Wenn Gullydeckel auf Züge fallen : Attacke für Lokführer der „blanke Horror“

Ein Zugführer wurde leicht verletzt, als ein Gullydeckel in die Frontscheibe seiner Regionalbahn krachte. Solche Attacken können Traumata auslösen.

Ein Gullydeckel traf einen Zuges der Hessischen Landsbahn.
Ein Gullydeckel traf einen Zuges der Hessischen Landsbahn.Foto: dpa/Hessische Landesbahn

Wo der Lokführer normalerweise durch die Scheibe auf die Gleise vor ihm schaut, klafft ein großes Loch. Der Rest der Windschutzscheibe ist blind vor feinen Zersplitterungen und Rissen im Glas. Fotos aus dem Innern des Führerhauses kurz nach der Tat zeigen Glassplitter überall auf dem Steuerpult. Spuren von den Schreckensmomenten für den Lokführer. Alptraumhaft: Unbekannte hatten von einer Brücke bei Siegen mehrere Gullydeckel auf die Höhe des Führerstands hinabgelassen. Eine Kollision war unausweichlich.

Dass der 49-Jährige bei der Attacke auf seinen Zug am Samstagfrüh keine schweren Verletzungen davontrug, ist für die Ermittler keine Selbstverständlichkeit. Versuchter Mord lautet daher der Vorwurf an die bisher unbekannten Täter: „Wenn jemand massive Gullydeckel auf Höhe des Fahrerstandes hängt, dann geht es nicht mehr darum, den Zug am Dach oder an der Seite zu beschädigen. Dann nimmt man den Tod des Fahrers billigend in Kauf“, sagt Staatsanwalt Philipp Scharfenbaum.

Der gelbe Regionalzug der Hessischen Landesbahn (HLB) war unterwegs vom nächtlichen Abstellplatz bei Erndtebrück zum Startbahnhof in Bad Berleburg. Noch ohne Fahrgäste sei der Zug der Linie RB93 nur mit mäßiger Geschwindigkeit von bis zu 50 Kilometern pro Stunde unterwegs gewesen, schildert HLB-Sprecherin Sabrina Wagner. 

Und doch habe der Kollege den „blanken Horror“ erlebt: Aus einer Kurve kommend, muss er schon von Weitem gesehen haben, dass da etwas von der Brücke baumelte, was da nicht hingehörte. Nach Ermittlerangaben hatten der oder die Täter mit Seilen und Ketten mehrere gusseiserne Gullyabdeckungen von der Brücke auf die Höhe des im Führerstand sitzenden Lokführers hinabgelassen. „Er hat genau richtig reagiert und blitzschnell eine Notbremsung eingeleitet und sich dann noch weggeduckt“, schildert Sabrina Wagner.

Auf unausweichliche Hindernisse zuzurasen, sei für Lokführer besonders schlimm, schildert Oliver Kaufhold, Sprecher der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG. Sie könnten nicht ausweichen, nur bremsen - und das Beste hoffen. Für manche Kollegen würden sich solche Erlebnisse als schlimme Traumata einbrennen, andere steckten solche Vorfälle leichter weg, sagt Kaufhold.

Dabei gehörten Hindernisse und bedauerlicherweise auch Menschen auf den Schienen zum Berufsrisiko des Triebfahrzeugführers. Glücklicherweise sei in der Branche längst die Sensibilität dafür gestiegen, dass Lokführer nach Unfällen oder Suiziden Hilfe bräuchten. So wird nach Firmenangaben auch der HLB-Mitarbeiter von Fachleuten betreut. Er habe einen mittelschweren Schock erlitten und sei zunächst krankgeschrieben.

Immer wieder Manipulationen an Gleisen

Immer wieder gibt es Vorfälle mit Manipulationen an Gleisen: Erst vor wenigen Wochen fassten Ermittler in Wien einen 42-jährigen Iraker als mutmaßlichen IS-Sympathisanten. Er steht unter Verdacht, im Dezember und Oktober Anschläge auf Bahnstrecken verübt zu haben. Er soll nahe Allersberg ein Stahlseil über die ICE-Strecke Nürnberg-München gespannt und nach ähnlichem Muster auch in Berlin zugeschlagen haben.

Unbekannte präparierten im Februar ein Gleisbett bei Dortmund mit Gehwegplatten und Autoreifen. In Euskirchen baumelte Anfang des Jahres ein Seil mit einem schweren Stein von einer Brücke und durchschlug ebenfalls eine Zug-Scheibe. „So etwas ist wirklich mordsgefährlich“, sagt Jens Flören, Sprecher der Bundespolizei in NRW. „Da wirken enorme Kräfte. Was auf den Gleisen liegt kann nicht nur für den Lokführer, sondern auch für Umstehende zum tödlichen Geschoss werden“, sagt er.

Wer steckt hinter solchen Attacken?

„Was wir am Wochenende erlebt haben, geht weit über den gefährlichen Eingriff in den Zugverkehr hinaus“, sagt Flören. Von einem Angriff „ganz neuer Qualität und Brutalität, bei dem jede Hemmschwelle überschritten ist“ spricht auch der Gewerkschaftssprecher Kaufhold.

Was dahintersteckt ist, für die Ermittler von Polizei und Staatsanwaltschaft am Montag jedoch noch völlig offen. Es gebe keine Hinweise auf einen Terroranschlag, aber auch keine andere heiße Spur. Ein aus dem Ruder gelaufener Streich? Ein gezielter Mordanschlag? „Wir ermitteln in alle Richtungen. Denkbar ist alles“, sagt Rainer Hoppmann, Sprecher der Staatsanwaltschaft Siegen.

„Wir sind jetzt auf Hinweise aus der Bevölkerung angewiesen“, heißt es bei der Polizei im Kreis Siegen-Wittgenstein. Die inzwischen auf 20 Ermittler aufgestockte Mordkommission hoffe, dass jemand beobachtet hat, wie die Gullydeckel gestohlen wurden. Bereits in der Nacht zu Donnerstag waren vier Abdeckungen aus Rinnsteinen im mehr als zwanzig Kilometer weit entfernten Hilchenbach verschwunden. (dpa)

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!