Seit 1999 hat die Branche 38 Milliarden Umsatz verloren

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Music Week : Die Musikbranche rettet sich selbst

Ähnlich ist die Entwicklung auf dem weltweiten Markt. Die Verkäufe von CDs gehen weiter zurück, doch zum ersten Mal steigen die Einnahmen aus dem Internet schnell genug, um die Verluste auszugleichen. Die Zeitenwende zum legalen Musikgeschäft im Netz personifiziert ein Mann der alten Schule. Napster-Gründer Sean Parker hat die Industrie mit seiner Tauschbörse geschröpft – und ist heute einflussreicher Investor bei Spotify.

Streaming-Dienste, neben Spotify auch Simfy, Deezer, Rdio und andere, haben laut dem Bundesverband Musikindustrie ihren Marktanteil verdoppelt und „momentan das größte Wachstumspotenzial“. Dass Spotify nicht nur Liebling der Szene ist, sondern auch viel Kritik einsteckt, liegt vor allem an den niedrigen Beträgen, die Künstler für einen abgespielten Song erhalten. Weit weniger als einen Cent bekommen die meisten dafür. Einige Künstler ziehen ihre Songs deshalb von der Plattform zurück, die meisten bleiben jedoch. Für Altstars, die an der Verwertung ihrer erfolgreichen Lieder weiterhin Geld verdienen, tauge Streaming ja etwas, heißt es oft, für neue Künstler seien die Einnahmen zum Leben zu wenig.

Ein Argument, das Zilch nicht gelten lässt, schließlich würden ja auch viele Nutzer streamen und dafür bezahlen, die sonst nur illegal Musik aus dem Netz ziehen würden. Erfolge von Künstlern wie Cro – der bei Spotify am meisten geklickte Künstler war im letzten Jahr auch bei CD-Verkäufen sehr erfolgreich – scheinen zudem der These der Kannibalisierung von einem Vertriebsweg durch den anderen zu widersprechen.

Die neuen Zahlen lassen hoffen

Dass Streaming mit knapp fünf Prozent Marktanteil und legale Downloads mit 20 Prozent der klassischen CD mit ihren 75 Prozent immer noch gewaltig hinterherhinken, sehen Experten als vorläufige Erscheinung. Die Referenzmärkte geben die Richtung vor. In den USA wurde 2012 zum ersten Mal mehr Geld im digitalen Musikgeschäft umgesetzt als mit Tonträgern. In Schweden, neben Spotify auch Heimat der berüchtigten Tauschbörse mit dem selbst erklärenden Titel Pirate Bay, kauft kaum jemand noch CDs, Streaming boomt dort, wie in ganz Skandinavien. Doch auch wenn die neuen Zahlen die Musikindustrie hoffen lassen, wird es wohl nie mehr so sein wie vor der Digitalisierung: Weltweit ging der Umsatz der Branche seit dem Rekord 1999 mit 38 Milliarden um mehr als die Hälfte zurück.

Die deutsche digitale Verspätung hat viele Gründe. Das gute regionale Radioprogramm könnte einer sein, die Liebe zu physischen Tonträgern ein anderer. Ein Grund für den momentanen Übergang zum legalen digitalen Musikkonsum könnten die zahlreichen Abmahnungen sein, die von der Musikindustrie den Nutzern illegaler Tauschbörsen geschickt wurden. Mehr als 20 000 waren es allein 2012, mit der durchschnittlichen Forderung von 800 Euro. Allerdings ist die Tendenz rückläufig. Es ist wohl vor allem der Zangengriff aus stärkerer Verfolgung illegaler Nutzung und verbessertem legalen Angebot, der die Portemonnaies der Musikfans geöffnet hat.

Nun sollen die Fans die Branche retten

Die Rettung der Musikindustrie durch die Musikfans selbst, ohne Umwege, ist die Idee hinter Crowdfunding-Plattformen wie SellaBand. Das Prinzip ist einfach: Künstler erklären auf der Plattform, wie viel Geld sie für ein neues Album oder ein Musikvideo brauchen, die Nutzer spenden eine von ihnen festgelegte Summe. Labels sollten überflüssig, die Musikindustrie demokratisiert werden, als die Plattform 2006 noch aus Holland antrat, den gesamten Markt zu revolutionieren. Nach einer zwischenzeitlichen Insolvenz und einem Verkauf sitzt das Unternehmen nun in Berlin und München – wie die ganze Musikindustrie hat es sich erfolgreich verkleinert.

Artist Manager Malte Graubner sitzt in einer Etage für junge Unternehmen im Spree-Palais mit Blick auf den Berliner Dom, faltet seine Hände und sagt: „Wir sehen uns als Ergänzung zur Musikindustrie. Wir wollen Künstlern die Finanzierung ermöglichen, ohne ihnen die Rechte an ihren Songs abzunehmen.“ Geld verdient SellaBand nur, wenn die Bands über die Plattform Projekte realisieren. Wie die meisten Macher im Hintergrund hat auch Graubner einmal alles auf eine eigene Musikkarriere gesetzt, mit seiner Indierock-Formation aber nicht den Durchbruch geschafft. Um zu zeigen, wie erfolgreiches Crowdfunding funktioniert, hat er das Duo Anne Haight eingeladen. Die beiden Musikerinnen – Anne, Singer-Songwriterin, und Kirstin, Bratschistin – haben über SellaBand erfolgreich 10 000 Euro gesammelt, um ihr Album aufzunehmen.

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