Technik : Mit Drohnen Kitze retten und Wildschweine scheuchen

Jäger erschießen Tiere - aber sie schützen sie auch. Dabei wird immer häufiger auf moderne Flugtechnik gesetzt.

Diese beiden Rehe wurden als Kitze mit einer Wärmebildkamera aufgespürt und dann auf dem Milchbauernhof von Hand aufgezogen.
Diese beiden Rehe wurden als Kitze mit einer Wärmebildkamera aufgespürt und dann auf dem Milchbauernhof von Hand aufgezogen.Foto: Stefan Puchner/dpa

Quietschende Bremsen, ein dumpfer Aufprall. Am Ende liegt ein Reh auf der Landstraße im oberschwäbischen Ellwangen. Für die schwer verletzte Ricke gibt es an diesem Morgen keine Hilfe mehr. Doch was ist mit ihren Kitzen? Sie müssen irgendwo geduckt im Weideland liegen. Aber wo? Eile ist geboten. Kitze brauchen alle paar Stunden Nahrung. Zudem streift ein Fuchs umher. Das sind die Momente, in denen Manfred Lochbühlers Handy klingelt: „Kannst Du mit Deiner Drohne helfen?“

Lochbühler ist der Drohnenbeauftragte der Kreisjägervereinigung Biberach in Baden-Württemberg. Rasch ist der 58-Jährige samt Ausrüstung zur Stelle. Schon bald zeigt die Wärmebildkamera unter seinem Quadrokopter die Umrisse von zwei regungslosen Rehbabys im hohen Gras. Vier Monate danach tollen sie munter in der Oktobersonne umher – ein Böcklein und eine Geiß im Gehege des Milchbauernhofs von Michaela und Bruno Wiest, ein paar Hundert Meter von der Unfallstelle entfernt.

Im März kehren sie in die Natur zurück

„Die Wiests waren sofort bereit, die Kitze aufzunehmen“ erzählt Lochbühler. Michaela, Mutter von fünf Kindern zwischen acht und 17 Jahren, hat die „Bambis“ mit der Flasche aufgezogen: Anfangs mit Ziegenmilch, die exakt auf 39,5 Grad erwärmt wurde, und alle zwei Stunden verabreicht werden musste, am Tag und in der Nacht. „Ich fand das spannend“, sagt sie. „Wilde Tiere aufzuziehen und für die freie Wildbahn vorzubereiten.“ Einige Zeit wird sich Michaela Wiest noch um die jungen Rehe kümmern. „Am 13. März 2019 schicken wir sie in die Natur zurück, an meinem 39. Geburtstag.“

Anfangs gab es Widerstände der Traditionalisten

Die „Kitz-Rettung von Ellwangen“ gehört zu den Erfolgsgeschichten des Drohnen-Einsatzes im Landkreis Biberach, die Lochbühler und Dieter Mielke (58), der stellvertretende Kreisjägermeister, gern erzählen. Beide hatten sich im vergangenen Jahr – gegen Widerstände von eher traditionell eingestellten Kollegen – für die neue Technik stark gemacht. „Anfangs hat so mancher gefragt, ob Tausende von Euro für so eine Technik-Hornisse nicht rausgeschmissenes Geld sind“, sagt Mielke. Inzwischen ist die Drohne als Jäger-Utensil akzeptiert, in Biberach wie in einer Reihe anderer Reviere in Deutschland. „Wir begrüßen den Drohnen-Einsatz für den Tierschutz durch immer mehr Jäger ausdrücklich, vor allem bei der Kitzrettung“, sagt zum Beispiel Torsten Reinwald, Sprecher des Deutschen Jagdverbandes.

Manfred Lochbühler, Jäger und Drohnen-Beauftragter, steuert auf einer Wiese bei Laupheim eine Drohne des Typs Inspire 1.
Manfred Lochbühler, Jäger und Drohnen-Beauftragter, steuert auf einer Wiese bei Laupheim eine Drohne des Typs Inspire 1.Foto: Felix Kästle/dpa

Kitze im hohen Gras werden so leichter entdeckt

Dabei geht es um weit mehr, als die gelegentliche Suche nach Kitzen, die durch Unfälle zu Waisen wurden. Wenn im Frühling und Frühsommer große Mähmaschinen im Einsatz sind, werden immer wieder Rehkitze zerfetzt. Geboren werden sie zwischen April und Mitte Juni. Die Ricken legen die Kitze im hohen Gras ab, damit sie nicht so leicht entdeckt werden. Sie können aber noch nicht fliehen und drücken sich stattdessen ängstlich an den Boden.

„Bevor die Maschinen rollen, lassen wir die Drohne über Weideflächen und Felder fliegen“, schildert Lochbühler. „Die Wärmebildkamera zeigt uns am Bildschirm, wo sie sind und wir holen sie dann und legen sie sie an sicheren Stellen ab. Die Ricken finden sie dort und kümmern sich.“ Auf diese Weise haben Biberacher Jäger 2018 bei rund 45 Einsätzen mehr als 75Kitze gerettet. „Aktiver Tierschutz gehört zum Beruf des Jägers“, sagt Mielke.

Im Herbst werden Wildschweine aufgespürt

Auch im Herbst sind Jäger mit Drohnen im Einsatz. Jetzt geht es allerdings nicht mehr um die Rehkitz-Rettung, sondern um das Aufspüren von Wildschweinen. „Durch den starken Anstieg der Populationen wird es immer schwieriger, mit herkömmlichen Mitteln – etwa mit speziell abgerichteten Hunden – Schäden durch Wildschweine zu begrenzen“, sagt der Experte für Digitaltechnik in der Jagd, Niklas Scharffetter vom Fachmagazin „Jäger“. „Dank der Wärmebildkameras an den Drohnen lassen sich die Sauen selbst in hohen Maisfeldern gut erkennen.“

Jagdethisch ist das Prozedere umstritten

Zudem sind die surrenden Drohnen geeignet, Wildschweine aus dem Mais in Richtung bereitstehender Schützen zu treiben. Das ist jagdethisch umstritten und wird von nicht wenigen Profis als nicht waidgerecht abgelehnt. Allerdings besteht Experten zufolge weiter die Gefahr eines Einschleppens der Afrikanischen Schweinepest aus benachbarten Ländern nach Deutschland. Sie wird unter anderem von Schwarzwild übertragen und verläuft für Wild- wie Hausschweine fast immer tödlich. Auch deshalb haben Jäger in der Saison 2017/18 bundesweit mit etwa 820000 Tieren deutlich mehr Wildschweine erlegt als sonst.

Maßnahme gegen die Schweinepest

Die hohe Abschussrate ist auch Teil der Vorsichtsmaßnahmen: Das Schweinepest-Virus verbreitet sich langsamer, wenn weniger Schweine auf einer Fläche leben. Für den Fall, dass die Schweinepest auf Deutschland übergreift, haben die Behörden Sondermaßnahmen vorgesehen. Dazu gehört eine stärkere Bejagung von Schwarzwild, gegebenenfalls mit Hubschraubern sowie mit Drohnen und Wärmebildkameras. „Wir in Biberach“, sagt Jäger Mielke, „sind jedenfalls vorbereitet.“ (dpa)

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