Staatsbegräbnis in Genua : "Brücken dürfen nicht einfach so einstürzen“

Beim Staatsbegräbnis für die Opfer des Brückeneinsturzes von Genua mischt sich Trauer mit Kritik. Eindrücke aus einer Stadt, deren Wunden nicht so schnell verheilen werden.

Almuth Siefert
Menschen nehmen in einer Messehalle Abschied an den Särgen der Opfer des Brückeneinsturzes.
Menschen nehmen in einer Messehalle Abschied an den Särgen der Opfer des Brückeneinsturzes.Foto: dpa

Je mehr Menschen kommen, desto stiller wird es in der direkt am Meer gelegene Messehalle von Genua. Der Pavillion Jean Nouvel füllt sich am Samstagmorgen von Minute zu Minute. Nachbarn und Freunde nehmen sich gegenseitig in die Arme, halten sich fest, wischen sich hilflos die Tränen aus den roten Augen. Auch Daniele Torre und seine Kollegen vom Hafen sind schon früh da und stellen sich in die erste Reihe direkt hinter der Absperrung, die die Angehörigen, die Regierungsmitglieder und die 18 Holzsärge mit den weißen Rosengestecken vom Rest der Trauergäste trennt.

„Ein Kollege von mir liegt in einem dieser Särge“, sagt der 48-jährige Hafenarbeiter mit leiser Stimme. Er sei sehr bewegt, „aber auch wütend. Brücken dürfen nicht einfach so einstürzen.“ Und doch ist das Polcevera-Viadukt, die Schrägseil-Brücke des Bauingenieurs Riccardo Morandi, am Dienstag um 11.50 Uhr auf rund 200 Metern Länge in die Tiefe gestürzt. Daniele Torre gibt die Schuld am Einsturz sowohl der Politik als auch der Betreibergesellschaft Autostrade per l’Italia, „die war schließlich für die Instandhaltung der Morandi-Brücke zuständig.“ Torre findet trotz aller Wut auch ein paar versöhnliche Worte. „Ich glaube, mit diesem Staatsbegräbnis versucht die Regierung, sich zu entschuldigen. Offiziell würde sie das nie tun, aber die versteckte Botschaft kommt irgendwie an.“ Diese Meinung teilen nicht alle. 20 der 38 Familien der bis zur offiziellen Feier geborgenen und identifizierten Todesopfer hatten entschieden, dem Staatsbegräbnis fern zu bleiben.

In Schwarz gekleidet sitzen Valeria Candiani und Davide Villa auf der Tribüne und halten sich an der Hand. Die beiden stammen aus dem 15 Kilometer entfernten Campomorrone. „Bei dem Einsturz der Brücke ist eine ganze Familie aus unserem Ort ums Leben gekommen“, erzählt Valeria Candiani. „Eine Mutter, ein Vater und ihr Sohn, der noch nicht einmal acht Jahre alt war“, sagt sie, „wir sind nur wegen ihnen hier.“ Sonst wären sie nicht gekommen. „Die Politiker veranstalten das hier doch nur, weil sie müssen, es ist ihr Job – aber das kommt nicht von Herzen.“

Die Morandi-Brücke galt 1967 als Symbol des Wirtschaftswunders

Als die Hauptfiguren der aktuellen Regierung, die Vize-Permiers Luigi Di Maio von der Fünf-Sterne-Bewegung und Lega-Chef Matteo Salvini, die Halle betreten, brandet in der andächtigen Stille, die die 5.000 Besucher umgibt, Applaus auf. Im hinteren Teil, wo die Gesichter der beiden auf den großen Bildschirmen auftauchen, die das Geschehen vorne für alle übertragen, sind aber auch Buh-Rufe zu hören. Luca Boscolo und seinen Freunden steht die Empörung ins Gesicht geschrieben. Der 41-Jährige kann es noch immer nicht fassen, dass von Innnenminister Salvini am Abend des Unglücks Fotos in sozialen Netzwerken auftauchten, die ihn lachend bei einem Essen in Sizilien zeigten. „Dieser Mann ist eine Schande.“ Er zieht sein Smartphone aus der Tasche und zeigt die Nachricht, die er wenige Minuten zuvor von einem Freund bekommen hat, einem Feuerwehrmann. „Nein, ich bin nicht bei der Feier“, steht da, „nach 26 Stunden Arbeit in den Trümmern muss ich mich kurz ausruhen, morgen geht es weiter.“ Boscolo ist ungehalten. „Denen sollte man applaudieren“, sagt er, „nicht diesem Hanswurst.“

