Türkei : Ein Land jagt einen Geist

Eine geheimnisvolle Friedhofsbesucherin bringt nicht nur die türkische Stadt Corum in Aufruhr. Das Mädchen sei ein Geist oder eine Tote, erzählen sich die Leute.

Ein Friedhof in der Türkei (hier ein Symbolbild) wird nachts von einem geheimnisvollen Mädchen besucht.
Ein Friedhof in der Türkei (hier ein Symbolbild) wird nachts von einem geheimnisvollen Mädchen besucht.Foto: Ralf Hirschberger/dpa-Zentralbild/dpa

Das Mädchen kommt immer nur nachts, setzt sich immer an dasselbe Grab und weint. Manche wollen gehört haben, wie die etwa 15-Jährige mit schluchzender Stimme fragt: „Warum hast du mich verlassen?“ Dann verschwindet sie wieder spurlos. Seit mehr als einer Woche hält die geheimnisvolle Friedhofsbesucherin die zentralanatolische Stadt Corum in Atem. Das Mädchen sei ein Geist oder eine Tote aus einem der Gräber, erzählen sich die Leute in der Stadt.

Die Polizei will der Sache mit Nachtsichtgeräten auf den Grund gehen, bevor die Situation außer Kontrolle gerät: Denn das „Mädchen von Corum“, wie die Unbekannte in den Medien genannt wird, ist zur überregionalen Sensation geworden und lockt immer mehr Besucher an, die nachts den Friedhof belagern.

Schwarze Kleidung und rote Schuhe trägt das Mädchen am Grab von Fatma Ciftci, einer 1982 verstorbenen Frau, wollen Augenzeugen auf dem Ulu-Friedhof im Stadtzentrum von Corum gesehen haben. Obwohl die Unbekannte bereits Ende April zum ersten Mal und seitdem bereits mehrmals gesichtet wurde, weiß niemand, wer sie ist. Warum sie ausgerechnet vor diesem Grab weint, ist ebenfalls unklar.

Friedhofsmitarbeiter wollen das Mädchen eines Nachts gefilmt haben, doch auf der Aufnahme ist nur eine schemenhafte Gestalt in der Ferne zu sehen. Friedhofswärter Fikret Yumutkan berichtete türkischen Medien, er habe das Mädchen angesprochen, doch sie sei wortlos davongerannt. An ihr Gesicht könne er sich allerdings nicht mehr genau erinnern. Er sei der Gestalt gefolgt, habe sie aber in der Dunkelheit zwischen den Gräbern und Bäumen verloren, sagte der Friedhofswärter – was die ganze Sache den Leuten in Corum noch geheimnisvoller erscheinen lässt. Yumutkan und seine Kollegen riefen die Polizei.

Mit einer Spezialkamera, die an einen Baum direkt gegenüber von Ciftcis Grab montiert wurde, wollen die Ermittler den Fall klären, doch selbst die Beamten sind bisher machtlos. In einer Nacht trafen die Polizisten die geheimnisvolle Besucherin auf dem Friedhof zwar an, doch sie entwischte auch der Staatsgewalt und verschwand in der Dunkelheit. So etwas habe er noch nie erlebt, sagte Bürgermeister Zeki Gül der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu.

Mit einer Botschaft auf einem Blatt Papier, das er an dem Grab ablegte, forderte Friedhofswärter Yumutkan die Unbekannte unterdessen auf, mit den Behörden Kontakt aufzunehmen. Er legte Kuli und Schreibblock daneben, um der Unbekannten die Möglichkeit zu geben, sich schriftlich zu melden. Bisher ohne Erfolg.

In Corum ist wegen des unbekannten Mädchens nichts mehr so wie vorher

In Corum, einer Stadt mit 200 000 Einwohnern rund 200 Kilometer nordöstlich von Ankara, ist wegen des unbekannten Mädchens nichts mehr, wie es vorher war. Die mysteriöse Geschichte machte den Friedhof binnen weniger Tage zu einem Magneten für Besucher aus Corum selbst und aus umliegenden Gegenden. Die Geister-Touristen machen es sich abends mit Kind und Kegel, Picknickkörben und Taschenlampen zwischen den Gräbern gemütlich und warten auf das angebliche Gespenst. Manche bringen für alle Fälle dicke Knüppel mit.

Als schließlich bis zu 300 Menschen in der Dunkelheit auf dem Friedhof herumstapfen wollten, hatte die Polizei genug und erklärte das Friedhofsgelände zum Sperrgebiet. Die Menge wurde hinter gelbe Absperrbänder vor dem Friedhof verbannt. Vier junge Männer, die trotz des Verbots über die Friedhofsmauer kletterten, wurden festgenommen.

Seitdem wiederholt sich jede Nacht das merkwürdige Schauspiel auf dem Ulu-Friedhof: Schaulustige rücken an und bleiben bis zum Morgengrauen. Vor dem Friedhofstor bieten inzwischen Imbissverkäufer ihre Waren an, um die Geisterjäger mit Süßigkeiten und Snacks bei Kräften zu halten. Es gehe zu wie auf einem Jahrmarkt, kommentierte eine Zeitung. Seit einigen Tagen wird der Friedhof sogar tagsüber besucht. Schüler schwänzen die Schule und treiben sich zwischen den Gräbern herum.

Die Gerüchte schießen ins Kraut

Dem Geist selbst wurde der Trubel offenbar zu viel – seit einigen Nächten ist das Mädchen nicht mehr aufgetaucht. Das tut den Spekulationen über die Identität der Besucherin aber keinen Abbruch. Ist sie ein Gespenst? „Nein, sie ist ein Mensch“, sagte eine Anwohnerin einem Fernsehsender. Andere sind sich da nicht so sicher. Das „Friedhofsgespenst“ ist inzwischen ein Thema für die großen Nachrichtensender der Türkei.

Ömer Sen, der seit 15 Jahren auf dem Friedhof von Corum Gräber aushebt, kann da nur verständnislos mit dem Kopf schütteln. Er vermute, das Mädchen sei drogenabhängig und suche Zuflucht auf dem Friedhof, sagte Sen dem Sender Habertürk. „Ich hab’ jedenfalls noch nie einen gesehen, der aus seinem Grab gestiegen und herumgelaufen ist.“

Längst nicht alle Türken sehen die Sache so nüchtern wie Sen. Der Islam hat kaum Einfluss auf den weit verbreiteten Aberglauben zwischen Bosporus und Ararat – ähnlich wie in christlichen Ländern erliegen viele Menschen in der Türkei der Faszination des Mysteriösen, auch wenn dies der offiziellen religiösen Lehre widerspricht.

So kritisierte der islamische Theologe Muammer Cengil in der regierungsnahen Zeitung „Yeni Safak“ zwar, der Rummel auf dem Friedhof vertrage sich nicht mit islamischen Grundsätzen und lasse im Übrigen die auf Friedhöfen gebotene Andacht vermissen. Doch die Mahnung des Islam-Wissenschaftlers geht im Trubel an den Gräbern von Corum unter: Die Zahl der nächtlichen Besucher steige immer weiter, meldete der Sender Habertürk.

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