Quer durch Russland - 1 : Die Krim: Das neue Staatsgebiet

Die Krim wurde vor zwei Jahren russisch – und die Welt hatte wieder einen Konflikt zwischen Ost und West. So ganz angekommen ist sie in Russland aber noch nicht.

Während im Wedding Boateng als Graffiti an einer Häuserwand prangt, ist es auf der Krim (Präsident) Putin.
Während im Wedding Boateng als Graffiti an einer Häuserwand prangt, ist es auf der Krim (Präsident) Putin.Foto: Nik Afanasjew

Unser Autor Nik Afanasjew reist zwei Monate lang quer durch Russland, um zwei schwere Fragen zu beantworten: "Wie ticken die Russen? Und warum sind sie so?" 

In einem Souvenirladen in St. Petersburg habe ich im vergangenen Jahr eine Schokoladentafel gekauft. Darauf war eine Landkarte mit weiten Teilen Europas und Asiens abgebildet. Es gab drei Arten von Territorien.

Russland - „altes Staatsgebiet“

Krim - „neues Staatsgebiet“

Alle anderen Länder - „künftiges Staatsgebiet“

Der Spruch „In jedem Scherz steckt ein Fünkchen Wahrheit“ ist übrigens auch in Russland sehr geläufig.

Ganz ohne Spaß könnte der 18. März 2014 in künftigen Geschichtsbüchern rot umrandet werden. An diesem Tag hielt Wladimir Putin eine Rede im golden glänzenden Georgssaal des Kremls. Sein unmittelbarer Zuhörer war die russische Polit-Elite, vor dem Fernseher sah das ganze Land zu. Putin erklärte den Anspruch Russlands, Russen zu schützen, selbst wenn sie in anderen Staaten leben. Zu lange hätte Moskau nicht die Kraft gehabt, das zu tun. Der Präsident gab sich gnädig gegenüber rebellischen Minderheiten im Inland und unnachgiebig gegenüber äußeren Feinden, also vor allem den USA. Er zog Parallelen, verglich die Annäherung der Krim und Russlands mit der deutschen Wiedervereinigung. Die Zuhörer waren so still, dass die Luft im Saal zu stehen schien, während Putin unnachgiebig die Wiederkehr Russland als Großmacht proklamierte. Der Präsident war in Höchstform.

An diesem 18. März 2014 unterzeichnete Putin den Übergang der Krim zu Russland. Dieser Anschluss basierte auf einem umstrittenen Referendum, bei dem nach offiziellen Angaben fast 97 Prozent der Krim-Bewohner für Russland votiert hatten. Dieses Referendum wurde von Europa und den USA nicht anerkannt. Der Bruch mit dem Westen wurde mit Putins Unterschrift feierlich vollzogen.

Zwei Jahre später komme ich auf der Krim an. Ich war schon einmal hier, als die Halbinsel noch ukrainisch war, etwa ein halbes Jahr vor dem Maidan. Es war ein heißer Sommer; es roch nicht nach Revolution, sondern nach Schaschlik. Alle Probleme schienen damals weit weg, geografisch und zeitlich.

Statuen auf der Krim - das Mädchen und der Soldat.
Statuen auf der Krim - das Mädchen und der Soldat.Foto: Nik Afanasjew

Aus der Inselhauptstadt Simferopol führt die längste Trolleybus-Linie der Welt 86,5 Kilometer bis nach Jalta ganz im Süden. Im Flughafen wird sogar per Lautsprecher-Durchsage dafür geworben. Leider bleibt dabei unerwähnt, dass es einen alten und einen neuen Trolleybus gibt. Der alte stammt aus einem Land, dass es nicht mehr gibt: Tschechoslowakei. Er ruckelt sehr romantisch und schwer an seiner historischen Last tragend über einen Bergpass in den subtropischen Süden der Krim.

Ich sitze ganz hinten und habe viel Platz, bis sich eine ältere Dame neben mich quetscht. „Es könnte etwas beengt sein“, versuche ich sie freundlich darauf hinzuweisen, dass so viele Plätze noch frei sind. „Aber das macht doch nichts!“, sagt sie. Die Frau trägt ein rosa Hemd, ein Kopftuch mit Pünktchen und einen langen Rock mit Blümchen. Durch eine Brille schauen mich sehr wache und irgendwie angriffslustige Augen an. Elisoweta Danilowna, 72, auf der Krim geboren und dort geblieben. Also dann.

