Die Angst vor der revanchistischen Entgleisung

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Vergangenheitsbewältigung : Das schwere Erbe der NS-Zeit
Geneviève Hesse

Beistand finden sie seit 2008 zum Beispiel bei speziellen Wochenendseminaren, die das private Hanuman-Institut in Charlottenburg vier Mal im Jahr organisiert. Auch Gertrud hat an einem solchen Seminar teilgenommen, das von zwei Coaches geleitet wird und 200 Euro kostet. In jeder Seminargruppe gibt es maximal zehn Teilnehmer. Sie reden sich mit Du und Vornamen an, was eine gewisse Anonymität ermöglicht. Zwei Drittel sind Frauen zwischen 40 und 50.

Unter anderem basierend auf den Methoden des US-Psychologen Arnold Mindell bietet das Institut Lebenshilfe in verschiedensten Bereichen an. In den Räumen an der Schlossstraße stehen tiefe, rote Sessel, auf dem Boden liegt ein kuscheliger weißer Teppich, und an den Wänden hängen große Landschaftsbilder. Man fühlt sich wie in einem Wohnzimmer. Die angenehme Atmosphäre soll es den Teilnehmern einfacher machen, sich vor anderen zu öffnen.

Die Seminarleiter wissen, was das Reden hemmt. Etwa die Angst vor der revanchistischen Entgleisung. Jemand könnte auf die Idee kommen, die Leiden der Täterkinder und -enkel gegen die Leiden der jüdischen Nachkommen aufzurechnen. „Unsere Arbeit bedeutet nicht, dass wir das Leid der jüdischen Familien vergessen oder reduzieren“, betont Seminarleiterin Tanja Hetzer, eine promovierte Historikerin. „Kinder und Enkel, die an den Nachwirkungen der Verbrechen ihrer Vorfahren leiden, brauchen Unterstützung für die Aufarbeitung. Das ist die beste Vorsorge, damit die Geschichte sich nicht wiederholt.“

Manche Kinder oder Enkel sagen zwar, sie hätten nicht das Gefühl, mitschuldig zu sein, die Verbrechen ihrer Vorfahren quälen sie dennoch. So berichtet der 43-jährige Florian* im Seminar von einem „komischen, diffusen Schuldgefühl“. In seiner Familie hieß es immer bloß knapp, der Opa sei ein „überzeugter Nazi“ gewesen. Bis heute weiß Florian nicht genau, was sein Großvater im Krieg gemacht hat. Beim Seminar wagt er die Vermutung, es könne einen Zusammenhang geben zwischen seiner Familiengeschichte und der Psychose, unter der er mit 18 Jahren litt.

Diese Theorie mag seltsam klingen – Psychologen halten sie jedoch für plausibel. Auch Seminarleiterin Tanja Hetzer glaubt: „Wenn die Täter für ihre persönliche Schuld an begangenen Verbrechen nicht in vollem Umfang einstehen, sinkt die Schuld ins familiäre Unterbewusstsein.“ In der nächsten Generation werde sie dann häufig als eine fremde Last empfunden. Diese „fremden“ Schuldgefühle können sogar Wut gegen diejenigen auslösen, die an die Verbrechen erinnern. Das trifft dann die Falschen: die Nachkommen der Opfer.

„Ein wichtiger Schritt besteht darin, sich an die Fakten zu wagen“, sagt Historikerin Simone Erpel. Die meisten haben Angst davor. Sie fürchten, aus der Familie ausgeschlossen zu werden, wenn sie unangenehme Fragen stellen. So ist auch zu erklären, warum viele Nachkommen erst jetzt, so viele Jahre nach dem Krieg, ihr Schweigen brechen und mit den Recherchen beginnen. Als die Täter-Verwandten noch lebten, trauten sie sich das einfach nicht. Andere schrecken vor Nachforschungen zurück, weil sie befürchten, dass die Gewalttaten, etwa des Großvaters, so brutal gewesen sein könnten, dass es kaum erträglich wäre, mit diesen im Detail konfrontiert zu werden. Vor allem aber kann es extrem schwierig sein, das Bild des geliebten Verwandten mit dem Bild eines fanatischen NS-Täters zu verbinden.

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