Prozess gegen Joaquín Guzmán : Verteidigung weist alle Vorwürfe gegen „El Chapo“ zurück

Er sei nie der Anführer des Drogenkartells gewesen, sagt "El Chapos" Anwalt. Der eigentliche Boss habe seine Festnahme durch Schmiergelder verhindert.

Wies im Namen seines Mandanten alle Vorwürfe zurück: Jeffrey Lichtman, Anwalt von Joaquin "El Chapo" Guzman.
Wies im Namen seines Mandanten alle Vorwürfe zurück: Jeffrey Lichtman, Anwalt von Joaquin "El Chapo" Guzman.Foto: Mary Altaffer/AP/dpa

Zu Beginn des Prozesses gegen den mexikanischen Drogenbaron Joaquín "El Chapo" Guzmán hat die Verteidigung alle Vorwürfe der Staatsanwaltschaft als unwahr zurückgewiesen. Guzmán sei der Sündenbock, sagte sein Anwalt Jeffrey Lichtman am Dienstag (Ortszeit) in New York, wie die Tageszeitung "El Universal" (Online) berichtete. Er sei nicht der Anführer des berüchtigten Drogenkartells. "In Wirklichkeit hat er nichts kontrolliert", sagte Lichtman. Vielmehr sei Ismael "El Mayo" Zambada für die Verbrechen verantwortlich.

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Das Gericht will "El Chapo" 33 Morde und den Schmuggel von mehr als 200 Tonnen Kokain nachweisen. Auf sein Konto gehen aber vermutlich Tausende Morde. Ihm droht eine lebenslange Haftstrafe. Die Todesstrafe ist gemäß einer Einigung zwischen Mexiko und den USA ausgeschlossen.

Lichtman sagte vor Gericht, Zambada habe seine Festnahme verhindert, indem er Bestechungsgeld in Millionenhöhe an den aktuellen sowie den vorherigen mexikanischen Präsidenten gezahlt habe. Ex-Präsident Felipe Calderón wies die Anschuldigungen via Twitter umgehend als "absolut falsch und fahrlässig" zurück. Auch ein Sprecher des scheidenden Präsidenten Enrique Peña Nieto bezeichnete die Behauptung als "komplett falsch und verleumderisch". "Die Regierung von Enrique Peña Nieto hat den Kriminellen Joaquín Guzmán verfolgt, gefasst und ausgeliefert", schrieb Regierungssprecher Eduardo Sánchez auf Twitter.

Der Prozess gegen „El Chapo“ hatte am Dienstag unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen im New Yorker Stadtteil Brooklyn begonnen. Bei strömendem Regen hatten sich schon am frühen Morgen Dutzende Reporter und Schaulustige vor dem Gericht angestellt, um einen Platz im Saal zu bekommen. Die Eröffnungsplädoyers hatten sich zunächst verzögert, weil zwei der in der vergangenen Woche ausgewählten zwölf Jury-Mitglieder ausgetauscht werden mussten. Eine Frau hatte in einem Brief an den Richter geschrieben, sie sei zu nervös, um an dem Prozess teilzunehmen. Ein anderes Jury-Mitglied hatte angegeben, es arbeite selbstständig und der Verdienstausfall während der Prozesszeit sei zu hoch. Die Jury-Mitglieder sollen auf Anordnung des Richters zu ihrer eigenen Sicherheit anonym bleiben.

Guzmán verfolgte den Prozessauftakt mit spanischer Simultanübersetzung im Ohr und stoischem Gesichtsausdruck von der Anklagebank aus, gekleidet in einen dunkelblauen Anzug. Seine Ehefrau, die frühere Schönheitskönigin Emma Coronel, war ebenfalls in den Gerichtssaal gekommen. Richter Brian Cogan hatte Guzmán zuvor untersagt, sie zu umarmen.

"El Chapo" hat Aussage angekündigt

"El Chapo" wurde im Januar vergangenen Jahres an die USA ausgeliefert. Damals hatte er angekündigt, bei einer Auslieferung auszusagen. Ihm werden beste Kontakte in höchste mexikanische Sicherheitskreise nachgesagt. Auch deshalb erwarten Beobachter, dass Netzwerke aus Korruption und Drogenhandel in Politik und bei den Sicherheitskräften aufgedeckt werden.

Als Chef des berüchtigten Sinaloa-Kartells war Guzmán zeitweise einer der mächtigsten Drogendealer weltweit, der Geschäfte auf allen Kontinenten machte. Das Sinaloa-Kartell kontrollierte den Drogenhandel der gesamten Grenzregion zu den Vereinigten Staaten im Norden von Mexiko.

Anklageschrift umfasst 300.000 Seiten

Das Verfahren wird nach Einschätzung von Richter Brian Cogan mehrere Monate dauern. Rund 300.000 Seiten Anklageschrift inklusive 14.000 Seiten an Zeugenaussagen haben die New Yorker Staatsanwälte zusammengetragen. Schon jetzt ist der Prozess aufgrund der hohen Sicherheitsvorkehrungen einer der teuersten in der US-Geschichte.

Von der Aussage der Zeugen, die zum Teil unter neuer Identität leben, hängt ein großer Teil des Prozesses ab. Befürchtet werden Racheakte vonseiten des Kartells. Richter Vicente Bermúdez Zacarias, der den Vorsitz über „El Chapos“ Fall in Mexiko führte, war zum Beispiel im Oktober 2016 auf offener Straße beim Joggen erschossen worden. Der Täter ist bis heute nicht gefasst. (dpa, epd)

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