Panorama : Schloss fürs Leben

In Rom ist eine Brücke über den Tiber der neue Wallfahrtsort für Verliebte – und deren unromantische Spielverderber

Paul Kreiner[Rom]

Nachts um eins auf der Milvischen Brücke. Eng umschlungen stehen Flavia und Antonio unter dem Silberlicht eines halben Mondes, kaum 20 Jahre sind sie alt, und sie küssen sich, wie sich bestimmt noch keine Verliebten dieser Welt geküsst haben. Irgendwann kramt Antonio in seiner Jackentasche. Ein Vorhängeschloss zieht er heraus, einen roten Filzstift dazu, und sie schreiben „Du und ich – für immer!“ auf das glattpolierte Messing. Dann zählen sie die Straßenlaternen, und genau an den dritten Pfosten stadteinwärts links hängen sie ihren schlossgewordenen Schwur. Ein letzter Kuss, ein inniges Lächeln, dann fliegt der Schlüssel in hohem Bogen in den Tiber. Nichts mehr wird diese Liebe lösen können. Und Hand in Hand ziehen Flavia und Antonio von dannen.

Aus der Geschichte ist die Milvische Brücke vor allem durch Schlachten bekannt. So viele Feldherrn oder Kaiser aus dem Norden, die in den vergangenen 2200 Jahren etwas oder jemanden in Rom erobern wollten, drangen über sie in die Ewige Stadt vor.

Heute ist der „Ponte Milvio“ ein Kultort für Verliebte. Schuld daran tragen – früher hätte man gesagt: Romeo und Julia. Die modernen Parade-Turteltauben indes nennen sich Step und Babi, beziehungsweise Step und Gin, denn heutzutage wechselt „ewige Treue“ gelegentlich ihre Objekte. Und was einst Shakespeare hieß, das heißt heute Federico Moccia. Der 43-jährige Römer ist der einzige italienische Schriftsteller, der es schafft, den 81-jährigen Krimipapst Andrea Camilleri zeitweise von der Spitze der Bestsellerlisten zu verdrängen.

Mit seinem Roman „Drei Meter über dem Himmel“ (fortgesetzt von: „Ich steh auf Dich“) hat Moccia der Liebe den sinnigen Brauch der Vorhängeschlösser verpasst, den romantischen Schauplatz dazu – und seither reißt die Wallfahrt zur „Brücke der Verliebten“ nicht mehr ab. Das vordem gutbürgerlich-langweilige Viertel um den Ponte Milvio herum wurde geradezu zur neuen Flaniermeile der jungen Römer, die Anwohner beschwerten sich über nächtliche Ruhestörung. Da beschlossen griesgrämige Stadtväter, dem Schlösser-Wesen ein Ende zu setzen.

Mittlerweile hing nämlich nicht nur Moccias dritter Laternenpfahl von oben bis unten voller Ketten und Vorhängeschlösser, sondern Kuss für Kuss füllten sich auch seine Nachbarn. Und weil das Ensemble optisch eher den Eindruck einer Schrotthalde machte, an streng denkmalgeschützter Stelle auch noch, sollte die Müllabfuhr anrücken.

Es gab einen Aufstand. Die Rechten, sonst immer auf Ordnung und Zier bedacht, wetterten gegen die linke Stadtregierung, sie verwehre den jungen Leuten das Recht auf Liebe: Die Schlösser am Ponte Milvio seien wie die Münzen im Trevi-Brunnen ein Brauch geworden, den es zu respektieren gelte. Vor ein paar Tagen dann sprach Bürgermeister Walter Veltroni mit seinem „Sinn für Poesie“ ein Machtwort: So lange die Laternenpfosten unter der Last der Liebe stabil blieben, könnten auch die Schlösser bleiben – „von mir aus“.

Friede also? Nein, überhaupt nicht. Denn just in der Nacht nach Veltronis Gnaden-Edikt verschwanden die Schlösser, zu Hunderten, zentnerweise, still und leise. Der dritte Laternenpfahl sah am Morgen aus wie ein abgenadelter Weihnachtsbaum.

Es folgte der zweite Aufstand. Hatte der Bürgermeister insgeheim doch die Heerscharen der Müllmänner zu einem Blitz-Angriff auf die Milvische Brücke gedrängt? Verliebte sammelten sich zu Trauerprozessionen und Gedenkminuten. Ansonsten peinliches Schweigen ringsherum. Bis nun ein Eisenhändler den Mund auftat: Zigeuner seien bei ihm gewesen, sagte der Mann. Sie hätten ihm fünfhundert Vorhängeschlösser verkauft und er habe überhaupt nicht gewusst, woher die stammten.

Seither durchwehen neue Frühlingsgefühle die Ewige Stadt. Die Schlösser „d’amore“, so wird versichert, sollten nun „so bald wie möglich, dringend“ auf die Brücke zurückkehren – jedenfalls sofern dort noch Platz ist. Denn Roms Verliebte haben schon längst selbst wieder nachgelegt.

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