Patientenschützer mahnen : Nur jeder Zweite hält System bei Organspende für gerecht

Mehr als 10.000 Patienten warten derzeit auf ein Spenderorgan. Viele Deutsche haben Zweifel an den aktuellen Regelungen, wie eine Umfrage zeigt.

Die Rückseite eines ausgefüllten Organspendeausweises.
Die Rückseite eines ausgefüllten Organspendeausweises.Foto: Marie Reichenbach/dpa

Nur die Hälfte der Bundesbürger hält das Organspendesystem in Deutschland für gerecht. Mit 36 Prozent denkt hingegen über ein Drittel, dass es ungerecht sei. Das ist das Ergebnis einer Umfrage des Instituts Kantar im Auftrag der Deutschen Stiftung Patientenschutz anlässlich des Tags der Organspende. Bei den Befragten über 60 Jahre halten sogar 44 Prozent das Organspendesystem nicht für gerecht.

An diesem Samstag eröffnet Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) in Kiel den bundesweiten Tag der Organspende unter dem Motto „Richtig. Wichtig. Lebenswichtig.“ Was für gerecht oder nicht gerecht gehalten wird, wurde nicht näher erfragt. In der öffentlichen Debatte war in den vergangenen Jahren unter anderem immer wieder die Verteilung der Spenderorgane.

Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, sagte: „Das Vertrauen in die Gerechtigkeit ist eine Voraussetzung für eine positive Stimmung bei der Organspende.“ Immer noch lägen aber Verteilungskriterien, Organisation und Durchführung sowie die Kontrolle bei den privatrechtlichen Akteuren der Selbstverwaltung, kritisierte er.

Daher sei es nicht verwunderlich, dass letztlich nur 36 Prozent einen Organspendeausweis besäßen, kritisierte Brysch. Er forderte, die Verantwortung für das Transplantationssystem müsse auf eine staatliche Institution übertragen werden. Selbst die beiden aktuell vorgestellten Gesetzentwürfe ließen die Gerechtigkeitsfrage außer Acht.

Mit diesen konkurrierenden Entwürfen streben Bundestagsabgeordnete eine Neuregelung an. Eine Gruppe um Spahn sieht vor, dass alle Volljährigen automatisch als Organspender gelten, außer man widerspricht. Eine andere Gruppe will, dass alle Bürger mindestens alle zehn Jahre beim Ausweis-Abholen auf das Thema Organspende angesprochen werden. Derzeit müssen mögliche Spender aktiv zugestimmt haben, bevor ihnen Organe entnommen werden können. „Eine Organspende ist größtmögliche Solidarität“, schreibt Spahn in einem Gastbeitrag für die „Passauer Neue Presse“. „Man ermöglicht jemand anderem weiterzuleben.“

Allein 8.000 Dialysepatienten betroffen

Nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) stehen derzeit mehr als 10.000 Patienten auf der Warteliste für ein Spenderorgan. Allein 8.000 Dialysepatienten warten auf eine Nierentransplantation. Ihre Zahl ist fast dreimal so hoch wie die der pro Jahr übertragenen Organe, heißt es auf der Homepage der DSO, der bundesweit agierenden Koordinierungsstelle für die postmortale Organspende in Frankfurt am Main. Täglich sterben statistisch gesehen drei Kranke, weil für sie nicht rechtzeitig ein passendes Organ verfügbar ist.

Sind Patienten aufgrund eines Organversagens auf eine Transplantation angewiesen, werden sie von ihrem Arzt bei einem Transplantationszentrum angemeldet. Die Entscheidung über die Aufnahme in die Warteliste trifft das Transplantationszentrum zusammen mit dem Patienten.

Größere Chancen durch Eurotransplant

In den deutschen Transplantationszentren werden folgende Organe übertragen: Niere, Leber, Herz, Lunge, Bauchspeicheldrüse und Dünndarm. Für diese Organe werden separate Wartelisten geführt, auf denen alle Patienten registriert werden, die ein Organ benötigen und sich aus medizinischer Sicht einer Transplantation unterziehen können.

Die Transplantationszentren geben der DSO zufolge die erforderlichen Patientendaten an die Vermittlungsstelle Eurotransplant (ET) in Leiden in den Niederlanden weiter. Die Stiftung ist für die Vermittlung sämtlicher Organe zuständig, die in Deutschland, Österreich, den Niederlanden, Belgien, Luxemburg, Slowenien, Kroatien und Ungarn verstorbenen Menschen entnommen werden.

Bei Eurotransplant sind alle Patienten der Mitgliedsländer registriert, die auf ein Organ warten – derzeit rund 15.000 Menschen. Durch den länderübergreifenden Zusammenschluss haben die Patienten größere Chancen, ein passendes Organ zu bekommen oder - in dringenden Fällen – möglichst schnell transplantiert zu werden. (dpa, epd)

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