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Polizei widerspricht Medienberichten : Kitas werden nach Speiseplanänderung nicht bewacht

Zwei Leipziger Kitas bieten aus Rücksicht auf muslimische Kinder kein Schweinefleisch mehr an. Anders als gemeldet werden die Einrichtungen aber nicht bewacht.

Ein Polizist steht in der Nähe einer Kindertagesstätte in Leipzig.
Ein Polizist steht in der Nähe einer Kindertagesstätte in Leipzig.Foto: dpa/Sebastian Willnow

Kein Schweinefleisch mehr auf der Speisekarte, keine Gummibärchen mehr als Nascherei: Nach heftigen Diskussionen um die Änderung des Speiseplans in zwei Leipziger Kitas kursierten Medienberichte darüber, dass die Einrichtungen nun unter Objektschutz stünden. Auch der Tagesspiegel hatte die entsprechende Agenturnachricht zunächst in dieser Form übernommen. Auf Twitter stellte die Polizei dann klar, dass es keine Polizeischutz für die Kitas gab oder gibt. Man habe am Dienstagmittag "lediglich Kontakt mit der Leitung aufgenommen".

Dem Tagesspiegel sagte am Mittwoch eine Sprecherin der Polizei Leipzig: "Es handelte sich um einen rein präventiven Einsatz." Die Beamten hätten das Gespräch mit der Kita-Leitung gesucht und ihr Einsatzfahrzeug vor dem Gebäude geparkt. Dies sei fälschlicherweise als Einsatz zum Objektschutz interpretiert worden.

Die Leitung der beiden Kitas hatte sich nach Angaben der „Bild“-Zeitung aus Rücksicht vor zwei muslimischen Mädchen im Alter von zwei und drei Jahren zu einer Menü-Änderung entschlossen und Schweinefleisch wie Gelatine-Produkte komplett gestrichen. Fromme Muslime sollen nach den Regeln des Islams kein Schweinefleisch essen. „Aus Respekt gegenüber einer sich verändernden Welt werden ab dem 15. Juli nur noch Essen und Vesper bestellt und ausgegeben, die schweinefleischfrei sind“, zitierte die Zeitung aus einem Kita-Schreiben zu den Essensplänen.

In dem Papier sei auch darauf hingewiesen worden, dass Süßigkeiten, die Schweinefleischbestandteile wie Gelatine enthielten, nicht mehr angeboten würden. Das treffe beispielsweise auf Gummibärchen zu. Eltern von Kita-Kindern bestätigten der Deutschen Presse-Agentur die Änderung des Speiseplans. Die Kita wollte sich auf dpa-Anfrage zunächst nicht zu den Hintergründen äußern. Ein Polizeisprecher sagte, man steht in Kontakt mit der Leitung der Kindertagesstätte und des benachbarten Kindergartens, die ein freier Träger betreibe.

Mittlerweile haben die Einrichtungen die Entscheidung rückgängig gemacht. Das berichtete die „Bild“-Zeitung. Denn nach dem öffentlichen Bekanntwerden des Falls war eine heftige Diskussion entbrannt. Die sächsische CDU sprach von einem „Verbot von Schweinefleisch“ und bezeichnete dies als inakzeptabel. Landes-Generalsekretär Alexander Dierks erklärte, selbstverständlich solle und könne „niemand gegen seinen Willen gezwungen werden, etwas Bestimmtes zu essen. Aber ein Verbot ist der falsche Weg“.

AfD-Bundestagsfraktionsvize Beatrix von Storch sprach von einer „kulturellen Unterwerfung“. 300 Kinder in den beiden Kitas würden jetzt gezwungen, ihre Ernährungs- und Lebensgewohnheiten wegen zweier muslimischer Kinder zu ändern. „Man stelle sich nur vor, deutsche Kinder in Riad würden dort ihr Recht auf Currywurst erstreiten und die Mehrheitsgesellschaft zwingen, ihre Ernährung umzustellen.“

Schweinefleisch-Verbot: Kita-Chef verteidigte seinen Entschluss

Kita-Chef Wolfgang Schäfer hatte die Änderung des Speiseplans zunächst via „Bild“ verteidigt. „Auch wenn es nur eine Familie wäre, die das Seelenheil ihres Kindes aus religiösen Gründen durch unreines Schweinefleisch beeinträchtigt sieht, setze ich diese Neuerung jetzt durch.“ Eine Entscheidung, die Bundesernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) für falsch hält. „Alle anderen für die Essgewohnheiten anderer, die auch mal gerne Schweinefleisch essen, in Mithaftung zu nehmen, ist nicht förderlich für ein gedeihliches Zusammenleben“, sagte sie der „Bild“.

Die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli (SPD), selbst Muslimin, twitterte: „Wenn Kitas, Schulen und sonstige Einrichtungen lieber vegetarisch statt Fleisch servieren - fine with me. Ich bin nur dagegen, wenn es heißt: aus Rücksicht auf Muslime.“ Schweinefleisch- oder Gummibärchenverbote seien ebenso überflüssig wie die Bezeichnung Wintermarkt statt Weihnachtsmarkt oder Festtagsgruß statt Frohe Weihnachten: „Liebe Alle: Ist nett gemeint, aber lasst es bitte! Tut es nicht für die Muslime. Ihre Seele wird damit nicht geheilt.“

Der Vater eines Kita-Kindes sagte der dpa, er sei vor etwa zwei Wochen mit einem Schreiben über die Speiseplan-Änderung informiert worden. „Wir finden die Entscheidung prinzipiell gut“, sagte der 37-Jährige, der seinen zweijährigen Sohn am Nachmittag von der Kita abholte. Die Mutter einer Vierjährigen bezeichnete die Debatte hingegen als „absurd“. Es gebe dringlichere Probleme. Ihre Tochter merke sowieso nicht, ob sie Schweinefleisch esse oder nicht. (dpa)

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