„Ich mache es ja für ihn“, sagt Hella Brice, mit sich im Reinen.

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Nachlass von Pierre Brice wird versteigert : Winnetou, der Ehemann

Und so erhebt sich aus dem Nachlass in 1547 Stücken die Silhouette eines Menschen. Der Abdruck, den einer in den Dingen hinterlassen hat, in Form seiner Kleider, Eierbecher, Bücher, Lieblings- und Sammlerstücke, die sich ja zeitlebens wie ein Futteral um einen Menschen schließen, und wenn er stirbt, bleibt diese ganz eigene Form wie ein leerer Instrumentenkoffer zurück.

Ist es möglich, die Silhouette eines Menschen aus seinem Nachlass zu zeichnen? Und wenn ja - steckt Pierre Brice da drin in den Positionen des Auktionskatalogs? Sind die zahlreichen Fische ein Teil von ihm, einige in Form silberner Salièren, in Form eines Fisch-Flaschenöffners und im silbernen Serviettenständer in Form eines Karpfens? Waren dem Mann etwa Fische wichtiger als Pferde?

Ein Hummer-Set, mit minimalen Spuren

„Nein“, sagt Hella Brice. Viele Fische stammten noch aus seinem Elternhaus in Brest. Er mochte, obwohl Bretone, keinen Fisch. Das lag an seinen Erfahrungen im Indochina-Krieg, als er einmal 24 Stunden neben verrottendem Fisch gefangen war.

Aber Austern gingen? Es gibt ja einen Austernhandschuh in der Auktion ...?

Ja, Austern gingen, sagt sie. Und Muscheln.

Position 1429, „Hummer-Set, bestehend aus zwei Lätzchen (mit minimalen) Hummerspuren und zwei Servietten, sowie 2 Tischsets, feines Leinen mit detaillierter Bestickung, insgesamt 6-teilig, 80er Jahre“.

Wer in dieser Halle Winnetou sucht, wird vor allem Pierre Brice finden. Einen Reisenden, mit großen Mengen Gepäck von Gucci und Fendi. Und wer einen Indianerhäuptling erwartet, wird einen Ehemann finden. Mit Strickjacke und Hausschuhen, mit Malkasten und unvollendeten Bildern.

Auktionskatalog Position 1025, „Pierres Frau“. Sie ist natürlich nicht selbst im Angebot. Es ist „Pierres erstes Foto von Hella, im August 1976 in Elspe fotografiert. Sein Lieblingsfoto, in schlichtem Glasrahmen, H=23,5, B=18 cm“.

Es verletzt Hella Brice, wenn die Leute sie für kalt halten, weil sie den Nachlass versteigert, da ihr Mann noch keine fünf Monate unter der Erde liegt.

Position 2484, Konvolut Fahrenheit, bestehend aus 1 Flasche EdT, 100 ml, ca. halbvoll sowie 1 Flasche Fahrenheit Aqua EdT, 125, ca. halbvoll, eines von Pierres zuletzt gerne benutzten Parfums.

Zwei halb volle Flaschen Eau de Toilette?

„Ich mache es ja für ihn“, sagt Hella Brice, mit sich im Reinen. Ein Teil des Erlöses werde gespendet. Die beiden hatten ohnehin eine Auktion geplant. Es war sogar seine Idee gewesen, denn sie lebten in diesem Landhaus bei Paris, in dem sich über Jahrzehnte die Sedimente ihres Lebens in den Regalen abgesetzt hatten. Bevor sie zusammen nach Garmisch ziehen wollten, mussten sie dringend ausmisten.

Auch der Jaguar steht zum Verkauf

In der Halle steht der agile Auktionator Michael Lehrberger. Weil er Hella Brice schon von diversen Wohltätigkeitsveranstaltungen kannte, und weil die Witwe ihm vertraute, reiste er im Sommer nach Frankreich in ihr Landhaus, das Jagdschloss zu nennen sie angeberisch findet, und verteilte gelbe Zettel überall. Gemeinsam durchstreiften sie die 560 Quadratmeter Wohnfläche, während Lehberger versuchte, eine Dramaturgie hinzukriegen. Einen dramatischen Bogen für seine Auktion, um ein Lebenswerk zu zeigen, angefangen mit dem Kinderspielzeug und dem Taufkleid über die Silberbüchse und die Winnetou-Zeit bis zum Jaguar, den der alte Mann fuhr, als er schon schon längst nicht mehr ritt.

Sie pappten also einen Zettel an den „Stoffigel Mecki, bekleidet in stehender Ausführung, bespielt, aber noch gut erhalten, eines der ersten Spielzeuge von Pierre Brice“, Position 5. Eine Markierung bekam eine Bastelei des Jungen, der zuvor U-Boote im Atlantik beobachtet hatte, „handgeschnitztes und bemaltes U-Boot aus Holz mit Metallappliken und Takelage, mit einem Gummiaufzug als Antrieb, L 47 cm“. Position 13.

Sie gingen im Haus umher und wägten ab, Lehberger mit seinen Zetteln und Hella Brice mit ihren Geschichten.

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