Querschnittsgelähmter Radstar : Das zweite Leben der Kristina Vogel

Ein Unfall setzte der Karriere von Radstar Kristina Vogel ein jähes Ende. Doch Leistungssportler lernen, mit Rückschlägen umzugehen – es wird Teil ihrer DNA.

Wie knapp sie dem Tod entronnen ist, wurde Kristina Vogel nach dem Unglück erst allmählich klar.
Wie knapp sie dem Tod entronnen ist, wurde Kristina Vogel nach dem Unglück erst allmählich klar.Foto: Loic Venance/ AFP

Sie hat da eine kleine Narbe im Gesicht. Auf der linken Wange zieht sie sich als gezackter Blitz vom Mundwinkel nach unten und hinauf zur Nase, gerade so deutlich zu sehen, dass etwas tief hinten im Bewusstsein einen fragen lässt: Was stimmt nicht mit diesem hübschen Gesicht?

Im Mai 2009 war Kristina Vogel auf dem Heimweg, mit dem Fahrrad, sie war schnell unterwegs, wie immer, es ging bergab. Da nahm ihr ein Auto die Vorfahrt. Sie konnte nicht mehr bremsen und flog in die Heckscheibe des Fahrzeugs.

„Du wachst aus dem Koma auf und realisierst gar nicht richtig, was passiert ist, überall piept es“, sagte sie später. Ein Brustwirbel war gebrochen, Glassplitter hatten ihr das Gesicht zerschnitten, sie trug Narben an Hals und Schultern davon, brauchte neue Vorderzähne.

Trotz des Rückschlags sagte die Sprinterin in einem Werbevideo vor den Olympischen Spielen von Rio: „Wenn ich aufhöre, will ich die erfolgreichste Radsportlerin aller Zeiten sein. Aber manchmal bekommt man nicht das, nur weil man es will.“

Das Video hatte eine einfache Botschaft, und Kristina Vogel, die 2016 in Rio die Goldmedaille gewinnen sollte, war wie gemacht, sie zu verkörpern: „Verfolge deinen Traum. Egal, was kommt.“

Mit zwei olympischen Goldmedaillen und elf Weltmeistertiteln wurde Kristina Vogel, was sie sich vorgenommen hatte. Die Erfolgreichste. Über ein Jahrzehnt lang dominierte sie ihren Sport. Und die Narbe in ihrem Gesicht blieb das Schlimmste, was sie von einem Sturz davontrug. Bis zu jenem Trainingstag, dem 26. Juni 2018.

„Ich kam zu mir und dachte: scheiße. Erst mal atmen und orientieren.“

Sie fand sich auf der Bahn liegend wieder. Der Helm zerbrochen, ihre Lunge gequetscht.

Sie sagte sich: „Bleib ruhig, da kommt gleich jemand.“

Sie sagte sich: „Solange du bei Bewusstsein bist, hilf denen.“

Den Leuten, die an diesem Tag im Radsportstadion Cottbus waren und nun herbeieilten, bot sich ein schreckliches Bild: Die Sprint-Queen auf der Seite, reglos. Aber Dinge regelnd. Jemand solle ihr Portemonnaie aus dem Spind holen, meinte sie und gab Anweisungen, wen man anrufen solle. „Weil ich ja nicht wusste, wann ich ohnmächtig werden würde.“

Adrenalin macht das. Als der Schock nachließ, wurde ihr schlecht, glaubte sie, sich übergeben zu müssen. Ihr Teamkamerad Maximilian Levy redete auf sie ein, jetzt bloß nicht einzuschlafen. „Ich empfand einen unglaublichen Druck, als wenn alles zu eng war. Das kannte ich von meinen Füßen, die in eigens angepassten Schuhen steckten. Als ich sah, wie die Schuhe davongetragen wurden, ohne dass ich gespürt hätte, wie sie mir abgenommen worden waren, wusste ich, das war’s. Laufen ist nicht mehr.“

Ein halbes Jahr später steuert Kristina Vogel mit ihrem Rollstuhl eine Sitzgruppe in der Kantine des Bundesleistungszentrums Kienbaum an. Sie entscheidet sich für einen knallblauen Sessel, arretiert die Bremsen ihres Carbon-Rollstuhls, der aus demselben Material konstruiert ist wie einst ihre Sprint-Räder, und hangelt sich in den Sessel. Als es geschafft ist, strahlt sie. Ein kleiner Erfolg.

Das Bundesleistungszentrum in Kienbaum ist jetzt Vogels vorläufiges Zuhause

Das weitläufige Sportgelände östlich von Berlin ist Vogels vorläufiges Zuhause. Hinter Kiefernwäldern versteckt und an einem idyllischen See gelegen, diente es schon DDR-Kadern zur Vorbereitung auf große Wettkämpfe. Vogel war früher oft in Kienbaum, um zu trainieren. Heute nutzen auch paralympische Athleten das Leistungszentrum. Doch das ist nicht der Grund, warum die 28-jährige Erfurterin hier ist. Fragen nach einer paralympischen Laufbahn wehrt sie ab mit dem Hinweis, sie wisse noch gar nicht, in welcher Sportart sie gut wäre.

Ihr Lebensgefährte, der wie sie bei der Bundespolizei arbeitet, hat sich als Fachlehrer für ein Jahr nach Kienbaum abordnen lassen. Zuhause käme Kristina Vogel nicht mal alleine aus der Haustür, hier hat sie alles, was sie braucht. Auch Kraftraum und Gymnastik-Geräte, „um für den Alltag fit zu werden“, wie sie ihr Trainingsziel jetzt nennt.

Das Smartphone hängt ihr an einer verzierten Kordel um den Hals, die langen blonden Haare hat sie im Nacken zum Zopf gebunden. Knapp unterhalb der Brust setzt der Bereich ein, den sie nicht mehr spürt. In regelmäßigen Abständen drückt sie sich aus dem Polster des Sessels, als würde sie am liebsten aufstehen. Es ist wie ein Reflex, für den eine Zahl steht: 14:1. Auf 14 Momente, an denen sie sitzt, soll einer folgen, an dem sie sich mit durchgestreckten Armen vom Sitz hebt, um den Hintern zu entlasten und Druckstellen zu vermeiden.

Leistungssportler lernen, mit Rückschlägen umzugehen. Es wird Teil ihrer DNA, sich nach jedem Wettkampf wieder ganz auf den nächsten zu konzentrieren. Auch der Turner Ronny Ziesmer oder die österreichische Stabhochspringerin Kira Grünberg, die beide nach Sportunfällen im Rollstuhl sitzen, schienen sich deshalb schnell mit der Situation abzufinden. „Die Reha ist wie ein ewig langes Trainingslager“, sagte Grünberg. Spitzensportler machen mental dort weiter, wo ihr Körper sie im Stich lässt.

14:1. Dieser Zahl folgt Kristina Vogel wie früher einer Rundenzeit. Sie habe Angst, sagt sie, die erreichten Fortschritte wieder zunichte zu machen. Angst vor einem Fehler, der sie zwinge, liegen und sich helfen lassen zu müssen. „Das Schlimmste“, sagt sie, „was ich mir vorstellen kann, ist völlige Ohnmacht.“ Sie habe immer lieber alles selber gemacht, statt um Hilfe zu bitten. Schleppte zwei Meter lange Pakete mit Ikea-Schränken selbst ins Obergeschoss. War nicht überhaupt schon die Entscheidung fürs Radfahren eine für die Freiheit gewesen?

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