Vor dem Herbst : Die Schönheit des Vergänglichen

Die Monate von September bis November sind bei vielen Menschen besonders unbeliebt. Doch der Herbst ist mehr als das Ende des Sommers.

Der Herbst ist keine schlechte Jahreszeit.
Der Herbst ist keine schlechte Jahreszeit.Foto: imago/Photocase

Viele Menschen fürchten sich schon das ganze Jahr vor diesem Moment: das erste Mal die Heizung auf drei stellen. Der graue Himmel erschlägt die Lebenslust. Draußen riecht es, nein, stinkt es nach Winter. Es ist düster. Es ist nass. Es ist trostlos. Kurzum: Es wird Herbst.

Dass die Deutschen dem Herbst ablehnend gegenüberstehen, konnte das Marktforschungsinstitut Splendid Research in einer Umfrage untermauern: 86 Prozent der Befragten gaben an, dass ihre liebsten Jahreszeiten Frühling oder Sommer seien. Nur neun Prozent nannten den Herbst, fünf Prozent den Winter.

Das verhasste Ende des Sommers

Gefühlt werden die Wochen von Anfang September bis Ende November hierzulande ohnehin nicht als eigenständige Jahreszeit wahrgenommen. Vielmehr sind sie das verhasste Ende des Sommers, das unmittelbar den Beginn des noch verhassteren Winters einläutet.

Doch in diesem Jahr können die sonnenliebenden Deutschen aufatmen. Glaubt man dem Wetterbericht, dann sitzt der despotische Sommer noch wochenlang fest auf seinem Thron. Selbst im September drohen bis zu 30 Grad. Inklusive zwölf Stunden Sonnenschein am Tag. Vermutlich werden einige Wochen vergehen, bis die Grills nicht mehr die Luft verpesten und biertrinkende, lärmende Horden die Straßen belagern.

Wenn uns aber dann die Herbststürme und der Dauerregen zurück in die eigenen vier Wände treiben, hat auch das ewige Außer-sich-Sein der Sommertage, der Zwang zum kollektiven Vergnügen am Badesee endlich ein Ende.

Wochenenden unter der Bettdecke

In einer Gesellschaft, die besessen ist von der Idealvorstellung der ständigen Aktivität, in der der Mensch kaum Zeit findet, bei sich selbst zu bleiben, sind die kalten Jahreszeiten eine Notbremse. Endlich wieder die Wochenenden unter der Bettdecke verbringen dürfen. Sich stundenlang in ein gutes Buch vertiefen, lange Gespräche über dampfendem Tee und Spieleabende am Küchentisch.

Der Herbst legt dem Menschen eine Stille auf, die ihn zwingt, die Aufmerksamkeit vom belanglosen Geplapper der Gartenpartys wieder auf die Auseinandersetzung mit sich selbst zu richten. Die behagliche Einrichtung der eigenen Wohnung rückt wieder in den Fokus, ebenso die Ausgestaltung des persönlichen Innenraums.

Wie der Nebel im Laufe des Vormittags den Blick in die Weite freigibt, bieten die herbstlichen Wochen eine Klarsicht auf das eigene Leben. Es scheint, als hätten die Menschen mit ihrer warmen Kleidung auch wieder ihre Gemütsruhe aus dem Schrank geholt. Sie wirken konzentrierter, zugänglicher, geerdeter.

Glückliche Selbstvergessenheit

Sicherlich wäre es naiv, zu glauben, dass mit den Blüten des Sommers auch die gesellschaftlichen Missstände verwelken würden, doch schon Erich Fromm wusste: „Auf sich selbst hören zu können, ist eine Vorbedingung dafür, dass man auf andere hören kann; bei sich selbst zu Hause zu sein ist die notwendige Voraussetzung, damit man sich zu anderen in Beziehung setzen kann.“

Herbst bedeutet auch die glückliche Selbstvergessenheit bei Federweißer, Flammkuchen und Bratapfel. Vorbei ist die Körperfixiertheit der Strandfanatiker, deren ewiges Lied der Selbstdisziplinierung verstummt. Über die mühsam gebräunten Bikinifiguren und hart erarbeiteten Sixpacks legt sich die Gleichgültigkeit des Übergangsmantels. Der Sommer ist bloßstellend und eitel, der Herbst aber gerecht und genügsam.

Während das gleißende Sonnenlicht der Sommermonate selbst noch das eintönige Grün schluckt und nur vergilbte Bilder in der Erinnerung zurücklässt, verstärken die farblichen Kontraste des Herbstes die Wahrnehmung. Wie durch ein Prisma fächert diese Jahreszeit die menschliche Lebenswelt auf. Die Fülle der Eindrücke, die überall erscheint, spiegelt sich auch im breiten Spektrum von Gefühlen und Gedanken wider. Es sind Wochen voller Ambivalenzen. Einerseits ist es der Höhepunkt des jährlichen Lebenszyklus mit einer Fülle an Früchten, andererseits das Bewusstsein vom bereits beginnenden Verfall der Natur.

Ohne Stress

Letztlich ist der Herbst eine Konfrontation mit der eigenen Vergänglichkeit, aber auch eine Erinnerung daran, dass das Schöne eben nur durch seine Vergänglichkeit schön ist und dessen Erleben umso intensiver ist, je näher das Ende kommt. Wie die letzten Seiten eines fesselnden Romans, die letzten Tage eines Urlaubs, der letzte Akt einer Theateraufführung. Und mit den fallenden Blättern kehrt auch das Bewusstsein der eigenen Geschichtlichkeit zurück. Der Wandel der Natur erinnert uns daran, dass das, was ist, nicht so bleiben muss.

Jeder Sommer hat seinen eigenen belanglosen Sommerhit, der bereits im darauffolgenden Jahr vergessen ist. Doch kein Naturmotiv schenkte uns mehr zeitlose Gedichte als der Herbst. Schon Goethe, Rilke, Fontane, Morgenstern und Hölderlin spazierten mit ihren lyrischen Ichs durch die verfärbten Laubwälder. In ihren Zeilen lässt sich die Tiefe des Lebens erahnen – jenseits des penetranten Lobgesangs auf die triste Banalität von Sonne, Strand und Sommerspaß.

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Das Lob des Herbstes lässt sich letztlich sogar auf die menschliche Lebensspanne übertragen. Im Vergleich zur älteren Generation wiesen nämlich ausgerechnet jene Teilnehmer einer britischen Studie, die im Frühling ihres Lebens stehen – also zwischen 20 und 30 Jahren alt sind –, das höchste Stresslevel und die meisten Ängste auf. Erwachsene im Alter zwischen 65 und 79 Jahren hingegen waren besonders glücklich.

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