Nicht verantwortlich für die Tat - aber für den Umgang mit dem Wissen darum

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Vergangenheitsbewältigung : Das schwere Erbe der NS-Zeit
Geneviève Hesse

Dieses Problem hat auch die 68-jährige Brigitte*. Bekäme sie einen Beweis dafür, dass ihr Vater „auch nur einen einzigen Menschen“ umgebracht hat, fände sie das „schrecklich“. Dabei weiß Brigitte, die aus dem Rheinland stammt, dass ihr Vater Obersturmbannführer in der Waffen-SS war – einer Organisation, die Heinrich Himmler unterstand und die an zahlreichen Kriegsverbrechen und am Holocaust direkt beteiligt war.

Brigitte bezeichnet ihren Vater als einen „naiven, träumerischen, künstlerischen und hochbegabten Menschen“. Er sei in die Waffen-SS „reingestolpert“, weil er nach einem „Männerbund“ gesucht habe, um „Zucht und Ordnung in sein Leben zu bringen“. So hat er es ihr auf ihre Fragen hin erzählt, zuletzt sogar noch einmal auf dem Sterbebett. Für die Taten ihres Vaters empfinde sie „keine Scham- oder Schuldgefühle“. Deswegen liegt Brigitte seit Jahrzehnten im Streit mit ihrer ältesten Schwester – das ist der Grund, warum sie sich für das Seminar angemeldet hat.

Viele Geschwister, die als Nachfahren von NS-Tätern aufwuchsen, sind untereinander heftig zerstritten. „Das Gesicht des liebevollen Vaters und dasjenige des NS-Verbrechers zusammen zu denken und zu fühlen geht nicht“, sagt Hetzer. Daher gebe es in den Familien oft eine Spaltung, das eine Kind liebe den Vater über alles, das andere hasse ihn von ganzem Herzen.

Im „Schutzraum des Seminars“ seien „alle Formen des inneren Erlebens“ erlaubt, sagt Achim Goeres, ebenfalls Seminarleiter. Dazu gehört auch die bewundernde Liebe für einen Vater – ob er nun ein Nazi war oder nicht. Erst in einem zweiten Schritt versuchen die Seminarleiter, diese Liebe mit der Wahrnehmung der väterlichen Verbrechen zu verbinden. „Nur so sind die gespalteten Gefühle zu den Vorfahren langsam auszuhalten“, so Goeres.

Das Seminar soll auch die anhaltende Prägung der NS-Ideologie unter den Nachkommen aufdecken. „Mit den Taten der Deutschen muss es ein Ende haben“, begründete eine Teilnehmerin ihre eigene Sterilisation. Diese radikale Haltung erinnert Tanja Hetzer an die NS-Ideologie über wertes und unwertes Leben: „Manche Deutsche der zweiten und dritten Generation fühlen sich nicht wert, ihr Leben weiterzugeben.“ Einige fragen offen: Steckt auch in mir das Gewaltpotenzial, das meine Vorfahren hatten?

Hetzer und Goeres ermutigen die Seminarteilnehmer dazu, sich selbst besser kennenzulernen. Denn Empathie für die eigene Person, für die eigene Familiengeschichte und insbesondere für den Körper stempeln diese oft als peinliche Nabelschau ab. „Genau wie damals, als nur die ,Volksgemeinschaft’ und nicht der Einzelne zählte“, sagt Hetzer. Viele ihrer Klienten würden sich in ihre Arbeit hineinsteigern und sich dabei nicht mehr wahrnehmen – bis hin zum Burnout. In den Seminaren stellt Tanja Hetzer auch klar, dass das Einfühlen in sich selbst nicht bedeute, dass man die Nazi-Opfer vergesse. Im Gegenteil: Nur so könne man wahres Mitgefühl entwickeln.

Natürlich sei die zweite und dritte Generation nicht schuldig für NS-Taten. Aber sie sei verantwortlich dafür, das Wissen über die Verbrechen wenigstens in der Familie und möglichst auch darüber hinaus bekannt zu machen. Denn wenn man die Täter und das, was sie getan haben, öffentlich benenne, erkenne man damit auch das Leid der Opfer an.

Gertrud, die erst mit 50 erfuhr, dass ihre Mutter KZ-Aufseherin in Auschwitz war, hat das Seminar geholfen. „Das Reden vor anderen tat mir sehr gut“, sagt sie. „Am Ende merkte ich, wie die körperliche Erstarrung, die ich in meinem Leben durch meine Mutter annahm, förmlich von mir abfiel.“

* Namen geändert

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