Tropensturm "Idai" : „Die Menschen stehen vor dem Nichts“

Katharina Ebel von SOS-Kinderdörfer über die Zerstörung in Mosambik, die Ausbreitung der Cholera und den mühsamen Wiederaufbau nach der Flut.

Jonas Mielke
Ärzte haben begonnen, die örtliche Bevölkerung mit Schluck-Impfungen gegen Cholera zu versorgen.
Ärzte haben begonnen, die örtliche Bevölkerung mit Schluck-Impfungen gegen Cholera zu versorgen.Foto: Tsvangirayi Mukwazhi/AP/dpa

Frau Ebel, vor etwa zwei Wochen wurde die Stadt Beira in Mosambik vom Zyklon „Idai“ getroffen. Es gab verheerende Überschwemmungen. Wie sieht es dort im Moment aus?

Die Stadt ist extrem verwüstet. Riesige Mangobäume sind entwurzelt und auf Häuser gefallen, in den Armenvierteln ist von den kleinen Hütten teilweise nichts mehr übrig geblieben. Erstaunlicherweise war das Wasser aber schon fast weg, als ich vor einer Woche angekommen bin.

Wie ist die Lage außerhalb von Beira?

Wenn man über die Flutgebiete fliegt, sieht man, dass Menschen dort von der Außenwelt abgeschnitten sind. Das Wasser ist noch da, oder es ist extrem matschig. Vor ein paar Tagen hat die südafrikanische Armee zwei Babys gerettet, die nur wenige Monate alt sind. Sie haben eine Woche lang keine Nahrung bekommen, waren kurz vor dem Verhungern.

Die Lage ist also nach wie vor dramatisch?

Die Menschen leben ohnehin von der Hand in den Mund. Und dann kommt ein derart verheerender Sturm. Überschwemmungen gibt es hier jedes Jahr, aber einen Zyklon kannte niemand. Besonders in den Armenvierteln stehen die Menschen vor dem Nichts. Sie wissen nicht, wo sie am nächsten Tag schlafen oder woher sie Lebensmittel bekommen sollen.

Mehrere Menschen sind bereits an Cholera gestorben, mehr als 2000 Menschen sollen erkrankt sein. Wie groß ist die Gefahr, dass sich die Krankheit weiter ausbreitet?

Ziemlich groß. Wir kämpfen gegen die Zeit. Unicef hat vor wenigen Tagen begonnen, alle zu impfen. Die Helfer gehen von Tür zu Tür. Aber die Impfung wirkt normalerweise erst nach einer Woche.

Es werden also mehr Menschen erkranken?

Das ist anzunehmen. Es gibt kein sauberes Wasser, die Menschen haben keine Seife, können sich nicht einmal die Finger waschen. Es mangelt an so einfachen Sachen wie Streichhölzern und Kanistern, um Wasser abzukochen und aufzubewahren.

Ist denn ausreichend Hilfe vor Ort?

Das denke ich schon. Die lokalen Behörden sind tatsächlich sehr gut aufgestellt. Es gibt ein großes Koordinierungszentrum am Flughafen, dort sind auch Hunderte Helfer von internationalen Organisationen. Aber: Teilweise hat man das Gefühl, man koordiniert sich mehr, als das man dazu kommt, zu helfen. Andererseits muss man sich koordinieren, um sicherzustellen, dass alle Gebiete abgedeckt werden.

Worauf kommt es bei der Hilfe an?

Akut ist der Kampf gegen die Cholera und die Versorgung mit Lebensmitteln. Ein großes Problem wird aber sein, dass Land mittelfristig wieder auf die Beine zu stellen, den Leuten beim Wiederaufbau zu helfen. Die Schulen müssen instandgesetzt werden, die Menschen brauchen Häuser. Aber sie helfen sich auch selbst, so gut sie können.

Inwiefern?

Ich war gestern bei einer alleinerziehenden Mutter mit fünf Kindern. Ihr Haus ist komplett zerstört. Innerhalb von drei Tagen hat sie zumindest eine provisorische Unterkunft aufgebaut. Das hat mich sehr beeindruckt. Die mentale Situation ist aber eine ganz andere Herausforderung.

Wie sehr sind die Menschen traumatisiert?

Stellen Sie sich vor, um sie herum tobt ein Sturm, die Häuser fliegen weg – und sie kauern alleine mit ihren Kindern an einer Wand. Von nachmittags bis morgens um sechs Uhr. Man muss den Menschen erstmal wieder Mut machen und ihnen helfen, die eigene Stärke wiederzufinden.

Wie schafft man das?

Es muss konkrete Hilfe geben. Startkapital, Nahrung, Mittel um Häuser wiederaufzubauen. Aber man muss auch dafür sorgen, dass jemand da ist, der zuhört. Manche brauchen ihr Umfeld und müssen mit Leuten reden. Andere müssen unbedingt etwas tun.

Was heißt das?

Ich habe mit einer Mutter gesprochen, die durch den Zyklon eines ihrer Kinder verloren hat. Sie ist unglaublich aktiv, steht nicht still. In einem Cholera-Zentrum hilft sie, die Kranken zu versorgen und unterstützt Verwandte beim Häuserbau. Das ist ihre Art, mit dem Schicksalsschlag umzugehen.

Katharina Ebel ist Nothilfe-Expertin bei SOS-Kinderdörfer weltweit, für die sie bereits in Afghanistan, Syrien und dem Irak gearbeitet hat.

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