Die reaktionären Kräfte sind stark

Seite 3 von 3
Vergewaltigung in Indien : Scham und Schande

Das Mädchen personifizierte die junge, aufstrebende Mittelschicht, die von einem Aufstieg aus der Armut, einem besseren, freieren Leben träumt. Die 23-Jährige studierte Physiotherapie, wollte Ärztin werden. Dabei stammte sie aus einer armen Familie, die vor Jahren nach Delhi gezogen war. Ihr Vater schuftet als Gepäcklader am Flughafen, 70 Euro im Monat verdient er. Er musste ein Stück Land in seinem Heimatdorf verkaufen, um das Studium seiner Tochter zu finanzieren. „Ich wollte ihr die gleichen Chancen bieten wie meinen Söhnen“, sagt er. Das ist in Indien keineswegs selbstverständlich. Umgekehrt stehen die fünf mutmaßlichen Täter, die sich seit Montag vor Gericht verantworten müssen und überwiegend auf nicht schuldig plädieren, für das patriarchalisch-archaische Indien, in dem Frauen Freiwild sind und nach Belieben vergewaltigt, verprügelt, ermordet werden, wenn sie aufbegehren.

Der Wirtschaftsboom der vergangenen Jahre hat Indien rasant verändert. In den Städten ist eine junge Mittelschicht herangewachsen, die ausbricht aus alten Zwängen. Es gibt Mädchen und Frauen, die ihre Körper nicht länger verhüllen wollen, als müssten sie sich dafür schämen, Frauen zu sein. Die ihre Rechte einfordern. Die zur Arbeit gehen, ins Restaurant oder ins Kino.

Wie die junge Studentin. Sie war an jenem verhängnisvollen Abend des 16. Dezember mit ihrem Freund in dem Film „Schiffbruch mit Tiger“ gewesen, bevor die Täter das Paar in einen Bus lockten. Der Mord raubte auch die letzte Illusion, dass eine Frau sicher ist, wenn sie sich „an all die idiotischen Regeln hält, die unsere Gesellschaft ihnen auferlegt“, sagt Amitabh. „Sie war konservativ angezogen. Sie war nicht alleine aus. Und es war nicht spätabends.“

Diesmal blickten die Medien nicht weg. Vor allem die englischsprachigen Zeitungen und TV-Kanäle, die sich als Sprachrohr der Mittelschicht verstehen, nahmen sich des Themas an. Reißerisch und sensationslüstern, aber auch leidenschaftlich, und sie ergriffen Partei. „Stoppt diese Schande“, forderte der News-Sender NDTV. „Wo ist mein Indien?“, fragte „Times Now“. Seit drei Wochen berichten sie über das Verbrechen und ersparen dem Publikum keines der grausigen Details. Die Nation kann nicht wegschauen. Traumatisiert leidet das Land mit dem sterbenden Mädchen, das zur „Tochter Indiens“ geworden ist.

Doch die Proteste weiten sich erst aus, als die wiedererstarkte Studentengewerkschaft Delhis sich an deren Spitze setzt. „Die haben überhaupt keine Angst“, sagt Amitabh. Dann schließen sich auch die Mütter, die Schulkinder, die Bollywood-Schauspieler, die alten Männer den Aufrufen an. Was in Indien passiert, ist daher „eine gesellschaftliche Bewegung“, sagt Amitabh. Es gehe darum, welches Frauen- und Männerbild, welche Werte das Land vertritt, welche Freiheiten die Gesellschaft Frauen zugestehen will. „Die Männer müssen ihr Macho-Denken ändern“, sagt Amitabh.

Dem Staat wird Versagen vorgeworfen, die Mächtigen reagieren nervös. Noch immer sind Teile des Regierungsviertels in Delhi abgeriegelt, wimmelt es von Sicherheitskräften, setzt die Polizei Tränengas, Wasserwerfer und Schlagstöcke gegen Demonstranten ein.

Der Widerstand gegen einen Wandel ist groß, die reaktionären Kräfte sind stark. Das Mädchen „sei genauso schuldig wie seine Vergewaltiger“, verkündete der Guru Asaram Bapu, der hunderttausende Anhänger hat, ungeniert. Ganz im Geiste der Taliban will die südindische Stadt Pondicherry Schulmädchen künftig zwingen, sackähnliche Übermäntel ihren Schuluniformen überzustreifen, um – so die krude Logik – Jungen nicht zu Vergewaltigungen zu animieren.

Dennoch glaubt Amitabh, dass die Proteste „einen Wendepunkt markieren“, dass ein Anfang gemacht ist. „Vielleicht liegen wir bei vielem noch falsch“, sagt er. „Aber wir wollen dieses Land in Ordnung bringen.“ Dann zieht er seine Jacke an, schlingt den Schal um den Hals und macht sich auf zum Jantar Mantar.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben