Punks mit Bibel : Taizé-Gemeinde feiert Jubiläum

Zu den Treffen der Ordensgemeinde Taizé kommen Zehntausende Jugendliche. Vor 70 Jahren legten die ersten Brüder ihr Gelübde ab – trotz Widerstand der Kirche.

Die ökumenische Bruderschaft will Brücken zwischen Konfessionen bauen.
Die ökumenische Bruderschaft will Brücken zwischen Konfessionen bauen.Foto: imago/epd/Stefan Arend

Zwei Jahrtausende Kirchengeschichte haben zu einer Menge Spaltungen geführt. Die vielen christlichen Konfessionen miteinander zu versöhnen und wieder eine sichtbare Einheit aller Christen entstehen zu lassen, das war das Anliegen von Frère Roger und seiner Brüdergemeinschaft von Taizé in Burgund. Der Männerorden ist berühmt für seine jährlich stattfindenden Jugendtreffen mit Zehntausenden Besuchern und gilt als erste ökumenische Bruderschaft in der Geschichte der Kirche.

Kurz vor Ostern stehen auf dem Hügel von Taizé zwei Jubiläen an. Vor 70 Jahren am 17. April 1949 – ein Ostersonntag – legten die ersten sieben Brüder ihre Gelübde für ein lebenslanges Engagement ab. Und 20 Jahre später, ebenfalls am Ostersonntag (6. April 1969), wurde erstmals ein Katholik aufgenommen.

Im Zweiten Weltkrieg sucht der junge Schweizer Theologe Roger Schutz einen Ort, um in Gemeinschaft mit Gleichgesinnten zu leben und zugleich Kriegsflüchtlingen helfen zu können. Im Sommer 1940 findet er in der Nähe des einstigen Reformklosters Cluny das verfallene Weindorf Taizé; einen heruntergekommenen, geistlich verwaisten Flecken. Mit geliehenem Geld kauft er eines der Natursteinhäuser im Ort.

Roger versteckte politische Flüchtlinge

Dort, nahe der Demarkationslinie zwischen dem nazibesetzten Frankreich und dem sogenannten freien Vichy-Frankreich, versteckt Roger jüdische und politische Flüchtlinge, die in die Schweiz wollen. 1941 formuliert er eine erste Ordnung für ein gemeinschaftliches Leben in Taizé. Doch der Traum wird von den Realitäten des Krieges eingeholt: 1942 wird Roger denunziert und muss in die Schweiz zurückkehren.

In Genf, der Stadt Calvins, lebt er mit seinen beiden protestantischen Gefährten Max Thurian und Pierre Souvairan in brüderlicher Gemeinschaft. Von der konservativen reformierten Szene der Stadt durchaus beargwöhnt, pflegen sie bereits die künftige Gastfreundschaft von Taizé und knüpfen wertvolle Kontakte.

Im Oktober 1944 kehrt Roger mit den beiden Gefährten nach Taizé zurück – um für immer zu bleiben. Schon kurz darauf kommt ein vierter Bruder hinzu: Daniel, heute 97 Jahre alt und der letzte noch Lebende aus dieser Gründerzeit. Die Zeiten sind hart nach dem Krieg, die Not ist groß. Pierre fällt im Winter die Akazien vor dem Haus, um daraus Zaunpfähle herzustellen – eine der wenigen Verdienstquellen der Gruppe.

Einspruch gegen "nichtkatholisches Tun"

Doch wahrscheinlich ist es genau dieser karge Nährboden, der die Idee von Taizé zu einem Welterfolg machen sollte. Die Brüder kümmern sich nun um deutsche Kriegsgefangene aus der Umgebung und teilen ihre Mahlzeiten mit ihnen: dünne Suppe aus Brennnesseln, doch angeboten wie ein Festmahl. Für die Franzosen ein Ärgernis.

