Bergoglio ist kein Charismatiker

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Papst Franziskus : Der Pontifex vom anderen Ende der Welt

Von Stadion hat Franz-Bergoglio aber gar nichts. Er reißt nicht die Arme hoch wie sein Vorgänger. Er lächelt nicht einmal. Steif steht er da, ungelenk, er lässt die Schultern hängen, das Brustkreuz hängt schief, gerade mal die rechte Hand hebt er zu einer verhaltenen Begrüßung. Besorgt sieht Franz aus, ernst; ein strenges Gesicht – durch die Brille verstärkt – wie der unnahbare Pius XII., dafür eine Statur, die an den populären Johannes XXIII. erinnert. Und dann sagt er einfach: „Brüder und Schwestern, guten Abend!“

Natürlich: der spanische Akzent. Vor 76 Jahren in Buenos Aires geboren,als Sohn eines italienischen Eisenbahnarbeiter und einer Hausfrau, ist Bergoglio über Argentiniens Hauptstadt kaum hinausgekommen. 1969 erhielt er die Bischofsweihe. Es waren aufreibende Jahre, es war die Zeit der Befreiungstheologie. Doch das war Bergoglios Sache nicht.

Was Politiker und Geistliche dem neuen Pontifex Franziskus mit auf den Weg geben
Neben Regierungschefs aus aller Welt gratulierte auch Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) dem neuen Papst Franziskus. Wowereit erklärte, mit der Wahl verbinde sich die Hoffnung auf soziales Engagement für mehr Gerechtigkeit in der Welt und Modernisierungsschritte in der katholischen Kirche.Weitere Bilder anzeigen
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14.03.2013 13:45Neben Regierungschefs aus aller Welt gratulierte auch Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) dem neuen Papst...

Bergoglio ist kein Charismatiker, sondern machte eher in den Ordensstrukturen Karriere. Die Lehre und die Publikation sind die Passion des „Philosophenpapstes“. Schon 1973 wurde er zum Provincial, dem Leiter des Jesuitenordens in Argentinien ernannt. Den Posten hatte er bis 1979 inne – während der härtesten Phase der Repression der Militärdiktatur. Seine Gegner werfen ihm vor, damals nicht energisch genug gegen die Verfolgung Andersdenkender eingetreten zu sein, nicht einmal, als auch Geistliche und Ordensschwestern hingemetzelt wurden. Vor einigen Jahren wurde er deshalb sogar vor Gericht zitiert. Er antwortete schriftlich. Papst Johannes Paul II., ein entschiedener Gegner der Befreiungstheologie, hielt große Stücke auf den langjährigen Vorsitzenden der argentinischen Bischofskonferenz und machte ihn 2001 zum Kardinal.

Er gilt als konservativ in gesellschaftlichen Fragen wie Homosexuellenehe oder Abtreibung. Mit der linken Regierung unter dem Präsidentenehepaar Nestor und Cristina Kirchner hat sich Bergoglio deshalb öfter angelegt – zuletzt wegen der Legalisierung der Homosexuellenehe im Jahr 2010. Dies sei ein Schachzug des Teufels, hatte er öffentlich kritisiert. Präsidentin Cristina Kirchner erklärte ihn für einen Lobbyisten des Mittelalters und der Inquisition.

Andere schätzen an Bergoglio hingegen seine Integrität, seine Fähigkeit zum Dialog und seinen einfachen Lebensstil. Er sei so aufrichtig, dass nicht einmal die Kirchners trotz intensiver Suche einen schwarzen Fleck in seinem Lebenslauf hätten finden können, sagte zum Beispiel der Agustinerbruder Ricardo Corleto.

Und nun steht dieser Mann im Papstgewand auf der Loggia des Petersdoms. Er beginnt mit einem Vaterunser plus Avemaria für den „emeritierten Bischof von Rom“, für Benedikt XVI., und der ganze, riesige Platz betet mit. Dann stellt er sich selbst auch als Bischof von Rom vor, den die „Brüder Kardinäle vom anderen Ende der Welt geholt“ haben. Dass Bergoglio Papst der Weltkirche und nicht nur Stadtbischof von Rom ist, das kommt in seiner Begrüßungsadresse nicht vor.

Franz-Bergoglio ringt nach Worten. Aufgeregt ist er. Er atmet schwer, und irgendwo im Gedächtnis taucht die Erinnerung an schwere Lungenprobleme wieder auf, die damals, beim Konklave von 2005, angeblich seine Wahl zum Papst verhindert haben. Er beugt sich im Gebet nach vorne, und fast hat es den Eindruck, er könnte im nächsten Augenblick von der Balustrade stürzen. Und dann kommt er doch noch mit einem Halbsatz auf die Welt zu sprechen; vor dem Segen „Urbi et Orbi“ lässt er den Platz, in Stille, für ihn, den neuen Papst beten.

Der Applaus hält sich in Grenzen. Die Leute gehen. Noch im Bus fragen sie einander: Wer ist das eigentlich? Und eine italienische Tageszeitung titelt in ihrer Online-Ausgabe: „Seine ersten Worte: Gute Nacht! Und erholt euch gut.“

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