Während der Bus das graue Simferopol passiert, erklärt Elisoweta Danilowna den Grund ihres Besuchs. Sie selbst sei ja aus dem Süden, aus Jalta. „In Simferopol gibt es einen Bücherbasar. Dort ist alles günstiger. Ich decke mich einmal im Monat ein. Aber bald ist die Brücke fertig. Dann werden auf den ganzen Krim die Preise purzeln.“

Gemeint ist die Brücke über die Straße von Kertsch vom russischen Festland auf den östlichsten Zipfel der Krim. Sie soll über drei Milliarden Dollar kosten, Ende 2018 eröffnen und die völlig überlastete Fährverbindung ersetzen, die momentan die Halbinsel mit dem Mutterland verbindet. Sowohl Züge als auch Autos könnten darüber rollen und Waren und Touristen bringen. Es gab wohl selten eine Brücke, die gleichzeitig so sehr verbinden und trennen kann wie diese. So sehr sie die Krim und Russland verbinden wird, so sehr trennt schon allein ihr Bau Russland und den Westen.

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Ukraine: zwischen den Fronten entspringt ein Fluss
Ukraine: zwischen den Fronten entspringt ein Fluss

Da ich nicht so recht weiß, wohin das Gespräch führen soll, nicke ich nur. Elisoweta Danilowna blickt nach draußen, wo Arbeiter eine Straße ausbessern und redet weiter. „Ja, jetzt wurde die Arbeit wieder aufgenommen! Arbeit ist wichtig. Du musst arbeiten, sonst kannst du dich gleich erhängen.“ Nicht nur ihre Worte werden derber. Auch ihr Ton gewinnt eine gewisse Schärfe.  „Früher haben diese degenerierten Ukrainer hier alles zu Grunde gerichtet. Jetzt geht es aufwärts!“

Bei den letzten Sätzen drehen sich einige Urlauber etwas verstört um, sichtbar Russen vom Festland, die so schrille Töne an dieser Stelle ebenso sichtbar irritierend finden. Elisoweta Danilowna scheint sich dadurch herausgefordert zu fühlen. Sie redet lauter.

„Die heutige Generation von Ukrainern, die ist doch verloren! Das sind Zombies! Nichts können sie machen. Gar nichts!“ Ich frage, was sie denn so macht oder arbeitet. Heute oder früher. „Ich bin ein sehr werktätiger Mensch. Und ein werktätiger Mensch macht viele verschiedene Sachen!“ Trotz mehrere Nachfragen ist nicht in Erfahrung zu bringen, welchen Beruf die Frau früher ausgeübt hat. Sie nimmt sich zwischenzeitlich die „Komsomolskaja Prawda“ vor, die Wahrheit des Komsomolzen, regierungstreue Yellow Press. Der Trolleybus quält sich über einen wunderschönen Bergpass.

Die Fahrt dauert noch anderthalb Stunden, und Elisoweta Danilowna legt bedrohlich die Zeitung bei Seite. „Ja. Ein werktätiger Mensch macht viele Sachen! Dass ist wie mit einem Mann. Der braucht auch viele Frauen, entweder hintereinander, oder er geht fremd. So ist das.“ Zwei junge Mütter, die mit Kleinkindern auf dem Schoß unterwegs sind, drehen sich belustigt um. Der Trolleybus bleibt plötzlich stehen. Der Fahrer muss die Stangenstromabnehmer wieder aufrichten, also die Verbindungen zwischen Stromleitung und Bus. Sie waren heruntergefallen. Der Fahrer erledigt die Aufgabe schnell, routiniert und genervt.

