Schlammlawine in Brasilien : Hätte der Dammbruch verhindert werden können?

Viele Tote, eine zerstörte Region: Das Ausmaß des Minenunglücks in Brasilien wird immer deutlicher. Und Kritik wird laut: Die Katastrophe sei absehbar gewesen.

Helfer suchen in der Schlammlawine nach Verschütteten.
Helfer suchen in der Schlammlawine nach Verschütteten.Foto: Mauro Pimentel / AFP

Es sind grauenhafte Details, die die Brasilianer über die vielen Sondersendungen aus dem Unglücksort erfahren. Da entdecken Feuerwehrleute einen Bus tief unter dem Schlamm begraben. Die Menschen darin sind alle tot. Wenige Kilometer entfernt, so berichten Anwohner, habe ein Restaurant gestanden, das zur Mittagszeit gut besucht gewesen sein soll. Nichts mehr ist von dem Gebäude zu sehen, es ist einfach von der Schlacke verschluckt worden. An anderen Stellen wiederum finden Helfer Leichenteile, die von der Lawine verteilt wurden.

Wenige Tage nach dem Bruch mehrerer Staubecken für Bergbaurückstände in dem Ort Brumadinho gibt es so gut wie keine Hoffnungen mehr, noch Überlebende der Katastrophe unter den Schlammmassen zu finden. Bislang haben Suchteams rund 58 Leichen geborgen, 305 Menschen werden offiziellen Stellen zufolge noch vermisst. Es ist, so viel ist jetzt schon klar, eines der schlimmsten Unglücke in der Geschichte Brasiliens.

Am vergangenen Freitag war in Brumadinho im Bundesstaat Minas Gerais ein Rückhaltebecken mit Schlacke aus einer Eisenerzmine geborsten. Die gewaltige Lawine, die sich in sekundenschnelle ihren Weg bahnte, brachte weitere Becken zum Kollaps und zerstörte als erstes die Verwaltungsgebäude der Betreiberfirma Vale. Sie riss die Betonpfeiler einer Eisenbahntrasse fort, begrub Wohnhäuser unter sich und ergoss sich in den Fluss Paraopeba. Seine Ufer wurden weggerissen und die Uferwälder zerstört. An einigen Stellen türmt sich der Schlamm nun 15 Meter auf.

Nichts hatte die Menschen vor der Schlackewalze gewarnt. Die Sirenen, die für solche Fälle vorgesehen sind, blieben stumm. Sie heulten dafür am Sonntag im Morgengrauen, weil ein weiterer Damm, der beschädigt worden war, zu brechen drohte. Er enthielt vier Millionen Kubikmeter Wasser. 3000 Menschen in Brumadinho mussten ihre Häuser verlassen, konnten aber einige Stunden später zurückkehren. Das Wasser war abgepumpt worden.

Viele Menschen, die die Schlammlawine überlebten, sind nun obdachlos und haben ihr gesamtes Hab und Gut verloren. Die Justiz blockierte umgehend 11 Milliarden Reais (2,5 Milliarden Euro) auf den Konten Vales. Sie sollen der Soforthilfe in Brumadinho dienen. Israel entsandte auf Bitten Brasilias ein Team aus 136 Militärs, das bei der Bergung der Opfer helfen soll. Die Geste steht auch für die Annäherung zwischen Brasiliens neuem rechten Präsidenten Jair Bolsonaro und dem israelischen Premier Benjamin Netanjahu.

Es ist das zweite Unglück dieser Art innerhalb weniger Jahre

Die Brasilianer sind von der Katastrophe geschockt, und sie sind wütend. Denn sie ist das zweite Unglück dieser Art binnen drei Jahren. Ende 2015 hatte der Bruch eines Staubeckens in dem Ort Mariana – ebenfalls im Bundesstaat Minas Gerais – eine Umweltkatastrophe ausgelöst, die vom Umweltministerium als die bis dato größte Brasiliens klassifiziert wurde. Auch damals war der Konzern Vale über die Betreiberfirma Samarco maßgeblich involviert. Auch damals handelte es sich um eine Mine für Eisenerz, eines der wichtigsten Exportprodukte Brasiliens. 19 Menschen kamen in Mariana ums Leben und der Fluss Rio Doce wurde verseucht.

Dennoch ist bis heute kein einziger Verantwortlicher verurteilt worden. Vale bietet enorme juristische Mittel auf und die Justiz lässt sich auffällig viel Zeit. In Mariana brach das Staubecken wegen Überfüllung und falscher Wartung. Verantwortlich waren die kriminelle Nachlässigkeit des Konzerns und fehlende staatliche Kontrolle. Doch offenbar wurde nicht daraus gelernt. Der Chef des Anwaltsteams, das die Katastrophe von Mariana untersuchte, sagte nun: „Es war logisch, dass wieder ein Desaster passieren würde.“

Schon 2011 wurde vor dem Bruch eines Rückhaltebeckens gewarnt

Tatsächlich gleichen sich die Fälle. In Brumadinho warnten Umweltschützer schon 2011 vor dem Bruch eines Rückhaltebeckens, wenn es noch mehr Schlamm aufnehmen müsste. Nichtsdestotrotz wurde Anfang Dezember 2018 die Ausweitung der Mine von Brumadinho genehmigt. In den entsprechenden Sitzungen kam es offenbar zu heftigen Streits. Demnach habe Vale auf einer Erweiterung bestanden, obwohl der Vertreter der Umweltbehörde Ibama dagegen war. Er warnte vor dem hohen Risiko eines Dammbruchs.

Die Katastrophe erreicht nun auch den deutschen Zertifizierer Tüv Süd. Noch im September 2018 stufte er den Staudamm als sicher ein, wie ein Sprecher gegenüber dem Handelsblatt bestätigte. Dabei seien keine Mängel festgestellt worden. Der Tüv Süd mit Hauptsitz in München hat 500 Angestellte in Brasilien, die von São Paulo aus operieren. Ihr Spezialgebiet ist die Minensicherheit. Die Inspektionen des nun kollabierten Rückhaltebeckens seien Teil der regelmäßigen Routineuntersuchungen gewesen, heißt es. Laut Vale habe der Tüv Süd dabei die Stabilität des Damms und ein geringes Unfallrisiko attestiert. Der Zustand des Beckens befinde sich über der brasilianischen Norm, hieß es. Offiziell waren in das Becken seit drei Jahren keine neuen Rückstände aus dem Minenbetrieb mehr eingeleitet worden. Ob nun Schadensersatzforderungen auf den Tüv Süd zukommen, ist bislang unklar.

Vale-Präsident Fábio Schvartsman bat für die Katastrophe von Brumadinho um Entschuldigung. Als er vor zwei Jahren sein Amt antrat, hatte er das Motto ausgerufen: „Nie wieder Mariana!“ Jetzt hat ihn die Realität brutal eingeholt.

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