Türkische Fatwa-Hotline : Bei Ramadan-Unfällen die 190 wählen

Im heiligen Monat Ramadan melden sich Zehntausende: Eine Hotline gibt in der Türkei Auskunft zu Glaubensfragen. Dabei geht es nicht nur ums Fasten.

Wer in der Türkei die Nummer 190 wählt, erhält eine islamische Rechtsauskunft für die Fragen des Alltags.
Wer in der Türkei die Nummer 190 wählt, erhält eine islamische Rechtsauskunft für die Fragen des Alltags.Foto: imago/Le Pictorium

Wer in der Türkei die Nummer 190 wählt, bekommt einen islamischen Theologen ans Ohr, der bei Anruf alle religiösen Fragen beantwortet. „Hallo Fatwa“ heißt die Hotline ganz offiziell; sie ist ein Service des staatlichen Religionsamtes. Die Nachfrage ist groß – Zehntausende Menschen wählen täglich die Nummer, um Auskunft über allerlei Glaubensfragen zu erhalten. Besonders groß ist der Andrang jetzt im Ramadan, der Anfang Juni endet.

Im westlichen Bewusstsein ist der Begriff der Fatwa mit Todesurteilen, Ungerechtigkeit und Unbarmherzigkeit verbunden, seit der Schriftsteller Salman Rushdie vor 30 Jahren vom iranischen Revolutionsführer Ajatollah Chomeini über eine Fatwa zum Tode verurteilt wurde. Dabei ist eine Fatwa nur eine islamische Rechtsauskunft – ein Gutachten von Gelehrten über islamisches Recht und seine Auslegung im Alltag. In muslimischen Gesellschaften sind Fatwas daher etwas ganz Alltägliches – so auch in der Türkei, wo Fatwas von der staatlichen Hotline eingeholt werden können.

In jeder türkischen Provinz gibt es eine Fatwa-Hotline

Der Mufti von Istanbul, Hasan Kamil Yilmaz, ließ anlässlich des Fastenmonats eine Reporterin des türkischen Fernsehens bei der Hotline mithören. Ein Anrufer wünscht dem Mufti zunächst einen gesegneten Ramadan. Er habe eine Frage zur rituellen Waschung – genauer zum Ausspülen des Mundes. Wenn er dabei versehentlich Wasser verschluckt, würde er damit sein Fasten brechen? Nein, kann der Mufti ihn beruhigen. Wenn er das Wasser versehentlich geschluckt habe und nicht wissentlich, dann sei alles in Ordnung. Was zählt, sei allein die Absicht. Der Anrufer verabschiedet sich erleichtert.

So gehe das von früh bis spät, erzählt der Mufti. Täglich von 8.30 Uhr bis 17 Uhr sind je vier männliche und weibliche Kollegen im Dienst; ein Spätdienst bleibt normalerweise bis 23 Uhr und jetzt im Ramadan bis Mitternacht. In jeder der 81 türkischen Provinzen gibt es eine Fatwa-Hotline. Bei den meisten Fragen geht es derzeit um Verfehlungen beim Fasten. Ansonsten bekommen die Theologen am Telefon ein ziemlich breites Spektrum an Fragen gestellt, erzählt ein Prediger, der bei der Hotline von Antalya beschäftigt ist: „Das geht von der Frage, wie man einen Leichnam für die Beerdigung verhüllt, bis hin zur unlängst gestellten Frage, ob man Äpfel geschält oder ungeschält essen soll“, sagt der Geistliche.

Die Hotline dürfe nicht für Fake News missbraucht werden

Nicht immer sind die Anrufer tatsächlich besorgte Gläubige – das mussten die Theologen früher manchmal feststellen, wenn sie am nächsten Tag die Zeitung aufschlugen. „Diese Journalisten geben sich am Telefon als normale Bürger aus und stellen Fragen, dann verzerren sie die Antworten und machen Skandal-Berichte daraus“, klagte vor einigen Jahren der damalige Präsident des Religionsamtes, Mehmet Görmez. Er habe die BoulevardPresse vergeblich angefleht, die Hotline nicht für ihre Fake News zu missbrauchen. Da rief zum Beispiel während der Gezi-Proteste ein getarnter Journalist an und sagte: Ich faste gerade, nun habe ich Tränengas geschluckt, ist mein Fasten damit gebrochen? Nein, sagte der diensthabende Theologe, ist es nicht. Am nächsten Tag erschienen fünf Zeitungen mit der Schlagzeile: „Religionsamt billigt Tränengas-Einsatz.“

Zum Skandal wurde auch eine Fatwa zum Kindesmissbrauch. Ob ein Vater sich versündige, wenn er seine Tochter lustvoll ansehe, lautete die Frage. Nein, war die Antwort, aber das Mädchen müsse älter als neun Jahre alt sein – so alt, wie die jüngste Ehefrau des Propheten bei der Heirat war. Das Religionsamt ließ die Hotlines daraufhin stilllegen. Anders gehe es wohl nicht mehr, sagte Amtspräsident Görmez, der das bedauerte.

Das Religionsamt, Verwalter der Hotline, gehört zur Regierung

„Diese Hotlines wurden täglich von 60.000 bis 100.000 Bürgern genutzt“, sagte Görmez. „Sie haben Menschen vor dem Selbstmord gerettet, sie haben Familien vor dem Auseinanderbrechen bewahrt. Wir müssen nun überlegen, wie wir solchen Missbrauch künftig verhindern.“ Das Religionsamt erwog, Antworten nur noch schriftlich zu erteilen und von hochrangigen Gelehrten unterschreiben zu lassen.

Zu diesen Reformen kam es nicht mehr. Görmez wurde von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan abberufen; sein Nachfolger Ali Erbas erklärte die Schließung der Hotline zum Fehler und ließ sie im vergangenen Jahr wiedereröffnen. Die türkische Presse ist heute nicht mehr zu Scherzen aufgelegt und erst recht nicht zu Kritik an der Regierung, zu der das Religionsamt gehört. Und so heißt es jetzt wieder landesweit: Hallo Fatwa, wie können wir helfen?

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