Der Premier sagt: „Es ist kein Geld da. Aber halten sie durch!“

Bis Jalta ist Elisoweta Danilowna nicht aufzuhalten. „Wir werden riesige Plantagen anlegen. Die Führung arbeitet schon daran. Warum sollen wir immer nur von den Türken das Obst kaufen?“ Auf die Frage nach ihrem eigenen Auskommen will sie nicht antworten. „Es ist hier nicht die Frage, was ich mir von meiner Rente leisten kann! Wenn die Plantagen erst einmal da sind, wird alles günstiger!“ Mir kommt dabei die im russischsprachigen Internet berühmte Szene in den Kopf, ein Dialog zwischen Premier Dimitri Medwedew und einer Rentnerin von der Krim. Die Seniorin beschwert sich über die niedrige Rente und die hohen Preise. Der Premier sagt: „Es ist kein Geld da. Aber halten sie durch!“

In Jalta selbst ist es sommerlich entspannt. Die lange Promenade ist voller flanierender Menschen, die Zuckerwatte kaufen, Bier trinken, Segway fahren und ihren Kindern zurufen, sie sollen nicht so weit weglaufen. Westliche Touristen gibt es keine, aber die kamen auch früher selten in Scharen. Einer der wohl am schönsten platzierten Lenins – vor seinen Augen das Schwarze Meer, hinter ihm aufragende Berge – schaut ergriffen auf die Szenerie. Am Sockel der Statue fahren Skater sowjetischen Beton kaputt, einer trägt ein Kiffershirt mit der Aufschrift High Life. Einen sichtbaren Unterschied zu früheren ukrainischen Zeiten gibt es nicht.

Gefragt nach ihrem Leben und Auskommen geben sich die meisten hier als unpolitische Patrioten. Zu Russland gehören, ja, schön und gut, aber mehr Touristen könnten es schon sein auf der Krim. Früher kamen neben den Russen auch viele Ukrainer und Weißrussen. Die bleiben aus bekannten Gründen nun zumeist fern. Den offiziellen Zahlen der russischen Tourismusbehörde gibt es ein Fünftel mehr Besucher als im Vorjahr. Jeder dritte Russe träumt demnach auch von einer Reise auf die Krim. Aber wie das so ist, mit Statistiken und der Realität...

Stellvertretend für viele soll hier Natascha zu Wort kommen. Sie ist 37 Jahre alt, lebt wie so viele von der Vermietung von Wohnungen an Touristen und telefoniert mehr oder minder durchgehend in einem sympathisch-aufgesetzten Sex-and-the-City-Stil mit Mietern, Mitarbeitern und der ganzen Welt. „Wie hier ist alles ist, fragen Sie? Für den Arsch ist es!“, sagt sie und lacht. Ist nicht ganz ernst gemeint, soll es wohl heißen. Wir gehen an einer Russland-Flagge vorbei. Natascha sagt einer Putzfrau ins Telefon, dass es okay ist, wenn sie nicht putzt. Mit Blick auf die Flagge sagt sie: „Aber wir reden hier von Russland. Also ist es natürlich der schönste und prächtigste Arsch, in dem hier alles ist!“ Sie lacht laut auf. „Nein, ich hab nicht mit dir geredet“, sagt sie ins Telefon.

„Früher habe ich 100 Dollar für eine kleine Wohnung an der Promenade genommen. Heute 30. Aber es geht. Wir kommen klar“, sagt sie, während ihr zweites Handy klingelt. „Du weißt doch wie das ist“, sagt sie ins Telefon und atmet extralaut aus. „Ich selbst war dieses Jahr erst zweimal im Wasser! Wann soll ich denn baden?“

Die Strecke zwischen Jalta und Sewastopol gehört zu den schönsten ihrer Art.

Auch Natascha wartet sehnsüchtig auf die Brücke zum Festland. 2015 seien die Russen noch im „nationalen Freudentaumel“ auf die Krim gestürzt. Doch die Russen würden nun einmal gerne mit dem Auto kommen und nicht mit dem Flugzeug. „Aber wer einmal mit Kindern bei 35 Grad 20 Stunden auf diese Fähre gewartet hat, muss schon ein bescheuerter Sadomasochist sein, um sich das nochmal anzutun.“

Die Strecke zwischen Jalta und Sewastopol gehört zu den schönsten ihrer Art. Entlang des Schwarzen Meers führt die Straße immer weiter nach Westen, sanfte grüne Hügel und schroff ins Meer abfallende Felsen wechseln sich ebenso ab wie am Strand Palmen und Tannen. Händler verkaufen am Straßenrand Honig, Obst und Zwiebeln. Andächtig ist es, in diesen slawischen Tropen.

