Zwischen Mensch und Kuh liegt einiges im Argen

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Philipp Wenz hilft Viehzüchtern : Der Kuhflüsterer

Soweit die Praxis auf den Weiden und damit zur Theorie in der alten LPG-Kneipe. Viele Quereinsteiger unter den Zuhörern, in der Landwirtschaft herrscht Fachkräftemangel, und so steht Wenz, der studierte Agrar-Ingenieur, vor ehemaligen Maurern, Ofenbauern und Heizungsmonteuren und erzählt. Aufgewachsen in Dortmund, erfuhr er später als Betriebsleiter eines Hofes in Mecklenburg-Vorpommern, dass zwischen Mensch und Kuh einiges im Argen liegt. Also fuhr er nach Texas und lernte bei dem Viehzüchter Bud Williams, wie sich die Verhältnisse auf dem Hof entspannen lassen. Dass man seitlich an der Herde vorbeigehen soll, dass die Kuh fast automatisch stehen bleibt, wenn der Bauer auf Höhe ihrer Schulter angelangt ist. Dabei muss er sie nicht anfassen, es reicht, wenn er da steht, auch Meter entfernt vom Tier. Warum sie stehen bleibt? Egal, sie tut es halt. Er lernte, dass auch eine Kuh Privatsphäre hat, wer ihr zu nahe kommt, zwingt sie zum Gehen. Und dass es darauf ankommt, so kalkuliert in diese Sphäre einzudringen, dass die Kuh in die Richtung geht, die der Bauer haben will. Und wie?

„Dafür gibt es den Zickzack-Gang“, sagt Wenz, und zeichnet Schaubilder auf ein Flipchart. Viele Linien – das sind seine Laufwege. Viele Kugeln – das sind die Kühe. Viele Kreise – das sind die Reaktionszonen der Kuh. Die Kuh – technisch gesehen eine reine Manövriermasse. Wenn Wenz vom Kuhtreiben redet, geht es um Innenlenkung, indirektes Treiben, Vorhaltungen und Einfallswinkel. Es gibt sicher nicht viele Möglichkeiten, um ein gutes Dutzend sachsen-anhaltinischer Bauern an einem Montagmorgen aus dem Takt zu bringen. Wenz beherrscht eine davon. Und dann noch diese Sache mit der Stimme. Grob gesagt: Nur ein schweigender Bauer ist ein guter Bauer.

Geräusche braucht kein Tier

„Man macht sich als Mensch nicht klar, was die Tiere brauchen“, sagt Wenz. Dabei müsste man sie nur beobachten. Geräusche etwa brauchen sie nicht. Kein beruhigendes Schschsch, kein freundliches Hallo, am besten einfach Klappe halten. „Die Kuh selbst sagt ja auch nichts“, sagt Wenz. Zumindest nicht, solange es ihr gut geht. Von Haus aus ist die Kuh ein schweigsamer Zeitgenosse, vielleicht liegt es daran, dass als Beutetier eine diskrete Geräuschkulisse von Vorteil ist. Muss ja nicht jeder gleich wissen, dass man da ist.

Wenn sie doch einmal was sagt, dann neigt sie zu Vorwürfen. Selbst ein Willkommensmuh ist immer mit der Frage verbunden, wo der andere gewesen ist, sagt Wenz. „Ich hab mir Sorgen gemacht, wo hast du denn gesteckt, so in der Art.“ Einzige ihm bekannte Ausnahme: Es gebe da ein vertrauensvolles „Möken“ zwischen Kalb und Kuh. Im Großen und Ganzen aber ist die plaudernde Kuh nicht sein Spezialthema.

Darum sollen sich die Theoretiker kümmern. Sie tun es mit großem Ernst. Die zentrale Frage: Was meint die Kuh wirklich, wenn sie Muh sagt? Wissenschaftler der Technischen Hochschule in Zürich haben zusammen mit Kollegen der Universität Nottingham sowie der Londoner Queen-Mary-Universität unlängst Antworten gefunden. Sie belauschten über Monate zwei britische Herden und kamen auf insgesamt drei unterschiedliche Muhs. Muh eins: Kalb hat Hunger und sucht Mutter. Muh zwei: Mutter hat zu viel Milch und sucht Kalb. Muh drei: Kalb ist fast bei Mutter angekommen, Mutter sagt Muh.

Zickzackkurs und immer scharf an der Herde vorbei

Erkenntnisse aus der Kategorie „unnützes Wissen“? Nicht unbedingt, findet Wenz. Sondern eher Anzeichen dafür, wohin die Reise in der Tierhaltung künftig gehen könnte: zum komplett technisierten Kuhstall. Mikrofone zeichnen jedes Geräusch der Tiere auf, eine Software erkennt die Aussage, dann kommt Futter, die Melkmaschine oder der Besamungstechniker. Schon heute gebe es Sensoren an Kuhhälsen, die erkennen sollen, wann eine Kuh brünstig ist. Der Sensor misst Kaubewegung und Beinbewegung, zieht daraus seine Schlüsse. Faustregel: Wer wenig isst und viel herumläuft, hegt Kinderwünsche. Wenz hält nicht viel von dieser Entwicklung. Fachkräftemangel hin und her, grundsätzlich gebe es nichts in der Landwirtschaft, was der Mensch nicht besser könne als der Computer. Und zumindest auf der Weide hätten Mikrofone und Computer eh keine Chance, viel zu weitläufig.

Am nächsten Tag: Showdown. 60 Kühe und ein Dutzend Männer. Die Kühe sollen in den Stall. Stall finden die Kühe doof. Männer, die auf Kühe starren. Kühe, die auf Männer starren. Kühe, die abhauen, einmal ans andere Ende der Weide. Alles wie immer also. Jetzt soll der Wenz mal zeigen, was er kann, finden die Bauern. Wenz läuft los, Zickzackkurs und immer scharf an der Herde vorbei. Dann näher, Einfallswinkel gleich Ausfallswinkel, vor und zurück. Eine graue Kuh am Rand, nervös, trabt herum, steht quer zu den anderen. Die Graue ist der „Herdenspalter“, diagnostiziert Wenz. So ein Herdenspalter ist ein echtes Problem, mit seiner Hektik kann er andere anstecken, aufstacheln, und plötzlich gilt der Hysteriker als Kompetenzler, dem sie alle hinterherrennen und dann geht alles von vorne los.

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