Queen lässt Harry und Meghan ziehen : Die Monarchie wankt nicht – sie wandelt sich

Langweilig wird es nicht bei den Royals. Die Queen gewährt Enkel Harry und seiner Meghan den Ausstieg. Die Normalität wird zum größten Abenteuer.

Nicht nur in den Herzen der Briten: Die Royals
Nicht nur in den Herzen der Briten: Die RoyalsFoto: AFP/Daniel Leal-Olivas

Auf der Suche nach dem Vokabular für die offizielle Erklärung, die sie am späten Montag nach dem Familienrat in Sandringham abgab, musste die Queen nicht weit schauen; sie klang ganz so, wie die große EU derzeit zu einen kleinen verwirrten Land im Ärmelkanal spricht: Sie hätte es lieber gehabt, wenn er ganz geblieben wäre. Aber sie möchte auch in Zukunft gute Beziehungen. Es werde also eine Übergangszeit geben. Die Details seien noch auszuhandeln.

Gemeint ist natürlich ihr abtrünniger Enkel Harry, der mit seiner Meghan nicht mehr bei den Royals in der ersten Reihe mitspielen und fortan selber Geld verdienen will. Die Queen erwähnte keinen seiner Titel in ihrer Erklärung, sie ließ den „Duke“ einfach ziehen und streckte stattdessen die Hand nach ihrem „grandson“ aus.

Will einer Königin oder König werden?

Die Queen macht also mit. Sie hat tatsächlich vor, die Palasttüren zu öffnen, und ihren Enkel Harry aus seiner Repräsentantenrolle in der ersten Reihe zu entlassen.

Gerade eben noch erschien die britische Monarchie wie das unerwartet starke Rückgrat des Vereinten Königreichs, die beste Stütze, auf die sich die verunsicherte Nation in Zeiten existenziellen Zweifels lehnen konnte: Brexiteers versuchen seit drei Jahren, das tote Pferd des Empire zu satteln. Jetzt scheint die Monarchie selbst ein totes Pferd zu sein, das, sollte die Zeit dieser unglaublich widerständigen, charakterlich beständigen Königin einmal vorbei sein, eventuell niemand mehr braucht. Geht ihr dann einfach das Personal stiften? Ist es in dieser Familie so unaushaltbar?

Denn viel gründlicher noch als die Untertanen scheinen die privilegierten Familienmitglieder ihrer eigenen Institution überdrüssig. Merkwürdigerweise amüsiert sich das Publikum geradezu königlich, während das königliche Personal seltsam ermattet wirkt. „Gibt es irgendjemanden in der königlichen Familie, der König oder Königin werden will? – Ich glaube nicht“, hatte Prinz Harry vor zwei Jahren gesagt. Nun will er den Atlantik zwischen sich und seiner Familie wissen.

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Wann ist es eigentlich passiert, dass der ständig wachsende königliche Haushalt zu einer Riesenvoliere für unglückliche Paradiesvögel geworden ist? Von denen die ersten schon Verhaltensauffälligkeiten zeigen? Und wie ist eigentlich zu rechtfertigen, dass auch die Verwandten jenseits der direkten Thronfolge mit ihren Lebensentscheidungen an eben diesen Thron gekettet bleiben sollen, den sie niemals werden besteigen können?

Unterhalt gegen Unterhaltung – das funktioniert

Man könnte meinen, nach den Tumulten im Parlament, den Erschütterungen der „cradle of democracy“ durch das Brexit-Referendum, wankt nun auch noch die Monarchie. Doch viel wahrscheinlicher sehen wir doch wieder eine alte Institution, die sich wandelt, um zu bestehen. Die Familie, die das ganze Land unterhält (im Sinne von „nicht langweilt“) wird im Gegenzug vom Land unterhalten (im Sinne von alimentiert). Und der Deal „Unterhalt gegen Unterhaltung“ funktioniert gerade bestens.

So lange die Spannung bestehen bleibt, wird der Erzählfaden nicht abreißen. Und Prinz Harry hat soeben den Einsatz erhöht: Wir sehen eine Coming-of-Age-Geschichte in Echtzeit. Nun gibt es zum ersten Mal wahrhaftig auch die Möglichkeit des Scheiterns. Und das ist ja in Wahrheit das größte Abenteuer der Normalität.

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