Je näher Sewastopol rückt, desto mehr Schilder stehen entlang Straße, von denen Wladimir Putin zum Volk spricht. Die Zitate des Präsidenten lauten etwa: „Wir wollen die Krim und Sewastopol zu dynamisch entwickelten Subjekten der Russischen Föderation machen.“ Oder: „Die Rechte der Minderheiten und ihre Kultur und Sprache auf der Krim müssen geschützt werden.“ In Sewastopol selbst fallen dann auch andere große Plakate auf, auf denen einfach mit roter Farbe auf weißem Hintergrund steht: „Russland ist uns mehr als die ganze Welt!“

Sewastopol ist ein besonderer Ort, weil er schon vor dem Referendum sehr russisch war. Die hier stationierte Schwarzmeerflotte ist symbolisch von größter Bedeutung. Touristen lassen sich mit kleinen Booten in die vielen Buchten fahren, wo historische und aktuelle Militärschiffe stehen, auch solche, die früher ukrainisch waren und die Russland zusammen mit der ganzen Krim 2014 im Unfrieden übernommen hat. Anschließend kaufen viele dieser Touristen Kühlschrankmagnete, die es von jedem einzelnen Schiff gibt. In Sewastopol sind Raketenschiffe und Truppentransporter die Posterboys.

Im Zweiten Weltkrieg war die Stadt ebenso Schauplatz schwerster Kämpfe wie im Krim-Krieg, den die aufstrebende Großmacht Russland 1853 bis 1856 vor allem gegen Frankreich und Großbritannien führte. Doch damit ist es in Sewastopol mit Geschichte nicht getan.

Die Menschen von der Krim fühlen sich als die mondänen Küstenbewohner

Unweit des Stadtzentrums liegt die antike Ausgrabungsstätte Chersones. Dorthin zog es den Großfürsten Wladimir I, Herrscher über die Kiewer Rus, im Jahre 987. Wladimir war zuvor ein eifriger Heide, der Götzenbilder liebte und neben sieben Hauptfrauen mehrere Hundert Mätressen unterhielt. In Chersones ließ er sich anlässlich seiner Vermählung mit einer byzantinischen Prinzessin taufen. Es war der Beginn der Christianisierung der Kiewer Rus.

Mehr als 1000 Jahre später kam ein anderer Wladimir hierher, um die Bedeutung von Chersones für Russland und die ganze Welt zu preisen. Manchmal wirkt die ganze Krim wie ein Altar.

Auf der Promenade im Zentrum der Stadt hat all diese geschichtliche Aufladung an diesem Tag nichts beschwerliches. Nur ein Junge, der Flöte spielt und Geld in einer Box sammelt, auf der „Donezk“ steht, erinnert daran, dass unweit der Krim immer noch Menschen in einem Konflikt sterben, der theoretisch schon befriedet ist. „Das wichtigste ist, dass wir keinen Krieg haben“, lautet die häufigste Antwort auf die Frage nach der aktuellen Situation.

Zum Donbass und den prorussischen Separatisten dort haben manche auf der Krim denn auch ein seltsames Verhältnis. Sie äußern sich abschätzig. Die Menschen von der Krim fühlen sich eben als die mondänen Küstenbewohner eines Gebiets, das von Russland aufgenommen wurde. Damit stehen sie weit über den Menschen aus der Bergbauregion Donbass, die eben nicht das Glück hätten, zum Mutterland stoßen zu dürfen.

