf Sicherheitsrisiken zu prüfen und solche Prüfungen regelmäßig zu wiederholen.

„Wir stehen weiterhin zu den hohen Sicherheitsstandards aller unserer Produkte“, heißt es in einer Stellungnahme von Fisher-Price vom Freitag. Man habe sich in enger Zusammenarbeit mit der US-Verbraucherschutzbehörde Consumer Product Safety Commission (CPSC) „freiwillig dazu entschieden, das Produkt zurückzurufen“.

Geneigte Schlafwiegen seien gefährlich

Diese „freiwillige Entscheidung“ zum Rückruf ist nicht unüblich. Für einen erzwungenen Rückruf müsste die CPSC das Unternehmen verklagen. Kommissionssprecher Joseph Martyak sagte der „New York Times“, dies sei in den vergangenen 19 Jahren lediglich sechs Mal geschehen. Demgegenüber stünden tausende Fälle, bei denen der Rückruf freiwillig von den Unternehmen oder von der Kommission initiiert wurde.

Laut CR sei die Wiege vor allem deshalb gefährlich, weil ihre Schlaffläche nicht flach sei, sondern eine Neigung habe. Kurz nachdem Fisher-Price das Produkt 2009 auf den Markt brachte, überprüfte die CPSC, welches Risiko von einer Neigung ausgehen könnte. Resultat: Produkte mit einer Neigung von mehr als fünf Grad sollten nicht verwendet werden. Nach einer erneuten Prüfung hob die Kommission den Wert später auf zehn Grad an.

Fisher-Price suchte sich eigene Sicherheitsstandards aus

Laut CR-Bericht habe Fisher-Price diese Prüfungen ignoriert und darauf verwiesen, dass es sich um eine Wiege mit Schwingfunktion handele. Die CPSC sollte dies berücksichtigen, da sich Eltern sonst für andere Produkte zum Beruhigen ihrer Kinder entscheiden würden, die möglicherweise gefährlicher seien. Als die Kommission CPSC nicht auf diese Argumente des Unternehmens einging, soll sich Fisher-Price an eine weitere Organisation gewandt haben: Die ASTM International legt freiwillige Sicherheitsstandards für Güter fest. Diese hätten anschließend Kriterien festgelegt, die dem Neige-Winkel der Fisher-Price-Wiegen entsprachen.

Im Angebot von Fisher-Price sei der „Rock’n Play Sleeper“ die einzige geneigte Wiege, sagt Sprecherin Polsak. Andere Unternehmen haben Wiegen mit ähnlicher Funktionsweise im Angebot. Consumer Reports (CR) nennt in seinen Berichten den Hersteller Kids 2. Deren Wiegen „Ingenuity Moonlight Rocking Sleeper“ und „Bright Starts Playtime to Bedtime Sleeper“ werden von den Verbraucherschützern mit vier weiteren Todesfällen in Verbindung gebracht.

Trotz Rückruf geben viele Verbraucher Waren nicht zurück

In dem Bericht heißt es: „Diese geneigten Produkte stehen in Verbindung zu Kindstoden und im Widerspruch zu den Empfehlungen medizinischer Experten für sicheren Schlaf“, schreibt William Wallace, Analyst bei CR. Er bezieht sich auf Gesundheitshinweise der amerikanischen Akademie der Kinderärzte und fordert auch von Kids 2, dessen Produkte zurückzuziehen. Bisher hat das Unternehmen darauf nicht öffentlich reagiert. Der letzte auf der Website des Spielzeugherstellers überhaupt aufgeführte Rückruf stammt von 2017.

Im Jahr 2018 wurden rund 2200 Produkte dem europäischen Schnellwarnsystem als „gefährliche Artikel“ gemeldet. Die meisten davon betrafen Produkte aus dem Spielzeugbereich. Doch trotz entsprechender Rückrufe bringen viele Verbraucher die betroffenen Waren nicht zurück. Eine Studie ergab, dass ein Drittel diese Produkte weiter verwenden – obwohl sie von ihrer Gefahr wissen.

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