"Gehen Sie zurück an Bord, Sie Scheißkerl!"

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Prozess gegen Costa-Concordia-Kapitän : Die Unschuld vom Strande

Zielscheibe ist der Zeuge Gregorio De Falco, diensthabender Chef der Hafenkapitanerie im 75 Seemeilen von Giglio entfernten Livorno und Einsatzleiter in jener Januarnacht. Der 49-Jährige in der perfekt sitzenden Uniform der Küstenwache bestätigt, was die Passagiere gleich nach der Katastrophe und was sämtliche bisher vernommenen Schiffsoffiziere dem Gericht auch schon gesagt haben: dass sie alle nach dem großen Knall um 21.45 Uhr und sieben Sekunden nicht wussten, was auf der Costa Concordia wirklich passiert war. Dass sie auf klare Informationen, auf Entscheidungen des Kapitäns warteten und dass von der Brücke nichts kam. „Die Maschinen, die Generatoren, die Personal-Etage unter Deck null, alles war so überflutet, dass wir schon nach zehn Minuten wussten: Die Costa Concordia ist verloren“, hatte Giovanni Iaccarino, Erster Offizier, ausgesagt. „Doch als ich der Brücke mitteilte, dass die Lage ernst war, kam nur ein ,Okay, verstanden‘ zurück. Was wir tun sollten, sagte keiner.“ Und den Generalalarm, diese erste Warnstufe, diese Folge aus sieben kurzen und einem langen Pfiff, ließ Schettino auch erst nach einer guten Dreiviertelstunde geben. Da neigte sich das Schiff schon immer stärker zur Seite; viele verängstigte Passagiere hatten längst auf eigene Faust Schwimmwesten angelegt.

Die Offiziere drängen: "Geben wir Alarm"

„Für alles mussten wir nachfragen“, sagt De Falco. „Zuerst teilte die Costa Concordia nur einen Stromausfall mit. Dass sie ein Leck und Wasser an Bord hatten, damit rückten sie auf unser Drängen erst nach und nach heraus.“ Und dann lassen die Staatsanwälte jene Nacht in den Gerichtssaal zurückkehren. Sie spielen die Telefonate und Funkgespräche zwischen Schiff und Küstenwache ab und die Videos von der Kommandobrücke. Da laufen in rot-blau flackerndem Warnlicht Schatten durch die Gegend. Da erfüllt das Bimmeln diverser Alarmglocken das Theater. Aufgeregtes Stimmengewirr durcheinander. Schettino offenbar an mehreren Telefonen und Mikrofonen gleichzeitig. Man hört das „Raus! Raus! Raus!“, mit dem der Vize-Chef des überfluteten Maschinenraums seine Leute nach oben drängt, und das „Wie, warum springt nichts mehr an?“, mit dem ein ungläubiger Kapitän den Obermaschinisten anherrscht, der nicht einmal mehr den Notgenerator in Gang bringt, von den Pumpen ganz zu schweigen. Da sind die Stimmen von immer mehr Offizieren, die ihren Kapitän drängen: „Geben wir Alarm! Evakuieren wir das Schiff!“, und ein Schettino, der immer noch zögert: „Warten Sie! Warten Sie! Zuerst noch...“

Schettinos Anwälte und er selbst aber interessieren sich im Gerichtssaal nicht für diese Dramatik. Sie haben mit dem Offizier De Falco noch eine Rechnung offen, und die wollen sie begleichen. Um 1.46 Uhr nämlich, also vier Stunden nach dem Aufprall der Costa Concordia auf die Klippe vor Giglio, hatte De Falcos Küstenwache zwei beunruhigende Dinge erfahren: dass auf dem inzwischen flachliegenden Schiff immer noch etliche hundert Passagiere der Rettung harrten und dass der Kapitän derweil trockenen Anzugs auf der sicheren Insel saß. Dann kam jenes Telefonat, in dem ein wütender De Falco den Kapitän niederschrie: „Sie verweigern sich? Dann kommandiere jetzt ich. Sie nehmen die Strickleiter, gehen zurück an Bord und erstatten mir Bericht über die Lage dort.“ Und als Schettino versuchte einzuwenden, das gehe nicht mehr, schleuderte De Falco ihm den Satz entgegen, der in Italien mittlerweile zum geflügelten Wort geworden ist: „Salga a bordo, cazzo! Gehen Sie zurück an Bord, Sie Scheißkerl!“

Schettino ist sichtlich nervös

Als dieses Telefonat durchs Theater gellt, ist Schettino sichtlich nervös. Er klappt seinen Laptop auf und wieder zu, dreht sich auf seinem Stuhl hin und her. Währenddessen richten seine Anwälte über De Falco: Der habe keine Ahnung, was man bei einer Panik an Bord zu machen habe; er sei in jener Nacht zu weit von Giglio weggewesen, um überhaupt mitreden zu können, er habe dem Kapitän gänzlich unausführbare Anweisungen erteilt. Und nach elf Gerichtsstunden, zum Tagesausklang, liest Schettino eine vorformulierte „spontane Erklärung“ ab: Er habe alles für die Rettung der Passagiere getan, De Falco hingegen sei mit seinem „betrüblicherweise“ um die Welt gegangenen Telefonat „zu einem Negativsymbol für den Kapitän der Costa Concordia, für die Hafenbehörden und für ganz Italien geworden“. Eine Art Hochverrat also.

Bei den Beobachtern im Theater löst Schettino damit nur noch ein „Pffff!“ aus. Denn kurz zuvor hat Martino Pellegrini, der Sicherheitsoffizier der Costa Concordia, im Zeugenstand erzählt, dass der zornige, angeblich viel zu weit entfernte De Falco im Recht und es in jener Nacht durchaus noch möglich war, an Bord zu gehen. Pellegrini hatte das nämlich noch zwei Stunden nach Schettinos Weigerung geschafft: „Gegen drei Uhr morgens fragte die Reederei nach einem Menschen, der das Schiff kannte und bereit war, oben die Suche nach den letzten Passagieren zu koordinieren. Ich saß zu dem Zeitpunkt neben Schettino auf Giglio. Er hat mir das Handy weitergereicht, und ich habe Ja gesagt. Dann bin ich hoch.“

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