So mancher in Sewastopol äußert sich aber auch sehr bedacht und mit geradezu diplomatischem Geschick über die aktuelle Situation, wie ein Taxifahrer, der mir die Situation zu erklären versucht: „Wirtschaftlich ist es schwierig, allerdings haben es zuletzt auch die Russen auf dem Festland nicht leicht. Die Sanktionen, der niedrige Ölpreis, Sie wissen schon. Ebenso wenig prosperieren übrigens die Ukrainer, die protestieren doch gerade massenhaft gegen die Erhöhung der kommunalen Tarife. Wie unsere regionale Regierung arbeitet, können wir erst ernsthaft beurteilen, wenn die Brücke fertig ist. Wir sind doch gerade abgeschnitten von allen, von der Ukraine und von Russland. Es ist ein Ausnahmezustand.“

Ein Streifzug durch Sewastopol am frühen Abend hat etwas von einem Ausflug in die 70er und 80er Jahre. Zu seichter Musik tanzen Dutzende Senioren paarweise und einzeln, die meisten haben ein Lächeln auf dem Gesicht, sie wirken glücklich. Keine 100 Meter weiter singen ältere Damen im Chor, sie tragen hellblaue Roben, das Ensamble nennt sich: „Traum“. Die Zuhörer sind zumeist über 70, sie klatschen begeistert. Die gute alte Sowjet-Zeit. Es kommt der Gedanke auf, dass es so leicht gewesen wäre, diesen Menschen in den vergangenen 25 Jahren etwas anzubieten, mehr jedenfalls, als ihnen zu erklären, dass ihr Leben falsch war wie das System, in dem sie gelebt haben.

    

Ja, politische Systeme. Die haben ihre Fallstricke. Wie diese Fallstricke im heutigen Russland und speziell auf der Krim aussehen, davon weiß Alexander Popkov zu berichten. Er ist Anwalt und verteidigt auch solche Menschen, die eigentlich nicht zu verteidigen sind. Ich treffe Popkov in einem Restaurant in der Inselhauptstadt Simferopol.

Popkov trägt ein lockeres Freizeithemd, er spricht mit sanfter Stimme und lächelt häufig. Die vielen  schon vor ihrem Anfang entschiedenen Prozesse haben ihn nicht aushärten lassen, wie es von außen scheint. Er selbst bezeichnet seine Tätigkeit als „Palitativjustiz“. In den politischen Prozessen gebe es keine Chance auf Heilung – also auf einen Freispruch. „Was wir machen können, ist die Absurdität der Vorwürfe aufzuzeigen und den Verurteilten bestmöglich zu begleiten“, sagt Popkov.

Zuletzt war er in einen Fall involviert, der auch international Schlagzeilen gemacht hat. Der ukrainische Filmregisseur Oleg Senzow wurde wegen Terrorismus zu 20 Jahren Haft verurteilt. Er und seine Mitstreiter sollen die Außentür eines Büros der Kremlpartei Einiges Russland in Simferopol angezündet sowie geplant haben, eine der zwei Lenin-Statuen der Stadt zu sprengen. Die Staatsanwaltschaft stützte sich hauptsächlich auf die Aussage eines der Angeklagten, der seine Mitstreiter beschuldigt hat. Sein Name ist Gennadi Afanasjew, mir ist er nicht persönlich bekannt, auch nicht mit mir verwandt oder verschwägert.

Später widerrief Afanasjew seine Aussage und erklärte, sie unter schwerer Folter gemacht zu haben. Menschenrechtsorganisationen wie Memorial stuften Senzow und Afanasjew als politische Gefangene ein und übten harte Kritik an den russischen Behörden. Afanasjew wurde zu sieben Jahren Lagerhaft verurteilt, saß lange Zeit in Einzelhaft und war unter anderem im ganz entlegenen Norden Russlands, in der Republik Komi inhaftiert. Popkov hat ihn im Lager besucht. Afanasjew kam zuletzt im Zuge eines ukrainisch-russischen Deals frei und lebt jetzt in Kiew.

