Geld verdienen sie mit Gülle, nicht mehr mit Milch

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Philipp Wenz hilft Viehzüchtern : Der Kuhflüsterer

Knöcheltiefer Kuhmist auf der Weide, Regen, der langsam in Schneeregen übergeht. Tolles Wetter, um Kühen hinterherzulaufen. Aber immer noch besser als beim letzten Elbehochwasser im Sommer, findet einer der Bauern, als sie wegen der vielen Bremsen mit Gesichtsschutz auf die Felder mussten, umkreist von schwarzen Insektenwolken. So vergessen sie Wenz’ eiserne Regel und geraten langsam ins Plaudern. Strukturwandel als Thema, Tenor: Früher war auch viel Quatsch dabei, aber so schlimm wie heute ist es nicht gewesen. Natürlich machen sie mit beim Biotrend, was sollen sie auch sonst tun, die Anreize sind zu groß.

So pflanzen sie Mais an mit der Absicht, ihn zu Treibstoff zu verarbeiten, auch wenn sie sich damit auf Dauer die Vielfalt ruinieren. Die Cleveren haben Biogasanlagen gebaut, die sie mit der Gülle ihrer Kühe befeuern. Weil der so produzierte Strom zu subventionierten Festpreisen ins Netz eingespeist wird, ist es mittlerweile so weit, dass die Milch in manchen Fällen nur noch das Nebenprodukt der Warenkette ist, sagt einer. Geld verdienen sie mit Gülle, nicht mehr mit Milch.

Die Kühe furzen uns ins Unglück, hat Rainald Grebe mal gesungen, und das sehen sie hier durchaus anders. Stattdessen kacken die Kühe sie in eine Gewinnzone, in die sie mit dem Verkauf von Milch schon längst nicht mehr kämen. So sieht Bioboom in der Praxis eben auch aus, und man kann es ihnen nicht mal wirklich vorwerfen, sie schütteln ja selber den Kopf darüber. Krank ist das, sagt einer, komplett krank. Und auch die Viehhaltung auf der Weide mag zwar ein gutes Image haben, hat aber auch ihre Schattenseite: den Kolkraben.

Als erstes gehen die Mutigen

Wenn Kälber nicht mehr im Stall sondern auf der Weide geboren werden, dann liegt anschließend die Nachgeburt im Gras. Die schmeckt dem Kolkraben recht gut. So gewöhnte er sich an die neuen Weidenbewohner – und dummerweise schmecken ihm auch neugeborene Kälber recht gut, wenn sie nach der Geburt hilflos im Gras liegen. Wenn die Mutterkuh ihr Kalb für einen Moment unbeobachtet lässt, kommt der Rabe und pickt ins Kalb. Ein Bauer verlor im Jahr 2013 insgesamt zwölf Kälber durch Kolkraben-Angriffe. So richtig nachhaltig finden sie das hier nicht, aber bevor schlechte Stimmung aufkommt, bewirkt Wenz ein Wunder: Er treibt die Herde in den Stall. Begeisterung.

Und anschließend wieder auf die Weide. Sich steigernde Begeisterung. Vor dem Stall ist ein vielleicht 30 Quadratmeter großer Käfig aufgebaut, da werden die Kühe durchgeschleust und alles klappt prima. Als erstes gehen die Mutigen, dann kommen die Zauderer und am Ende bleiben zwei übrig: eine große und eine kleine. Im Käfig angekommen dreht die große durch, nimmt Anlauf und rennt mit dem Kopf gegen das Gitter. Es löst sich an einer Seite, die Kuh bricht durch und biegt – Glück für Wenz, von dessen Methode man sich anschließend wohl noch lange im Dorf erzählt hätte – nicht auf die Dorfstraße ein. Sie überspringt einen Elektrozaun und rennt zurück auf die Weide, die kleine hinterher.

Bilanz: 58 zu zwei für Wenz. Das macht die Kuh nicht noch einmal, sagt der Bauer. Naja, vielleicht doch: ein letztes Mal. Wenn in ein paar Tagen der Schlachthof einen Transporter schickt. Und die Kuh nicht einsteigen will.

Dieser Text erschien auf der Dritten Seite.

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