Die Polizei jagt die Frau davon

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Vergewaltigung in Indien : Scham und Schande

Es ist ein doppelter Schmerz. Sie hat auch erfahren, was daraus folgt, ihn zu zeigen. Als sie ihren Mut zusammennimmt und zur Polizei geht, bestellt die den Vergewaltiger ein. Er kommt mit seiner Mutter als Beistand. Pooja sieht, wie die beiden mit dem Polizisten tuscheln, sie meint zu sehen, wie sie ihm Geldscheine zustecken. Wenige Stunden später taucht derselbe Polizist bei ihr zu Hause auf und verlangt, dass sie die Anzeige zurückzieht. „Er hat gedroht, dass er im ganzen Dorf erzählen würde, dass ich eine schlechte Frau bin, die mit anderen Männern schläft“, sagt sie. „Und er hat versprochen, dass der Nachbar mich in Frieden lasse.“ Unter diesem Druck zieht Pooja die Anzeige zurück. Auch ihrem Mann verschweigt sie, was passiert ist.

Doch es wird immer schlimmer. Die Polizei auf seiner Seite wissend, wird der Nachbar nun erst recht dreist. Über Wochen stellt er Pooja nach, wird immer rabiater. Von Angst zermürbt, verriegelt sie das Haus, sobald ihr Mann weg ist, traut sich kaum noch zur Toilette. Als der Nachbar auch noch versucht, ihre achtjährige Tochter zu vergewaltigen, geht sie zu dessen Ehefrau. Doch die beginnt, sie vor den Augen des Dorfes zu ohrfeigen.

Erst da erfährt ihr Ehemann von der Geschichte. Und Pooja hat Glück. Er stellt sich hinter sie und geht gemeinsam mit ihr zur Polizei, um den Mann anzuzeigen. „Aber die Polizei hat uns weggejagt“, sagt Pooja. „Sie haben gesagt, wenn ihr nicht abhaut, sperren wir deinen Ehemann wegen Vergewaltigung in den Knast.“

In ihrer Not wendet sich ihr Ehemann an einen Lokalpolitiker, einen Mann von der Hindu-Partei BJP, der tatsächlich auch bei der Polizei interveniert. Mit Erfolg, die nimmt Poojas Anzeige nun auf, der Vergewaltiger wird verhaftet. Doch für Pooja und ihre Familie ist der Albtraum damit nicht vorbei.

Sie haben gegen das Gesetz des Schweigens verstoßen, und das Dorf rächt sich. Nachbarn beschimpfen Pooja als Hure. Man droht, ihre Kinder zu entführen, was keine leere Drohung in Indien ist. Die Familie weiß sich in ihrer Angst nicht anders zu helfen, als das Dorf zu verlassen und nach West-Delhi zu ziehen, weit weg in die Anonymität der Riesenstadt. Pooja hockt nun den ganzen Tag zu Hause. Wie tot fühle sie sich, sagt sie. Was ist aus ihrem Kosmetikladen geworden? Da beginnt sie zu weinen.

Amitabh Kumars Augen leuchten. „Das hat man noch nicht gesehen“, sagt er und schiebt einen Stoßseufzer hinterher: „Gott sei Dank, endlich gehen Leute auf die Straße.“ Der 29-jährige Sohn eines Professors spricht fließend Deutsch. Sieben Jahre hat er in Freiburg IT-Technik studiert, dann bekam er durch Zufall einen Job beim Centre of Social Research in Delhi, das sich gegen Frauengewalt wendet. „Darin sehe ich mehr Sinn, als Mikrochips zu bauen“, sagt er.

Nun ist er auf dem Sprung. Es ist Samstagabend. Und gleich will er zum Jantar Mantar, der historischen Sternwarte, dem Zentrum der Proteste in der indischen Hauptstadt. Seit bald drei Wochen protestieren dort Menschen, trotz bitterer Kälte und Temperaturen von zwei, drei Grad über null. Die Demonstrationen sind kleiner geworden, aber sie gehen weiter. Wie Amitabh wollen viele junge Inder ihr Land verändern. „Verbietet euren Töchtern nicht, abends auszugehen, sondern lehrt eure Söhne, sich anständig zu benehmen“, fordern Plakate.

Sicherlich war es die extreme Bestialität der Tat, die die Menschen fassungslos macht. Doch es ist auch ein Kampf der Kulturen, ein Konflikt zwischen Gesellschaftsklassen, der das Drama über den Einzelfall hinaushebt. Hier kollidieren das alte und das neue Indien.

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