„Ich habe als Ermittler beim Militär angefangen“, erzählt Popkov bei einem Bier und in lockerer Restaurant-Atmosphäre an diesem lauen Sommerabend. „Einmal habe ich gegen einen Deserteur ermittelt. Ich dachte, sein Pflichtverteidiger grillt mich. Aber vor Gericht hat der nur Fragen zur finanziellen Situation dieses Burschen gestellt, der von seiner Einheit abgehauen ist. Der Pflichtverteidiger wollte wissen, ob er was verdienen kann mit dem Fall. Als klar war, dass es nicht so ist, hat er sich einfach hingesetzt und so gemacht“, sagt Popkov und legt seinen Kopf in seine Hand ab, wie ein Mensch, dem alles abgrundtief egal ist. „Ich dachte, ich sehe nicht richtig! Aber so läuft das hier.“

Ich will von Popkov wissen, wie er sich motiviert, wenn seine Fälle vor vorneherein verloren sind. Zum ersten Mal grübelt er kurz, als würde er sich das selbst gerade fragen. „Es geht schon darum, dass die politischen Gefangenen Beistand haben. Sonst wären die Silowiki in Russland allmächtig.“ Silowiki sind die Geheimdienstler und Armeeangehörige, oft mit guten Verbindungen ganz nach oben und selten zimperlich. „Und zuletzt, so vor sechs Monaten“, sagt Popkov und richtet sich merklich auf, „habe ich einen freibekommen!“ Es sei kein politischer Fall gewesen. Es ging um einen „Waisenknaben, so einen armen Burschen“, dem ein Mord angehängt werden sollte. „Wir haben vor Gericht wirklich Argumente ausgetauscht und am Ende kam er frei. Das tat gut. Von so einem Fall zehre ich natürlich.“

Am Nebentisch wird es dann plötzlich lauter. Zwei Frauen, die dort ihren Wein trinken, regen sich im Gespräch mit der Kellnerin auf. „Wieso sollen wir umgesetzt werden? Sind wir kleine Mädchen, oder was?“ Nach einer Weile machen sie doch Platz. Drei Männer um die 35 setzen sich dorthin. Kurze Frisuren, trainierte Oberarme, feste Blicke. Einer von ihnen holt ein Aufnahmegerät heraus, legt es gut sichtbar auf den Tischrand und grinst zu uns herüber. Sie bestellen die größte Pizza, die es in dem Laden gibt und schauen hin und wieder sehr deutlich zu unserem Tisch. So endet der Abend.

Am nächsten Tag sagt Popkov, dass er sich nicht sicher sei, ob das „Mitarbeiter“ gewesen sind. Auf mich hat es schon den Eindruck gemacht, als seien die Leute nicht zufällig dort gewesen. Ob Popkov nur kein Aufhebens machen will, kann ich in dieser Situation schwer einschätzen. Dass er beobachtet wird, würde nicht verwundern, schließlich ist er Teil eines recht engen Kreises von Menschen, die sich in Russland trauen mit den Mitteln des Systems gegen das System aufzubegehren. Dazu arbeitet auch noch auf der Krim. Die besondere Schwierigkeit beschreibt er so: „Dass die russischen Behörden mich und meine Kollegen beobachten ist bekannt. Aber auch mit den Ukrainern gibt es Probleme, weil für die jegliche russische juristische Tätigkeit auf der Krim illegal ist. Es ist manchmal schon schwierig.“

Wie klein der Kreis von Menschen  wie Popkov ist, wird wenige Minuten später klar. Ich erzähle ihm, wie ich einmal in Sotschi war, wo Popkov auch arbeitet. Ich war dort für den Tagesspiegel 2012 bei den Paralympics. Vor mir war Lars Spannagel aus der Sportredaktion des Tagesspiegels dort und hat eine Reportage über einen der Olympia-Arbeiter gemacht. Mardiros Demertschan wurde um seinen Lohn geprellt, verprügelt und gedemütigt.

 Kurzum, Demertschan war einer der einfachen Menschen, denen die Olympischen Spiele nur Leid gebracht haben. Tagesspiegel-Leser haben damals Anteil an seinem Schicksal genommen und Geld gespendet, über 1000 Euro. Ich habe ihm das Geld überbracht. In einem Zimmer, das schwarz vor Schimmel war, traf ich einen gebrochenen Mann und seine Frau, die noch nicht ganz aufgegeben hatte. Sie waren mehr als erstaunt, von einem Unbekannten ein dickes Geldbündel überreicht zu bekommen. Dankbar waren sie ebenso, auch wenn klar war, dass dieses Geld sie nicht aus ihrer Not holen würde. All das erzähle ich Popkov, bis er mich unterbricht und sagt: „Ja, ich weiß. Ich habe Demertschan vor Gericht vertreten.“

