Offline anfangen, online Geld sammeln, Album aufnehmen

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Music Week : Die Musikbranche rettet sich selbst

Wie nerdige Vorreiterinnen der Digitalisierung sehen die beiden Musikerinnen nicht aus. „Wir haben einige sehr engagierte Fans, die uns auch nach Konzerten schon unterstützen wollten“, sagt Anne. Vor allem einem „Believer“, wie die zahlenden Unterstützer genannt werden, haben es die beiden wohl angetan. 1500 Euro hat ein einzelner Nutzer aus Neuseeland gespendet, dafür hätte er „ein Anrecht auf drei Wohnzimmerkonzerte oder zwei Auftritte in unseren Musikvideos“, sagen die beiden und müssen lachen. Dass die Believer bestimmte Gratifikationen je nach gespendeter Summe bekommen, ist fester Bestandteil der Idee von SellaBand. „Wir waren eher die untypischen Crowdfunding-Künstler. Wir haben kaum Fan-Videos gepostet, sondern eher Social Media und den persönlichen Kontakt zu den Fans genutzt“, sagt Kirstin. Dass trotzdem Geld zusammenkam, lag wohl auch am Sieg von Anne Haight bei der „Nacht der Talente“ von Radio Fritz vor einem Jahr und der anschließenden Radio-Präsenz ihres verträumt melodischen Songs „Black Bird“. Offline anfangen, online Geld einsammeln, Album aufnehmen und mit den Songs auf eine hoffentlich gut bezahlte Tour gehen, wo dann das wirkliche Geld verdient wird – auch so kann eine Wertschöpfungskette im Musikgeschäft 2013 aussehen.

Für Neueinsteiger ist Crowdfunding schwierig

Dass auch bekannte Künstler SellaBand nutzen können, haben nicht zuletzt die legendären US-Rapper von Public Enemy bewiesen, aktuell sammelt auch Studio- Braun-Legende Rocko Schamoni auf einer Plattform aus der Schweiz für ein Pop-Orchester-Projekt. Musikmanager Erik Laser glaubt ohnehin, dass sich Crowdfunding für Künstler eignet, die sich bereits einen Stamm von Anhängern aufgebaut haben: „Wenn Public Enemy oder H-Blockx sammeln, spenden die Fans. Für Neueinsteiger ist es schwierig.“

Mit seinem Musikverlag Laserlaser arbeitet der Mann mit dem zurückgekämmten Haar mit großen Labels zusammen, um Künstler wie Jennifer Rostock Plattenverkäufe und ausverkaufte Hallen zu bescheren. „Es kommt immer noch auf das gute Produkt an, die Ansprache der Fanbasis hat sich jedoch verändert“, sagt er in seinem Büro, einem spärlich eingerichteten Raum mit dem gewissen Chic des Rohen. „Je jünger das Zielpublikum ist, desto irrelevanter werden klassische Medien. Bei Fans unter 25 ist selbst das Cover des legendären Rolling Stone nichts wert.“

Über den Berg ist die Industrie trotzdem nicht

Für das kommende Album von Jennifer Rostock setzt Laser auf eine Kombination aus gezielter Ansprache in den sozialen Netzwerken und einer starken Präsenz auf Youtube, wo Songs vorab umsonst zu hören sein werden. „Früher hätte ich ganz stark darauf geachtet, vorab gezielt einen Hit im Radio zu platzieren. Heute können wir die Fans von Jennifer Rostock gezielter ansprechen. Wir müssen nicht alle Menschen in Deutschland erreichen.“ Die Fragmentierung scheint für die Musikindustrie dann kein Hindernis mehr zu sein, wenn die angestammten Fans ihre Unterstützung beibehalten. Drei Prozent „Intensivnutzer“ sorgen nach Zahlen des Bundesverbandes für mehr als ein Drittel der Umsätze. 63 Prozent geben gar nichts für Musik aus.

„Es ist grundsätzlich so, dass es schwieriger geworden ist, sich Gehör zu verschaffen“, sagt Laser, dessen durchdringender Blick die Gewohnheit zu verhandeln verrät. Auch er hat einmal als Musiker begonnen. „Es gibt immer noch das Risiko des Scheiterns.“ Einiges sei für Künstler im Jahr 2013 jedoch einfacher. So betreue er mit DJ Etnik einen auch international wahrgenommenen Künstler, der „seine Musik in seinem Kinderzimmer zusammenmischt, Etnik braucht kein aufwendiges Studio“. Auch die Diskussion um die geringen Einnahmen der Künstler durch Streaming ist für Laser nicht angebracht. „Man sollte froh sein, wenn die Leute einem ihre Zeit geben.“ Rentieren werde sich die Karriere dann langfristig, wenn eine breite Fanbasis und eine große Anzahl an Liedern für konstante Einnahmen sorgen. Über den Berg ist die Musikindustrie nach Lasers Meinung ohnehin nicht. Man habe eben keine andere Wahl gehabt und sich „gesundgeschrumpft“.

Dieser Text erschien auf der Dritten Seite.

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