Panorama : Sex and the Second City

In der Internet-Parallelgesellschaft Second Life kann sich jeder neu erfinden und Sex haben. So viel er will

Sebastian Gierke

Ein zweites Leben. In dem alles möglich ist. Die unbegrenzte Freiheit. Das verspricht die Online-Welt „Second Life“ und erfreut sich deshalb ungeheurer Popularität. Über vier Millionen Einwohner hat sie mittlerweile.

Was machen Menschen mit unbegrenzter Freiheit? Natürlich erst einmal unbegrenzt Sex. Den gibt es in Second Life an jeder Ecke. In Bars, Clubs, wo man andere Leute kennenlernt, aber auch in Swinger-Clubs, Bordellen und an Orten, an denen jede Art von Fetisch ausgelebt, nein, besser: ausgepixelt werden kann. Die Liste der am häufigsten besuchten Orte der Parallelwelt gleicht einem Spam-Ordner: „Orgy Room“, „Mega Casion“, „Nude Beach“, „Sexy Land“.

Einen Partner zu finden, ist hier kein Problem. Viele Avatare, so nennt man die selbst gestalteten Spielfiguren, geben sich überaus aufgeschlossen. Alles erscheint einfach. Auch der virtuelle Sex. Am einfachsten bedient man sich dafür der sogenannten „pose balls“. Hat man einen anderen Avatar für ein Online-Schäferstündchen gefunden, muss man diese Bälle, die an den einschlägigen Orten ein paar Zentimeter über dem Boden schweben, nur noch anklicken – und die Simulation startet. Den Bällen, es gibt sie für den männlichen und den weiblichen Part, ist eine Animation einprogrammiert, die die Avatare jetzt technisch ausführen. Liebesgeflüster kann über den Chat schriftlich ausgetauscht werden.

Wer es raffinierter und abwechslungsreicher möchte, muss bezahlen. Virtuelle Sexshops und Kaufhäuser bieten verschiedenste Animationen an, zum Beispiel Sex auf Betten oder Teppichen, wo es bequemer ist. Die ausgefallensten Spielereien und Praktiken stehen zur Auswahl, vieles wäre im realen Leben gar nicht denkbar. Der Fantasie sind so keine Grenzen gesetzt – wenn man bezahlen kann. Sexualität folgt hier, noch radikaler als in Wirklichkeit, den entfesselten Wettbewerbsbedingungen der Konsumwirtschaft. Sexmobiliar gibt es ab 1000 Linden-Dollar (L$) zu kaufen, man kann aber auch 10 000 L$ für ein Bett mit allen Extras ausgeben. Linden-Dollar sind die Währung in Second Life, kein Spielgeld, sie können in reale Dollar getauscht werden (aktuell bekommt man für einen US-Dollar 269 L$).

Schönheitsoperationen sind in Second Life eine Sache von Sekunden und völlig risikolos. Der Körper kann, wie alles andere, programmiert werden. Jedes Körperteil kann man einzeln kaufen und wie Kleidung anlegen. Haut, Gesicht, Genitalien. In allen Formen, Farben und Materialien. Ein goldener Penis mit Flammenmuster kostet 150 L$. Sogar sprechende Exemplare gibt es.

Im zweiten Leben ist es möglich, seine Wünsche für die Wirklichkeit zu nehmen, Gott zu spielen. Niemand muss mehr mit seinem Körper unzufrieden sein. Es gibt keine Schüchternheit, keinen schlechten Atem, keine Potenzprobleme, keine Geschlechtskrankheiten. Jeder kann aussehen, wie er will, kann so alt sein, wie er will, kann das Geschlecht haben, das er will. Und keiner muss sich festlegen. An den Kunst-Ichs kann alles sofort wieder geändert werden.

Sexuelle Identität ist ausschließlich konstruiert. Vom Mythischen des Sex und dem Reiz der Erotik bleibt da nichts. Hier gibt es nur optimierte, narzisstische Selbstdarstellung und ein unbegrenztes Repertoire formelhafter Sex-Akte.

Kann dieser Sex glücklich machen? Oder macht er krank? Welche Auswirkungen hat das Treiben im Netz für die Beteiligten und die Gesellschaft? Für das reale Leben, für den realen Sex?

Nur wenige wissenschaftliche Untersuchungen haben sich bisher mit diesen Fragen beschäftigt. Doch eines scheint klar: Sex im Internet, Cybersex, ist als solcher nicht per se gut oder schlecht.

Dr. Andreas Hill, Oberarzt am Institut für Sexualkunde und Forensische Psychologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, ist überzeugt, dass die Möglichkeiten, die das Internet bietet, auch positiv genutzt werden können: „Die Interaktion im Netz erleichtert es für Menschen mit sozialen, psychologischen Problemen, die vielleicht isoliert, vereinsamt oder gehemmt sind, soziale Kontakte zu knüpfen, auch außerhalb des Internet.“ Doch es gebe auch Gefahren. Der Grat sei hier sehr schmal. „Man kann sich im Netz verlieren. Dann kommt es zur Flucht in eine Scheinwelt: Manche funktionieren im normalen Leben nicht mehr, werden süchtig, gehen nicht mehr zur Arbeit und melden sich krank“, sagt Hill. Das könne schließlich sogar zum Identitätsverlust führen.

Außerdem könne Internetsex auch Auswirkungen auf das reale Sexualleben haben. Fantasien könnten dort ausgelebt, sexuell ungewöhnliche Praktiken ausprobiert werden. „Doch je mehr unübliche Dinge man sieht, desto eher denkt man, dass das normal ist. Der normale Alltagssex kann dann plötzlich schnöde und langweilig werden. Man setzt sich damit einem unnatürlichen Druck aus.“

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