Das Taizé-Treffen in Berlin
In der schmucklosen Halle der Berliner Messe herrscht ohrenbetäubender Lärm. Freiwillige Helfer haben Brötchen, Obst und Kekse verteilt. Jetzt sitzen Hunderte junger Menschen dicht gedrängt auf dem Hallenboden, essen, lachen und diskutieren in den verschiedensten Sprachen.Weitere Bilder anzeigen
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28.12.2011 14:22In der schmucklosen Halle der Berliner Messe herrscht ohrenbetäubender Lärm. Freiwillige Helfer haben Brötchen, Obst und Kekse...

Für französische Kriegswaisen mieten die Brüder zwei weitere Häuser an. Die Mutterrolle übernimmt Rogers jüngste Schwester Genevieve Schutz-Marsauche (1912-2007), die ihre Karriere aufgibt, um den Rest ihres Lebens in Taizé zu verbringen. Sie liegt heute, nahe ihrem Bruder, vor der romanischen Kirche des Dorfes begraben – jener damals lange verlassenen katholischen Kirche die die protestantischen Brüder gerne zum Gebet genutzt hätten. Doch der Bischof von Autun erhebt Einspruch gegen solch „nichtkatholisches Tun“.

1948 kommt die Lösung von unerwarteter Seite: Der Vatikanbotschafter in Frankreich, Erzbischof Angelo Giuseppe Roncalli – der spätere Konzilspapst Johannes XXIII. –, zeigt sich beeindruckt von der Spiritualität der protestantischen Brüder. Er macht die katholische Pfarrkirche zur Simultankirche – und erlaubt ihnen damit die Nutzung.

Die Jugend kommt

Schon in den 40er Jahren gibt es erste Aufenthalte von Jugendlichen auf dem Hügel. Und über die ersten Jahre ist ein Entschluss in den Männern auf dem Hügel gereift: Am Ostersonntag 1949, dem 17. April, legen die ersten sieben Brüder in der Dorfkirche ihr Gelübde für ein lebenslanges Engagement ab. Weitere folgen bald. Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam umfasst das Gelübde. Alle Kandidaten kommen aus Kirchen der Reformation; eine Bindung auf Lebenszeit ist ihnen eigentlich fremd. Doch sind sie zusammen einen ungewöhnlichen geistlichen Weg gegangen.

Die 50er und 60er Jahre bringen viele neue Aufbrüche, aber auch Gefahren für die Gemeinschaft. Die ausdrückliche ökumenische Offenheit und Kontaktfreude von Taizé ruft konservativ-konfessionelle Kritiker auf den Plan. Auf Einladung von Papst Johannes XXIII. nehmen Frère Roger und Frère Max als protestantische Beobachter am Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) teil.

Immer mehr Jugendliche besuchen Taizé. Doch Rückschläge bleiben nicht aus. Im Zuge der Pariser Mai-Unruhen 1968 wird Taizé sowohl von reformierter wie von katholischer Seite als vermeintlich unzuverlässig beargwöhnt. Die Leiter von Taizé sogar im Vatikan vorgeladen. Dieses Misstrauen vergisst Frère Roger bis an sein Lebensende nie.

Umso kühner dann der der Vorstoß vor 50 Jahren, zu Ostern (6. April) 1969. Der junge katholische Arzt Jean-Paul aus Belgien drängt darauf, als Bruder in Taizé aufgenommen zu werden. Mit einer aus katholisch-kirchenrechtlicher Sicht eher unbestimmten Erlaubnis des befreundeten Pariser Erzbischofs Francois Marty macht Taizé am Ende den großen Schritt: Jean-Paul tritt am Ostersonntag in die Gemeinschaft ein; weitere folgen kurz darauf. 1972 legt Jean-Paul als Frère Ghislain die Gelübde ab. Aus der evangelischen Brüdergemeinschaft ist die erste ökumenische Ordensgemeinschaft der Kirchengeschichte geworden. (KNA)

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