Nachruf auf Schlagersänger Jürgen Marcus : Sein Lied zog hinaus in die Welt

"Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben": Kein Künstler verkörperte in den 70er-Jahren die streng getaktete Ekstase der Hitparade besser als Jürgen Marcus. Ein Nachruf.

Jürgen Marcus trat 36-mal in der „Hitparade“ auf. Seine erste Nummer eins hatte er am 5. August 1972 mit „Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben“.
36-mal trat Jürgen Marcus in der „Hitparade“ auf. Seine erste Nummer eins: „Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben“ im Jahr 1972.Foto: Imago/United Archives

Wahnsinniger als in der ZDF-„Hitparade“ haben die siebziger Jahre nie wieder ausgesehen. Wer mit den unglaublichen Dackelohrkragenhemden der Sängerinnen und Sänger, ihrem Rollkragensex, den Plateauschuhen und Musketierfrisuren sowie den atemlosen Ansagen des Moderators Dieter Thomas Heck aufgewachsen ist, hat nie aufgehört, innerlich mitzuklatschen.

Schlager ist eine Form von Aufruhr, die spätestens nach dreieinhalb Minuten schon wieder aufhört. Kein Künstler verkörperte die in der „Hitparade“ streng getaktete Ekstase besser als Jürgen Marcus. Zwischen 1970 und 1982 ist er 36-mal in der Sendung aufgetreten, wobei er die Rolle des Diskothekenkönigs genauso perfekt verkörperte wie die des Startenors im schwarzen Frack mit Fliege.

Mit seinen schulterlangen blonden Haaren und der unkaputtbaren guten Laune war er wohl das, was Jugendliche damals „dufte“ fanden, während ältere Damen seufzten: „So ein netter junger Mann“. Dieter Thomas Heck nannte ihn „den Strahler“, ein Lob, über das der Sänger später klagen sollte: „Ach ja, das hat er mal gesagt, das sind halt so Attribute, die man irgendwann kriegt.“

„Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben“ heißt sein Jahrhundertsong, der im scheppernden Polka-Rhythmus den hormonellen Ausnahmezustand feiert. So frenetisch wie Jürgen Marcus ihn im August 1972 in der „Hitparade“ sang, konnte man den Eindruck haben, dass da tatsächlich eine neue, freiere, bessere Epoche ausgerufen würde.

Im moosgrünen Samtanzug stürmt er auf die Bühne, fragt: „Ist das noch dieselbe Straße die ich schon seit vielen Jahren geh’ / Ist das noch dieselbe Stadt die ich im Licht der Sterne glitzern seh’ ?“, begleitet die Bläsersätze mit den ruckartigen Armbewegungen eines Gewichthebers und wirbelt zum „Nananananana“ des Refrains um die eigene Achse.

Liebeswahn als Hochleistungschoreographie. Selten wurde die Unbeschreiblichkeit eines Zustands besser beschrieben. Die Schlussworte lauten: „Heute fängt ein neues Leben an / deine Liebe, die ist schuld daran / alles ist so wunderbar, dass man es kaum verstehen kann.“

Jürgen Marcus und Jack White waren unschlagbar

Der Sänger, 1948 in Herne geboren, hieß mit bürgerlichem Namen Jürgen Beumer. Für sein Künstlerpseudonym entschied er sich, um nicht mit dem Eiskunstläufer Hans- Jürgen Bäumler verwechselt zu werden. Nach einer Ausbildung zum Betriebsschlosser führte sein Weg über Stationen als Sänger in Beatbands und eine Rolle in einer deutschen Aufführung des Hippie-Musicals „Hair“ in die Hitfabrik des Berliner Schlager-Produzenten Jack White. Die erste Single „Nur du“ war eine etwas hüftsteife Coverversion der peruanischen Panflöten-Hymne „El cóndor pasa“, die von Simon & Garfunkel zum weltweiten Pop-Erfolg gemacht worden war.

