Serienverbrecher : Die lange Spur der Polizistenmörder von Heilbronn

Zwei Männer und eine Frau zogen jahrelang unerkannt durchs Land, raubten Banken aus und töteten eine Polizistin. Nur die Frau, Beate Z., hat überlebt. Wie ein Puzzle setzt sich das Bild einer bizarren Irrfahrt zusammen.

Die Polizei stieß in Zwickau auf die mutmaßlichen Täter.
Die Polizei stieß in Zwickau auf die mutmaßlichen Täter.Foto: dpa

Es könnte der Stoff für ein blutiges Road-Movie sein, nach dem Muster des legendären Bankräuberpärchens Bonnie and Clyde, das während der Weltwirtschaftskrise in den USA raubte und schoss und tötete. Allein schon die Waffen, die Polizisten im sächsischen Zwickau aus dem Brandschutt der Ruine in der Frühlingsstraße 26 picken, hätten für ein opulentes Ballerdrama gereicht. Neun Pistolen, ein Repetiergewehr, und am Mittwochabend finden die Beamten in der Ruine eine Maschinenpistole. Und das ist nicht alles. Am anderen Tatort, im 180 Kilometer entfernten Eisenach in Thüringen, entdecken Polizeibeamte in einem brennenden Wohnmobil drei Langwaffen und vier Pistolen. Und zwei erschossene Männer. Und bei zwei Waffen handelt es sich um Dienstpistolen der Polizei, Marke Heckler & Koch P 2000. Eine filmreife Geschichte. Aber, wie sich schnell zeigt, kein bisschen legendär. Sondern widerwärtig und wirr.

Seit vergangenen Freitag wird das Land mit einem Kriminalfall konfrontiert, der immer weitere Kreise zieht. Man weiß bislang von Schauplätzen in Sachsen, Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern und Baden-Württemberg. „So etwas habe ich in meiner Laufbahn noch nicht erlebt“, sagt ein hochrangiger Sicherheitsexperte. Mehr als 13 Jahre hat ein Trio aus drei Neonazis, zwei Männern und einer Frau, im Untergrund gelebt, die meiste Zeit vermutlich in Zwickau, mit falschen Namen, zuletzt als Untermieter in dem mutmaßlich von Beate Z. angezündeten Haus.

Die drei begingen eine Reihe schwerer Straftaten. Die Rede ist von Mord, von gefährlicher Körperverletzung, von Bankraub. Was der 38-jährige Uwe M., der 34 Jahre alte Uwe B. und die 36-jährige Beate Z. verbrochen haben und verbrochen haben sollen, wurde bislang nur linken Terroristen wie der Roten Armee Fraktion oder Profis aus den Milieus der organisierten Kriminalität zugetraut. Aber doch nicht Rechtsextremisten? Die können doch kaum mehr als Suff und Prügel? Ein Irrtum. Nicht erst seit vergangenen Freitag, aber jetzt erst recht. Und der Staat war ahnungslos? Oder war er sogar verstrickt?

Um die Dimension dieses Kriminalfalls zu begreifen, muss man weit zurückgehen. Ins Jahr 1998, als der Thüringer Verfassungsschutz in seinem Jahresbericht einen „Rohrbombenfund in Jena“ preisgibt. Am 26. Januar des Jahres hatte die Polizei in einer Garage im thüringischen Jena vier funktionsfähige Rohrbomben entdeckt. Der Verfassungsschutz nennt, eher ungewöhnlich, die verdächtigen Bombenbastler mit vollem Namen, was er sonst nur bei Führungsfiguren tut. Es sind Uwe M., Uwe B. und Beate Z. Die Garage wurde von ihnen als Bombenwerkstatt genutzt. Das Trio soll bereits 1996 und 1997 Sprengkörper und Bombenattrappen gebastelt haben. Einige Attrappen sollen die drei an Rathaus und Polizei in Jena geschickt haben und an die „Thüringische Landeszeitung“. Daraufhin wurde im Januar 1997 ein Ermittlungsverfahren eingeleitet.

Verfassungsschutz und Polizei hatten die zwei Männer und die Frau lange im Blick. Doch als die Polizei am 26. Januar 1998 zugreifen will, ist das Trio weg. Und bleibt verschwunden – bis vergangenen Freitag, da finden Uwe M. und Uwe B. ihr bizarres Ende im Wohnmobil in Eisenach. Die Polizei findet die verbrannten Leichen der Männer. Die Köpfe sind von Schüssen deformiert. Beate Z. bleibt vorerst unauffindbar. Wenige Stunden später soll sie in dem Haus in Zwickau Feuer gelegt haben. Mit soviel Brandbeschleuniger, dass es zu einer Verpuffung kam. Am Dienstag hat sich Beate Z. in Jena der Polizei gestellt. Doch sie schweigt.

Was zwischen dem 26. Januar 1998 und dem 4. November 2011 geschehen ist, muss nun mühsam aus Puzzlestücken zusammengesetzt werden. Vieles scheint noch nicht zu passen. 13 Jahre und neun Monate lang konnte ein Gewalttrio durchs Land ziehen. Fast jedes Detail provoziert neue Fragen. Wie konnte soviel schief gehen?

