Die einzige Gartenmoschee Europas

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Schlossgarten Schwetzingen : Im Reifrock Richtung Orient
Die letzte ihrer Art. Die große Gartenmoschee hat als einzige in Europa überlebt und ist heute beliebte Fotokulisse. Unten: Broderiebeet, angelegt von Johann Ludwig Petri. Die Ornamente aus farbigem Kies, die von niedrigem Buchsbaum gefasst sind, gelten als die kunstvollste Form des Parterres. Fotos: Rolf Brockschmidt
Die letzte ihrer Art. Die große Gartenmoschee hat als einzige in Europa überlebt und ist heute beliebte Fotokulisse. Unten:...

De Pigage hatte diesen Türkischen Garten mit Moschee Ende des 18. Jahrhunderts geplant. Es ist kein Gotteshaus im klassischen Sinn, sondern eine Kulisse mit durchaus verständnisfördernder pädagogischer Absicht. Die Pavillons und der Zentralbau sind mit Sinnsprüchen in arabischer Schrift und deutscher Übersetzung ausgestattet, Sätze, die jeder, gleich welcher Religion, unterschreiben kann: „Es gibt keine Gottheit außer Gott“ oder „Lobpreise Gott und bitte ihn um Vergebung. Er ist gnädig.“ Auch das Innere des Kuppelbaus ist prächtig geschmückt und mit Versen verziert. Ein verzauberter Ort, der einen an Lessing und „Nathan den Weisen“ erinnert, ein Ort, an dem Einflüsse der Kulturen verschmelzen.

Verlässt man die Moschee durch den Hinterausgang, fällt der Blick auf einen malerischen Teich und einen Tempel auf einem Hügel, eine künstliche Ruine. Auf dem Weg zum Merkurtempel auf geschwungenen Wegen am Wasser entlang verlässt man den barocken Garten und begibt sich in den englischen Landschaftsgarten, der die barocke Anlage umschließt und ständig für neue Impressionen sorgt. Hier kann man sich wahrhaftig frei nach Lord Burlington auf eine kleine „Grand Tour“ durch die Gartenwelt begeben.

Der Park ist so reich an architektonischen Schätzen und Skulpturen, dass man gar nicht alle erwähnen kann. Zwischen nördlichem Boskett und Orangeriegarten verdient ein Privatgarten des Kurfürsten Beachtung, der auf engstem Raum überraschende Perspektiven gewährt. Vom Orangeriegarten blickt man auf den Apollotempel mit einer Kaskade hinunter zu einem von Sphinxen bewachten Naturtheater. Durch eine künstliche Grotte steigt man zu Apollo hinauf und geht durchs Gebüsch zu einem versteckten Badehaus mit prächtigem Vor- und Arbeitszimmer, in das sich der Kurfürst zurückzog.

So zeigt sich die Moschee vom Merkurtempel aus. Die beiden Minarette werden auch als Symbole der Freimaurer gedeutet, ebenso die Sterne an der Fassade.
So zeigt sich die Moschee vom Merkurtempel aus. Die beiden Minarette werden auch als Symbole der Freimaurer gedeutet, ebenso die...Foto: Rolf Brockschmidt

Ganz in der Nähe befindet sich die Brunnenanlage der wasserspeienden Vögel, frei nach einer Fabel von Äsop. Im Brunnen sitzt der Uhu, der einen Vogel geschlagen hat. Die anderen Vögel vom Rand eines Laubengangs bespritzen ihn empört mit Wasser. Echte Tiere in Volieren erhöhen mit ihrem Gezwitscher die Illusion. Durch einen weiteren Laubengang erkennt man am Ende täuschend echt den Zusammenfluss von Rhein und Neckar, „das Ende der Welt“.

Endlos scheint ein Tag im Schlossgarten von Schwetzingen. Es gibt in der gepflegten Anlage viel zu entdecken, darunter immer wieder Bauten wie den Tempel der Botanik und das Römische Wasserkastell mit Aquädukt – faszinierende Architekturkulissen an Wasserläufen, die sich zum Teil schnurgerade durch den Garten ziehen. Zwei Kanäle treffen sich am Tempel der Botanik und bilden einen Zirkel, dessen einer Schenkel wiederum zu einem Dreieck führt – Hinweise auf Freimaurersymbolik, die sich auch an der Moschee finden. Bildung, Aufklärung, Entdeckung, Erholung: Der Park hat viel zu bieten – auch angenehmen Schatten an heißen Tagen.

Schwetzingen hat durchaus Weltkulturerbeformat, allerdings hat man im zweiten Durchgang einen Rückzieher gemacht. Es gibt schon so viele Gärten in Deutschland und Europa. Aber die Qualitäten hat der Schlossgarten, so oder so.

Mehr im Internet: www.schloss-schwetzingen.de/garten

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