Weiter erzählt Popkov, dass der Unglückselige Demertschan sich gerade erneut vor Gericht verantworten muss. Polizisten werfen ihm Falschaussage vor. Er gibt an, von ihnen verprügelt worden zu sein. Sie bestreiten das. Die Olympischen Spiele verfolgen Mardiros Demertschan also weiterhin. Popkov sagt: „Ja, es ist ein bekannter und sehr trauriger Fall, wie in Russland mit Menschen umgegangen wird.“ Dann fügt er noch hinzu: „Das mit dem Schimmel im Zimmer... es ist in der ganzen Region Sotschi ein  Problem, das liegt am Klima. Wer nicht ordentlich dagegen kämpft, dem schimmelt alles weg.“

Graffiti und Plakate zeigen Wladimir Putin

Erstaunlich ist das: Russland ist so groß. Aber wer mit Leuten in Kontakt kommt, die sich gegen bestimmte Behörden stellen, landet immer wieder bei den gleichen Personen.

Die gleiche Person ist auch in der Innenstadt von Simferopol häufig zu sehen. Graffiti und Plakate zeigen Wladimir Putin. Der Präsident auf einem  Schiff, mit dem Spruch: „Die Krim, das ist unsere gemeinsame Errungenschaft.“ Oder Schilder einer frisch renovierten Kirche, gleich vier riesige Schilder, die darauf hinweisen, dass all das nur unter der Schirmherrschaft von Putin verschönert wurde. Hinter der Kirche steht ein Sowjetpanzer, der an den Großen Vaterländischen Krieg erinnert, also an den Zweiten Weltkrieg. Glaube, Geschichte und Gesinnung gesellen sich hier gern.

Ein Stück hinter dem Panzer, steht ein frisch errichtetes Denkmal. Es ist den „höflichen Leuten“ gewidmet, also den russischen Soldaten ohne Hoheitsabzeichen, die strategisch wichtige Punkte eingenommen oder ukrainische Soldaten in ihren Kasernen festgesetzt haben.

Es war eine extrem wilde Zeit im Frühling 2014, als in der Ukraine Revolution herrschte und auf der Krim auch – nur unter ganz anderen Vorzeichen. Ich habe einiges über diesen mehr als verworrenen Konflikt gelesen und die prägnanteste Szene aus einer Reportage ging in etwa so: Der Kommandeur einer russischen Einheit, die eine ukrainische Kaserne umstellt hat, spricht mit dem Kommandeur der Ukrainer. Wobei der auch ein ethnischer Russe ist. Der Kommandeur der Russen sagt: „Sie sind umzingelt. Geben Sie ihre Waffen ab und verlassen sie die Kaserne.“ Der Kommandeur der Ukrainer sagt: „Sie wissen genau, dass ein russischer Soldat sich nicht ergibt.“

Beim Denkmal für die „Höflichen Leute“ versuche ich mich an einer publizistischen Fingerübung. Eine Stunde lang an einer zentralen Stelle einer Stadt sitzen und beobachten, was sich dort abspielt. Das Denkmal steht am Beginn der Fußgängerzone, dahinter ist ein frisch errichteter kleiner Platz, etwas seitlich ist das markante Gebäude der Regionalverwaltung der Krim.

Das Denkmal selbst besteht aus einem Soldaten, einem Mädchen, das dem Soldaten Blumen bringt und einem Kater, der ebenfalls zum Soldaten aufschaut. Fast keine Minute vergeht in dieser Stunde, wo nicht Menschen daneben stehenbleiben und sich selbst oder ihre Freunde fotografieren. Viele fassen die Faust des Soldaten oder die Nase des Katers an. „Guck mal, wie süß, die Katze!“ ist der häufigste Ausspruch. Niemand verharrt länger oder ergeht sich in nationalistischen Posen. Es ist eher so Aufmerksamkeit aus der Kategorie: ach, interessant, was es hier jetzt nicht alles gibt.

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