Jürgen Marcus bekam einen Vertrag von der Plattenfirma Telefunken, Jack White schrieb für ihn Songs wie „Ein Festival der Liebe“, „Ich hab’ die Liebe nicht erfunden“ oder „Ein Lied zieht hinaus in die Welt“. Selbst bei der Trostballade „Schmetterlinge können nicht weinen“ ist Mitklatschen möglich, allerdings enthält sie einen Mittelteil, den der Sänger bei Fernsehauftritten frontal in die Kamera sprach: „Ja, ich weiß, es ist nicht so einfach, eine Enttäuschung zu beenden. Aber wiederum, wie viele Menschen haben das gleiche auch schon erlebt und sind dann doch glücklich geworden.“

Ein paar Jahre lang schien das Gespann unschlagbar zu sein. Von den 23 Singles, die White bis 1979 mit Marcus produzierte, schafften es mehr als ein Dutzend in die deutschen Charts. Der Sänger trat in den eher mäßig lustigen Kino-Lustspielen „Heute hau’n wir auf die Pauke“ und „Blau blüht der Enzian“ auf und holte 1975 mit dem auf Französisch gesungenen Lied „Chansons pour ceux qui s’aiment“ für Luxemburg den 14.

Platz beim Grand Prix Eurovision. Im selben Jahr wurde er zusammen mit Richard von Weizsäcker und Frank Elstner zum bestgekleideten Mann Deutschlands gewählt. Das Ende der Zusammenarbeit mit White kündigte sich mit einen Titel an, der floppte: „Lass mich doch raus aus meiner Jacke“.

„Dann kam die Neue Deutsche Welle, da wollte ich nicht mitgehen und machte erst einmal eine Pause“, erzählte Jürgen Marcus über seinen Karriereknick zu Beginn der achtziger Jahre. Zum Schlager sei er nur „aus Zufall“ gekommen, darum versuchte er es nun im ernsteren Fach.

Gezeichnet von der Krankheit. Seit 2002 litt Jürgen Marcus an COPD. Das Foto zeigt ihn im Jahr 2006.
Gezeichnet von der Krankheit . Seit 2002 litt Jürgen Marcus an COPD. Das Foto zeigt ihn im Jahr 2006.Foto: Lindenthaler/Imago

Zwanzig Jahre lebte er mit seinem Partner zusammen

Er begann selber zu komponieren und sich bei den Texten stärker einzumischen. Das Album, das den Neuanfang signalisieren sollte, hieß schlicht „Jürgen Marcus“ und zeigte den Star in nachdenklicher Trenchcoat-Pose. Es blieb kommerziell erfolglos, genauso wie die Single „Luci-Ah“, eine Adaption des gleichnamigen Stücks vom italienischen Rocksänger Lucio Battisti, für die Udo Lindenberg einen deutschen Text geschrieben hatte.

Jürgen Marcus ließ die Polka und das „Nananananana“ hinter sich, er wollte pur und authentisch klingen wie ein Liedermacher. Mit der Klavier-und-Streicher-Ballade „Ein Lächeln“ war er 1980 noch einmal in der „Hitparade“ zu sehen. Es ist ein sanft mahnender Schlager, der von der Tugend der Fröhlichkeit handelt. „Was ist stärker als Protest und verbindet Ost und West? Ein Lächeln“, heißt es da. Das mag rührselig sein, vielleicht sogar kitschig, aber wenn etwas rührselig sein darf, dann doch wohl Musik

Bis 2004 das Comeback-Album „Ich glaub’ an die Welt“ herauskam, mussten 22 Jahre vergehen. Jürgen Marcus blieb ein Teil des Retro-Schlager-Business, er tingelte auf kleineren Bühnen durch die Provinz und war nur noch selten im Fernsehen zu sehen. Offen sprach er nun über seine Homosexualität, mehr als zwanzig Jahren lebte er mit seinem Partner Nikolaus Fischer zusammen, der auch sein Manager war. Bereits Mitte Mai ist er, wie Fischer nun bekanntgab, in München an den Folgen der chronischen Lungenkrankheit COPD gestorben.

Jürgen Marcus wurde 69 Jahre alt. Sein Lied zieht weiter hinaus in die Welt.

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