Die Morandi-Brücke galt bei ihrer Fertigstellung im Jahr 1967 als Symbol des Wirtschaftswunders, als Symbol der Moderne. Neben der unfassbaren Tragödie, dass 43 Menschen ihr Leben verloren haben, droht ihr Zusammensturz in den kommenden Wochen auch ein wirtschaftlicher Alptraum für die Stadt Genua zu werden. Giovanni Toti, der Präsident der Region Ligurien, warnte bereits: „Das Risiko ist hoch, dass der Brückenzusammensturz viele Geschäfte lähmt und die Region isoliert.“

In der Hafenbehörde von Genua arbeitet man unter Hochdruck daran, den drohenden Kollaps zu verhindern. Paolo Signorini, der Präsident des Hafens, einem der größten Containerumschlagplätze am Mittelmeer, spricht von Nachtschichten, die er einführen will, um den Verkehr der Stadt zu entlasten. Auch soll eine alternative Straße durch das Gelände der Stahlfirma Ilva gefunden werden, das zwischen den beiden Landungsstellen des Hafens für Container liegt. „Damit könnten wir die Strada a Mare entlasten, über die derzeit nicht nur der normale Stadtverkehr führt, sondern auch etwa 800 unserer Lkws, die die Container von einer Anlegestelle zur anderen transportieren.“ Hinzu kommen noch Tausend weitere Lkws, die die unterbrochene Bahnlinie Richtung Norden kompensieren müssen.

„Die Kinder fragen ständig: Wann können wir wieder nach Hause?“, sagt Grace Delgado. Die Antwort darauf weiß die Mutter von vier Kindern schon: Die elf betroffenen Häuser unter der Brücke, darunter auch ihre Wohnung, werden wohl alle abgerissen. Die Stadt hat die Familie in drei Zimmern eines Hotels untergebracht. Wann sie in eine von der Kommune bereitgestellte Wohnung können, weiß sie nicht. Die Stadt sicherte zu, bis November würden alle 558 Evakuierten eine sichere Wohnung zugewiesen bekommen haben. Bis dahin fahren die Delgados jeden Tag rund 40 Minuten mit dem Bus von ihrer Notunterkunft im Hotel bis ins Bürgerzentrum Buranello, wo sie kostenlose Mahlzeiten bekommen. „Kochen können wir im Hotel ja nicht.“

Auch die Familie von Tommaso Bellone ist in einem Hotel untergebracht und kommt zum Essen ins Buranello-Zentrum unweit der Unglücksstelle. Der Hafenarbeiter hatte erst vor kurzem die Wohnung unter der Morandi-Brücke gekauft. Für 130.000 Euro. Zehn Tage vor dem Unglück sind er, seine Frau Milena und die zwei jüngeren der drei Kinder dort eingezogen. Tommaso Bellone hofft nicht nur auf eine schnelle Zuweisung einer Unterkunft, sondern auch auf eine Entschädigung. Die Betreiberfirma der Autobahn und der Brücke versprach am Wochenende 500 Millionen Euro für die Betroffenen. Und sicherte zu, die Morandi-Brücke innerhalb von acht Monaten wieder aufzubauen. Bis jedoch alle Wunden der Stadt verheilen, dürfte es noch sehr viel länger dauern.

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