Panorama : Mit Swing

Roger Cicero gibt alter Musik neuen Schwung – auch beim Eurovision Song Contest?

Jörn Wöbse

Um 21 Uhr 45 verkündeten die Showlegenden Alice und Ellen Kessler auf der Bühne des Hamburger Schauspielhauses die Sensation: Roger Cicero fährt für Deutschland zum Eurovision Song Contest (ESC) ins finnische Helsinki. Weder die favorisierte Casting-Girl-Group Monrose noch der tapfere Zählkandidat Heinz Rudolf Kunze hatten eine Chance.

Mehr als die Hälfte der über 900 000 abgegebenen Stimmen entfiel auf Ciceros Titel „Frauen regier’n die Welt“. Was ist passiert? Haben die Eltern – wie von Cicero zuvor empfohlen – tatsächlich die Handys ihrer Kinder versteckt, oder saßen die allesamt vor der parallel ausgestrahlten Model-Show von Heidi Klum? Lag es am Weltfrauentag? Oder gibt es tatsächlich einen neuen Trend, weg vom globalen popmusikalischen Einheitsbrei, hin zur hippen Nische? 2006 gewann, auch überraschend, mit Texas Lightning eine Country-Band, 2007 nun mit Roger Cicero & Band ein veritables Swing-Orchester.

Unter den Nazis war Swing verboten, dann wurde er vergessen, und jetzt tritt ein Deutscher damit an. Leider darf Cicero aufgrund der strengen ESC-Regeln nur fünf seiner insgesamt elf fabelhaften Instrumentalisten auf der Bühne präsentieren – die Gründe für diese Regel sind rätselhaft. Deutschland präsentiert sich in Helsinki also swingend und ist damit sicher nicht völlig chancenlos. Seit Robbie Williams 2001 sein Album „Swing when you’re winning“ mit Klassikern des Genres sehr erfolgreich auf den Markt gebracht hat, ist die Musik der 40er und 50er Jahre wieder schwer angesagt. Der kanadische Sänger Michael Bublé feiert weltweit Riesenerfolge, Altmeister Paul Anka bringt Rocktitel von Oasis und Nirvana zum Swingen, und auch bei uns wird das Feld fleißig beackert.

Neben Roger Cicero ist besonders der junge Bariton Tom Gaebel zu nennen, der das klassische Sinatra-Timbre in der Kehle hat. Cicero selbst hat von seinem Album „Männersachen“ inzwischen über 200 000 CDs verkauft, hält sich seit Monaten in den Charts, und seine aktuelle Tournee ist komplett ausverkauft.

Der Sohn des legendären, aus Rumänien stammenden Pianisten Eugen Cicero hat schon mit zwölf Jahren neben Helen Vita auf der Bühne gestanden, nach einer fundierten musikalischen Ausbildung sang er im Bundesjugendjazzorchester – so heißt das wirklich! – von Peter Herbolzheimer, in der „Soulounge“ und bei „Jazzkantine“. Noch im letzten Jahr tingelte Cicero mit dem Quartett „After Hours“ durch die Jazz-Clubs der Republik und sang sich durch Hardcore-Jazz von John Coltrane bis Coleman Hawkins. Großartige Musik, übersichtliche Zuhörermengen. In den „Männersachen“ geht der Swing eine Liaison mit Pop ein, gerade so viel, dass Marktkompatibilität erreicht wird. Und Cicero singt, bisher als Einziger, in der angeblich so sperrigen deutschen Sprache. Dass das funktioniert, ist ein Verdienst des Texters Frank Ramond, der übrigens auch für die Erfolge der Chanson-Sängerin Annett Louisan mitverantwortlich ist.

Es scheint, als bediene das Swing-Revival eine tief sitzende Sehnsucht des Publikums nach Eleganz, nach Stil und Coolness. Nach schicken Ballsälen, Buntgetränken mit Schirmchen und dem klassischen Engtanz. Gutes Benehmen, vollständige Sätze und der Dame den Stuhl zurechtrücken.

Dazu eine Big Band in Anzügen und ein Sänger mit Entertainer-Qualitäten – das darf auch ruhig etwas kosten. Selten hat man so viele gutgekleidete Menschen gesehen wie auf einem RogerCicero-Konzert, und das quer durch alle Altersgruppen. Ein Sieg der Hipness also, und damit ist Deutschland schon mal ganz weit vorne. Auch wenn es in Helsinki am 12. Mai nicht zu einer vorderen Platzierung reicht, was angesichts der Balkanhegemonie zu erwarten ist.

Obwohl – haben nicht im vergangenen Jahr die Finnen gewonnen? Und die mussten sich sogar durch die Qualifikation quälen … „Das schöne am ESC ist“, sagte am Donnerstagabend die Autorin Susanne Fröhlich, „dass man sich bei diesem Event von jeglicher Political Correctness befreien kann“. Deshalb darf man mit mildem Patriotismus die Daumen drücken für den Enkel von Teddy Stauffer und Paul Kuhn, für ein swingendes, cooles Deutschland auf der Höhe der Zeit.

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