Schiffsunglück in Budapest : Ungarn und Südkorea suchen nach Schuldigem

Während die Bergung der "Nixe" noch andauert, wurde der Kapitän der „Viking Sigyn“ verhaftet. Experten diskutieren über nächtliche Fahrverbote

Taucher versuchen, das Wrack der „Nixe“ zu bergen.
Taucher versuchen, das Wrack der „Nixe“ zu bergen.Foto: Reuters/Antonio Bronic

Hochwasser behindert nach dem Schiffsunglück in Ungarns Hauptstadt Budapest noch immer die Bergungsarbeiten. Es sei bei einer Strömung von 15 Kilometer pro Stunde und ohne jegliche Sicht für die Taucher „völlig unmöglich“, in die Nähe des sechs Meter unter der Wasseroberfläche liegenden Wracks des Ausflugsschiffs „Nixe“ zu gelangen, sagte am Freitag Ungarns Außenminister Peter Szijarto.

Während die Bergung des Wracks noch einige Tage dauern könnte, haben die Rettungskräfte ihre bislang vergebliche Suche nach den Leichen der noch 21 vermissten Opfer an den Ufern der Donau bis an die Grenze zu Serbien ausgeweitet. „Strenge und gründliche Ermittlungen“ nach der Ursache der Schiffskollision hat Premier Viktor Orban angekündigt. Bei dem Zusammenstoß der „Nixe“ mit der „Viking Sigyn“ waren am Mittwochabend vermutlich 28 überwiegend südkoreanische Passagiere gestorben.

Nach einem der schwersten Schiffsunglücke der ungarischen Geschichte steht auch die Regierung in Seoul unter Handlungsdruck. Viele Südkoreaner fühlen sich an den Untergang der Fähre Sewol erinnert, bei dem 2014 mehr als 300 Menschen starben. Die damalige Regierung zwang das zum Rücktritt. Seoul hat Außenministerin Kang Kyung-Wha und ein Rettungsteam nach Budapest entsandt, das den heimischen Rettungskräften bei der Suche und Bergung der Vermissten helfen soll. Ihre Regierung wolle sicherstellen, dass keine Leichen im Wrack oder im Flussbett zurückblieben, so die Ministerin nach ihrer Ankunft.

Augenzeugenberichte aus Südkorea

Einige der sieben Überlebenden haben sich mittlerweile in den südkoreanischen Medien zu Wort gemeldet. „Ich sah, dass sich uns ein größeres Kreuzfahrtschiff näherte, aber hätte mir niemals vorstellen können, dass es uns rammen würde“, berichtete die 31-jährige Jeong Chung. Nach dem Aufprall sei die „Nixe“ sofort umgekippt und in Sekundenschnelle gesunken, so die 32-jährige Yoon. Alle Passagiere, die sich auf dem Panorama-Deck befanden hätten, seien durch den Aufprall ins Wasser geschleudert worden: „Diejenigen, die in der Kabine unter Deck waren, konnten das Schiff nicht mehr verlassen.“

Nur Passagiere, denen es gelungen sei, sich an das Rettungsboot zu klammern, oder die sofort von Crew-Mitgliedern anderer Schiffe aus dem Wasser gezogen worden seien, hätten eine Überlebenschance gehabt, so der 60-jährige Ahn, den ein auf dem Wasser treibender Plastikkanister vor dem Ertrinken bewahrte. Keine Rettungsversuche habe jedoch das Kreuzfahrtschiff unternommen, das das Ausflugsboot gerammt habe: Die „Viking Sigyn“ habe ihren Kurs mit voller Fahrt fortgesetzt.

Neue Aufnahmen von Sicherheitskameras zeigen etwas detaillierter, wie die 27 Meter kurze „Nixe“ mit dem 139 Meter langen Hotelschiff „Viking Sigyn“ kollidierte. Unter der Margaretenbrücke war die „Nixe“ vor einem Pfeiler leicht nach links gezogen und dabei von dem erheblich schnelleren Hotelschiff von hinten an der linken Seite ihres Hecks gerammt worden. Das sich in die Fahrbahn drehende Ausflugsboot von 40 Tonnen wurde danach von der über 1.000 Tonnen schweren „Viking Sigyn“ in Sekundenschnelle unter Wasser gedrückt.

Behörden in der Kritik

Der ukrainische Kapitän der „Viking Sigyn“ sitzt seit Donnerstagabend in Untersuchungshaft. In Ungarns Medien wird die Schuldfrage derweil kontrovers diskutiert. Fachleute verweisen darauf, dass alle Kreuzfahrtschiffe auf der Donau über Radaranlagen verfügen: Der Kapitän der „Viking Sigyn“ hätte die vor ihm fahrende „Nixe“ rechtzeitig wahrnehmen müssen. Andere Experten fragen sich, ob das Ausflugsboot seinen leichten Linkskurs rechtzeitig signalisiert habe: Wegen der Brückenpfeiler habe der Kapitän des Hotelschiffs kaum Spielraum für kurzfristige Ausweichmanöver gehabt.

Zunehmend geraten auch die ungarischen Aufsichtsbehörden unter Kritik. Trotz schlechter Wetterbedingungen und der wegen des Dauerregens sehr starken Strömung waren am Mittwoch nicht weniger als 70 Schiffe zu nächtlichen Ausfahrten unterwegs.

Die Donau sei für kleinere Ausflugsboote wegen der immer größeren Zahl an Kreuzfahrtschiffen zu einer „tödlichen Falle“ geworden, klagt der Schiffer Andras Kurbely im Webportal „Index.hu“. Mehrmals seien die Behörden vor den Risiken nächtlicher Kreuzfahrten gewarnt worden, aber es sei nichts unternommen worden, sagt Kurbely. Er plädiert für ein völliges Verbot von nächtlichen Ausflugsfahrten auf der Budapester Donau.

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