Im Jahr 1999 beginnt die Serie von insgesamt 14 Banküberfällen, die Staatsanwälte dem Trio zuschreiben. Es sind meist Filialen der Sparkasse, die von zwei vermummten Personen angegriffen werden. Waren es immer Uwe M. und Uwe B.? Die Überwachungskameras zeigen oft Kapuzenmänner mit Tüchern über Mund und Nase. Wo war Beate Z.? Die Kapuzenmänner, sagt die Zwickauer Staatsanwältin Antje Dietsch, seien oft auf Fahrrädern geflüchtet.

Dietsch zählt auf: mutmaßlich drei Überfälle in Zwickau, sieben in der nahen Region Chemnitz, zwei in Mecklenburg-Vorpommern, in Stralsund. Im September 2011 trifft es die Sparkasse im thüringischen Arnstadt, vergangenen Freitag ist es die in Eisenach. Warum die mutmaßlichen Räuber Uwe M. und Uwe B. danach im Wohnmobil sterben, bleibt rätselhaft. Die Polizei spricht von Selbstmord. Einen Grund dafür weiß sie nicht.

Seite 2: Sind die thüringischen Sicherheitsbehörden womöglich mit Schuld am Verschwinden des Neonazi-Trios?

Wie viel Geld bei den Überfällen geraubt wurde, erfährt die Öffentlichkeit nur teilweise. In Zwickau erbeuten die Täter im Jahr 2001in einem Postamt 75 000 D-Mark. Ein Jahr später sind es in einer Zwickauer Sparkassenfiliale 48 000 Euro. Bei beiden Taten werden Kunden mit Reizgas besprüht. Der dritte Überfall in der ostsächsischen Stadt, im Jahr 2002, scheitert – und kostet beinahe einen jungen Angestellten das Leben. Im Gerangel löst sich ein Schuss aus der Pistole eines Räubers, trifft den Auszubildenden im Bauch

Fünf Jahre später stirbt dann ein Mensch. Nicht bei einem Banküberfall, sondern auf einem Parkplatz in Heilbronn. Die Polizistin Michèle K. wird am 25. April 2007 mit einem Kopfschuss regelrecht hingerichtet. Schüsse treffen auch ihren Kollegen. Er überlebt schwer verletzt. An Tat und Täter kann er sich nicht erinnern.

Wie es zu den Schüssen kam, ist offen. Die Polizei fahndet zwei Jahre lang, auch in Österreich und Frankreich, nach einer vermeintlichen Serientäterin, in den Medien als „Heilbronner Phantom“ tituliert. Dann stellt sich heraus: Die Frau ohne Gesicht existiert nicht. Angeblich übereinstimmende DNA-Spuren bei mehreren Tatorten sind nur das Resultat verunreinigter Wattestäbchen.

Jetzt aber könnte der Mord an Michèle K. geklärt sein. Ihre Dienstwaffe und die des damals verletzten Kollegen findet die Polizei am vergangenen Freitag im Wohnmobil in Eisenach – eben jene Heckler & Koch P 2000. Beamte entdecken auch Handschellen der beiden Beamten. Völlige Klarheit, dass nur das Jenaer Neonazi-Trio als Täter in Frage kommt, gibt es zwar nicht. Dennoch hat am Mittwoch der Stuttgarter Generalstaatsanwalt Klaus Pflieger forsch verkündet, in der Brandruine in Zwickau sei die Tatwaffe des Mordes von Heilbronn gefunden worden. „Soweit sind wir noch gar nicht“, ärgert sich Staatsanwältin Dietsch in Zwickau, „die Waffen müssen erst untersucht werden.“

Pfliegers Vorstoß ist vielleicht symptomatisch. So viele offene Fragen. Da wollte er offenbar wenigstens eine geklärt haben. Doch es klappt nicht so schnell. Denn da ist auch noch die Frage, ob die thüringischen Sicherheitsbehörden womöglich mit Schuld sind am Verschwinden des Neonazi-Trios im Januar 1998. Stutzig macht, dass Uwe M., Uwe B. und Beate Z. damals der rechtsextremen Kameradschaft „Thüringer Heimatschutz (THS)“ angehörten, deren Anführer, Tino Brandt, später als V-Mann des Verfassungsschutzes enttarnt wurde. Könnte es sein, dass Tino Brandt von seinem V-Mann-Führer aus dem Verfassungsschutz Interna erfuhr – und weitergab, zum Beispiel an das Jenaer Trio?

Der seit November 2000 amtierende Präsident des Thüringer Verfassungsschutzes, Thomas Sippel, weist den Verdacht zurück. Doch sein Vorgänger, Helmut Roewer, wird noch heute in Sicherheitskreisen als Problemfall beschrieben. Auf eine Anfrage des Tagesspiegels antwortet Roewer, er beschäftige sich zur Zeit „bevorzugt mit zeitgeschichtlichen Problemen“, für Fragen zu seiner Zeit im Verfassungsschutz stehe er nicht zur Verfügung.

Dann ist da noch das Gerücht, das Landeskriminalamt Thüringen habe die flüchtige Bande 2003 im Blick gehabt. Das LKA hatte sogar Zielfahnder eingesetzt. Doch es gab keinen Zugriff. Die Staatsanwaltschaft Gera stellte dann das Verfahren gegen das Trio ein. Wegen Verjährung.

Uwe M., Uwe B. und Beate Z. wurden offenbar gar nicht mehr gesucht. Ein Sicherheitsexperte vermutet, die drei hätten sich trotzdem abgeschottet und kaum Kontakte nach außen unterhalten. Sie lebten in einer paranoiden Welt und hielten sich mit Banküberfällen über Wasser.

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